Der Adler und der Goldhamster

Kopf, blonde Haare, schwarze AugenbindeDer Goldhamster, er wusste nicht wie und warum, erfreute sich der besonderen Gunst des Königs Nobel. So kam er, von anderen Höflingen argwöhnisch beäugt, in einem Gefühl (vielleicht) trügerischer Sicherheit seinem eigentlichen Lebenszweck nach: Er hamsterte. Und wie um seinem Namen Ehre zu machen, hamsterte er mit Vorliebe Gold – Gold in jeder Form, als Staub oder Nugget, gegossen in Barren oder geprägt in Münzen – auch Blattgold verschmähte er nicht. Er ging im Palast des Königs ein und aus, und beinahe hätte man gesagt, er fühle sich dort heimisch, wäre nicht an ihm ein gewisses zögerliches Moment, eine sozusagen zeremonielle Steifheit zu beobachten gewesen. Befragt von Hofräten seines Vertrauens, warum er, der doch in der Sonne des Souveräns förmlich bade, sich nicht ein wenig lockerer gebärde, wies er mit zierlicher Geste hinauf zu den Deckengewölben des Königspalastes: „Es ist wegen der vielen scharfen Schwerter, die von der Decke herabhängen.“ Seitdem nannte man ihn in gewissen Kreisen „unseren Damokles“. Dem König kam das zu Ohren, und in einem Anfall von Güte empfahl er seinem Goldhamster eine Sommerfrische auf dem platten Land. „Aber Majestät, unter dem freien Himmel habe ich nur die Angriffe des Adlers oder anderer Raubvögel zu erwarten. Es wäre mein sicherer Tod.“ Da verbot der König in einem Erlass dem Adler und anderen Raubvögeln bei ihrem Leben, die Klauen in den Goldhamster zu schlagen, und gab dies dem Hamster als Schutzbrief mit. Ganz entspannt auf der hart getretenen Erde, auf dem kurz gefressenen Gras der weiten Tiefebene,  genoss unser Goldhamster den Brand der Sommersonne. Da wurde er von einem Stein erschlagen. Mit brechenden Augen erkannte er den Adler, der den Brocken in seinen Klauen aus dem Felsgebirge her getragen und direkt über ihm ausgeklinkt hatte.

Der Löwe sagte: „Der Adler verdient Respekt“ und gab ihm die Aufsicht über das Bankenwesen. Die Bankenaufsicht wurde ins Postministerium eingemeindet, das der Adler nach der Verbannung der Schnecke bereits führte.

Der Adler im Aufwind

Nach der Verbannung der Schnecke vom Hofe des Königs befand sich der Adler im Aufwind.
Nicht nur, dass seine Karte des Tierreichs nun in allen Amts- und Schulstuben zwischen dem Staatswappen und dem Glaubensbekenntnis der Tiernation hing. Nein, ihm war auch das Ministerium für Post und Telekommunikation anvertraut worden. Es gab viel zu tun. Rigoros modernisierte er das System der Schneckenpost und ersetzte es durch ein straff organisiertes Netz von Brieftaubenstationen. Jungadler schraubten sich in die Höhe und erspähten jede verdächtige Bewegung auf den gepflasterten Heerstraßen. Eulen wurden als Nachtsichtgeräte an den Grenzen eingesetzt.
Am Hofe flog er ein und aus, er hatte, so sagte man, den direkten Draht zum König. Nur selten weilte er in seinem angestammten Horst, lieber pickte er sich eine Brieftaube heraus und verfolgte ihren Dienstflug aus großer Höhe. Oder er gesellte sich zu einem Jungadler und begleitete ihn auf seinen Kontrollflügen. Manchmal machte er sich den Spaß, des Nachts mit einem Luftballon oder einem flatternden Tuch die Eulen zu erschrecken. Er schien überall gleichzeitig zu sein. Bald nannte man ihn „Das Auge des Königs Nobel”.
Eines schönen blauen Tages nutze er einen Steigwind, wie er ihn noch nie erlebt hatte, und er gelangte höher hinauf als jemals. Da begegnete er Gott. Gott war wie… wie sollte er es beschreiben? Gott segelte ruhig dahin. Die starren, weit ausgespannten Flügel, auch die Schwanzfedern wie der langgestreckte Körper, alles war aus einem glatten, weiß schimmerndern Material. Die Flügelspitzen zitterten leicht in einer geheimen Spannung, in gelassener Kraft, so wollte ihm scheinen. Vorn lief der Körper in eine glatte gläserne Kuppel aus, ein riesiges Auge. Mit den Schwingen rudernd, hielt der Adler gleiche Höhe und starrte in dieses Auge. Im Innern des Glaskörpers blickte er in zwei weitere Augen, und darin spiegelten sich seine eigenen Augen…
Da fasste der Adler den Entschluss, den König der Tiere zu stürzen.

Patchwork

Patchwork //// Ungarn-Nachrichten im Januar 2011.  Ein geneigter Leser schickt mir – auf anderem Wege, er ist kein Blogger – folgende Zeilen:

„Was Ungarn vernäht,
will ich nicht versäumen.“

Danke, T.F., das Wortspiel hilft, dem Wettkampf zwischen Nähmaschine und Schreibmaschine aus einer dadaistischen Ecke zuzuschauen.