Wieder gelesen: Albert Camus „Die Pest“ (4)

Wieder gelesen: Albert Camus „Die Pest“ (4)

Ordnungen des Wissens: Wer ist berufen, die Dinge beim Namen zu nennen? Im Falle der Beulen- und Lungenpest Allgemeinmediziner, Bakteriologen, Pulmologen, dann Theologen, Soziologen… Rieux macht abends seine Hausbesuche: Der alte Asthmatiker sitzt wie immer auf seinem Bett und vertreibt sich die Zeit mit Erbsenzählen. Noch zählt niemand die Toten. Der Leser begegnet einem weiteren Bagatellisierer, weniger Ignorant, mehr amtlicher Leugner: „Immerhin telefonierte Rieux mit dem städtischen Entrattungsdienst, dessen Direktor er kannte. Hatte er schon von den Ratten gehört […]? Direktor Mercier hatte davon reden hören, man hatte sogar in seinen eigenen Diensträumen in der Nähe des Meeres über fünfzig Stück gefunden. Doch fragte er sich, ob das Ganze ernst zu nehmen sei. Rieux wusste es nicht, aber er war dafür, dass der Entrattungsdienst einschreite. ‚Ja‘, sagte Mercier, ‚mit einem schriftlichen Befehl. Wenn du meinst, es sei der Mühe wert, kann ich ver­suchen, einen zu erlangen‘. ‚Es ist schon der Mühe wert‘, sagte Rieux.“ [11]

Ordnungen des Wissens: Wer berufen ist, hat auch einen Ruf zu verlieren. Außer man beginnt zu zäh­len. Dabei kann man nichts falsch machen. Statistiker verstecken sich hinter der scheinbar neutralen Mathematik. Aus den Zahlen können Zweitwohnungsbesitzer Schlüsse ziehen. Aber nicht immer entsteht in der Villa auf dem Lande ein Dekameron. „Die Sache ging so weit, dass die Agentur Ransdoc […] bekannt gab, dass am 25. April allein 6231 Ratten eingesammelt und verbrannt worden waren. Diese Zahl gab dem täglichen Schau-spiel, das die Stadt vor Augen hatte, einen klaren Sinn und vermehrte die Verwirrung. […] Am 28. April gab Ransdoc eine Ausbeute von ungefähr achttausend Ratten bekannt [Warum erst eine exakte, dann eine ungefähre Zahl? fragt Xing], und in der Stadt erreichte die Beklemmung einen Höhepunkt. Man verlangte durchgreifende Maßnahmen, man klagte die Behörden an, und einige, die ein Haus am Meer besaßen, spielten bereits mit dem Gedanken, sich dahin zurückzuziehen.“

Wieder gelesen: Albert Camus „Die Pest“ (3)

Nehmen wir einen der Bagatellisierer. Der Hauswart Michel wird von einem Bewohner des Hauses, dem Arzt Rieux, am 16. April mit einer toten Ratte im Flur konfrontiert:

Nager und Abgenagtes

„Seine Haltung war übrigens eindeutig: es gab keine Ratten im Haus […] sie mussten hereingebracht worden sein. […] Am nächsten Tag […] hielt der Hauswart den Arzt im Vorübergehen an und beklagte sich, Lausbuben hätten drei tote Ratten mitten in den Gang gelegt.” [8-9] Gerade an dem alten Hauswart wird der Verlauf der Erkrankung und das Sterben geschildert. Moralisch gesehen, wäre der Tod die gerechte Strafe für das Leugnen. Aber es geht nicht um Moral. Die Pest rafft Gerechte und Ungerechte dahin. Aus Camus‘ Tagebuch Februar 1942: „Die befreiende Pest. Eine glückliche Stadt. Man lebt nach allerlei Systemen. Die Pest: bringt alle Systeme auf einen Nenner. Aber die Menschen sterben trotzdem. Doppelt sinnlos.“ [179 f.*]

Es geht nicht um Moral, vielmehr um Ordnungen des Wissens. Michels Körper weiß mehr, als sein Intellekt wahrhaben will. Die Doppeldeutigkeit des Ausdrucks Haltung: „Den Hauswart fand der Arzt neben der Haustür an die Maurer gelehnt. Sein sonst hochrotes Gesicht schien eingefallen. […] Er schien niedergeschlagen und sorgenvoll. Unwillkürlich rieb er sich den Hals. Rieux fragte ihn, wie es ihm gehe. Der Hauswart konn­te nicht sagen, es gehe ausgesprochen schlecht. Nur fühlte er sich nicht wohl. Seiner Meinung kam es von seiner Gemütsverfassung. Diese Rattengeschichte hatte ihn stark mitgenommen, sobald die Tiere verschwunden seien, werde es ihm wieder viel besser gehen.“ [11]

*Albert Camus, Tagebücher 1935 – 1951. Neuausgabe. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt