Wieder gelesen: Krieg und Frieden #2

Pierre nach seinem Auftritt im Hause Anna Pawlownas, bei dem er Bonaparte fast schon wie Heinrich Heine als Hüter der Revolution und berittenen Weltgeist verteidigt hatte, nun im Gespräch unter vier Augen. Seinem Freund, Fürst Andrej, antwortet er auf die Frage, ob er sich schon bei der Gardekavallerie gemeldet habe: „Wir haben jetzt Krieg gegen Napoleon. Wenn das ein Kampf für die Freiheit wäre, dann könnte ich es verstehen und träte als erster in den Kriegsdienst. Aber England und Österreich gegen den größten Menschen auf der Welt zu helfen… nein, das ist nicht schön.“ Fürst Andrej, befremdet ob dieser Naivität: „‚Wenn alle Menschen nur nach ihrer Überzeugung kämpften, dann gäbe es keinen Krieg‘, sagte er. ‚Das wäre ja gerade sehr schön‘, entgegnete Pierre. Fürst Andrej lächelte. ‚Schon möglich, daß es schön wäre, aber das wird nie geschehen.‘ ‚Na, warum gehen Sie denn in den Krieg?‘ fragte Pierre. ‚Weswegen? Man muß eben. Außerdem gehe ich…‘ Er hielt inne. ‚Ich gehe deshalb, weil das Leben, das ich hier führe, weil dieses Leben – mir nicht paßt.'“

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden. Erster Teil, Kapitel 6. Übersetzung Marianne Kegel. München 1956.

Der Koloss. Francisco de Goya zugeschrieben.

Vor 12 Stunden

Budapest, XII. Bezirk. Ukrainische Botschaft. Ganz rechts der Konsulateingang mit der Schlange der Wartenden.

Gestern Mittag vor der Ukrainischen Botschaft in Budapest. Hier haben wir am Sonntag vor einer Woche Blumen niedergelegt und eine Kerze angezündet. Da waren noch keine Geflüchteten vor der Botschaft. Ich versuche es mit Englisch und Deutsch. Gespräch mit einer jungen Familie. Er Engländer, hat Frau und Kind herausgeholt. Sie wollen die Papiere in Ordnung bringen und dann mit dem Flieger nach London. Wissen sie von jemandem, der oder die weiter nach Deutschland will? Ja, da war jemand im Zug, aber… Die Aufmerksamkeit ist nicht auf dieses Gespräch gerichtet. Die Frau wartet gespannt darauf, dass die nächste Gruppe von zehn Menschen hereingerufen wird. Der Mann kümmert sich um das Kind. Sie sind bei Záhony nach Ungarn über die Grenze gegangen, weil die Übergange nach Polen hoffnungslos verstopft schienen. Der junge Mann ist voller Lobes für die Hilfsbereitschaft der Ungarn. Sie haben im Zelt übernachtet und wurden gut versorgt. Fahrten mit der Ungarischen Staatsbahn sind kostenlos. Will sonst niemand nach Deutschland? Ich treffe sonst keinen mit Deutsch- oder Englischkenntnissen, geschweige denn Ungarischsprechende. Klar, die wollen nicht weiter. Eine junge Frau kann Französisch, aber das kann ich nicht. Alle haben einen Plan und sind gestresst. Ich bin da eher lästig.