Megjöttek a locsolók – Hier kommen die Sprinkler

Diese Übersetzung bietet Facebook an. Eine Sprinkler-Anlage – das sagt mir etwas. An Orten mit starkem Publikumsverkehr, in Kaufhäusern, Tankstellen, Hotels usw., dient sie dem Brandschutz. Auch mit Berieselungsanlagen, im Online-Wörterbuch für „locsolófej“ angeboten, kann ich was anfangen. Italienisch: „spruzzatore‘. Neulich auf Euro-Sport die Qatar-Rundfahrt, die Spitzengruppe aus fünf sechs Radlern, dann das Peloton fließen an Baumkulissen vorbei, durch Kreisverkehre, in deren Mitte grüne Inseln und Blumenbeete durch Bewässerungsanlagen frisch gehalten werden. Zu den Bildern Dauerberieselung mit Techno im Fitness-Studio. Aber „die Sprinkler“??? Worum geht es? Um einen alten Volksbrauch in Ungarn, aber auch anderswo in Osteuropa, am Ostermontag. Also heute. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

Auf dem Lande, in früheren Zeiten, wurde man(n) durchaus handgreiflich, wie zu sehen ist, wenn nicht übergriffig. Städtisch verfeinert, versprühen die Sprinkler heutzutage  Kölnisch Wasser, sagen ihr Sprüchlein auf und werden wie früher mit rot gefärbten Eiern beschenkt, manchmal auch mit Kleingeld. Aber auch „Kölni“ ist bei den jungen Frauen nicht unbedingt beliebt: meistens wird Billigparfüm verpritzt. Trotzdem: ein netter Brauch. Alles ganz harmlos. Und die jungen unbegleiteten Migranten kriegen das ja nicht zu sehen. Die Balkanroute ist dicht.

Nachtzug Berlin – Budapest 13. November 2015

Drei Menschen im Liegewagen-Abteil. Wir sitzen auf den unteren Betten. Noch ist nicht die Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. In dieser Stunde wissen wir noch nichts von den Anschlägen in Paris. Kein Netzempfang, abgeschnitten vom ständigen Datenstrom. Ich lese den Roman „Der CIRCLE” von Dave Eggers. Internetzukunft, die in Teilen schon Wirklichkeit ist. Da kann man richtig froh sein, dass einen das Smartphone eine Zeitlang in Ruhe lässt. Mein Sitznachbar, der das Bett über mir belegt hat, liest den Reisebericht des Journalisten, der inkognito im Iran unterwegs war. So kann sich ein Gespräch entwickeln. Überraschende Einblicke in ein islamisches Land. Denkberührungen, sag ich, wie von außen mit der Roboterhand im hochsicheren, hermetisch verschlossenen Genlabor. Nein, nein, ist die Antwort, ich will mit meiner Freundin in den Iran reisen, da bereite ich mich ein wenig vor. Die Dritte im Abteil schweigt. Sie liest in einem deutschsprachigen Prospekt über den Balaton. Vom Schaffner erfahren wir, dass in Dresden noch jemand zusteigt. Eine junge Rumänin, wie sich herausstellt. Alle Fernzüge von Deutschland durch Österreich nach Un­garn sind aus­gefal­­len – so musste sie von Würzburg den Umweg nehmen. Die Flüchtlingskrise, alles ist durcheinander. Mein Gesprächspartner fährt nach Budapest zu einem Kampfsport-Seminar. Irgendetwas Asiatisches. Die Frau aus Rumänien kennt sich damit aus. Dresden – Aussig – Prag – Brünn – Preßburg. Er fährt die Strecke häufig, weil seine Freundin Ungarin ist. Wegen des Seminars wird er sie wohl nicht treffen. Er hat wie ich erlebt, dass wir auf der Herfahrt nach Berlin an der slowakisch-tschechischen Grenze ziemlich ruppig aus dem Schlaf gerissen wurden: Ausweiskontrolle, und das im Schen­gen-Raum. Wir sind uns alle einig, dass die Flücht­lingsfrage Europa verän­dern wird. Die ungarische Dame mir gegenüber kommt vom Deutsch-Ungarischen Forum, das dieses Jahr in Berlin stattgefun­den hat. Ach, da hat sie den Balaton-Prospekt her. Ich war auch beim Forum, hatte sie aber nicht gesehen. Steinmeier war nicht anwesend, obwohl er auf dem Programm stand. Er ist jetzt wohl im Stade de France, beim Fußballspiel Deutschland-Frankreich, natürlich auch, um mit den Franzosen nach Lösungen für die Krise zu suchen. Einer Programmänderung mochte Sijjártó nicht zustimmen. Also ein Forum ohne die Außenminister. Kann vorkommen, aber früher wäre das kein Thema gewesen. Die ungarische Dame drückt ihre Zustimmung zu dem Grenzzaun aus, den Ungarn gezogen hat. „Ich liebe Orbán nicht, aber Europa wird ihm noch mal dankbar sein.” Sie hat am Budapester Ostbahnhof die großen schwarzen Augen der Flüchtlinge bemerkt; die meisten, junge Männer, starrten die leicht bekleideten, es war ja noch sehr heiß im September, freiwilligen Helferinnen an, die den Familien Getränke, Hygieneartikel, etwas zu essen brachten. Im Ungarischen heißt der starre Blick: farkasszem – Wolfsauge. Farkasszemet nézet a halállal – sie hat dem Tod ins Auge geblickt. Man sieht, was man sehen will, sage ich, ich will nicht missverstanden werden, ich meine die Stereotypen. Der Kampfsportler lebt in einer Berliner WG. Sie hatten ein Zimmer unter der Woche frei und haben es nach langen Diskussionen an einen jungen Syrer gegeben. Nach dem Einzug dauerte es ein paar Tage, bis er sich eingerichtet hatte, die Gebetsrichtung nach Mekka war wichtig. Gemeinsame Mahlzeiten, er kocht hin und wieder für alle. Es geht schon ganz gut mit dem Deutschen. Manchmal am Tisch reicht es sogar aus, um über Religion und Moral zu sprechen. Eine feste Bindung an eine Frau, die ihn liebt, ist auch sein Traum. In Damaskus hatte er eine Freundin. Aber die Familien passten nicht zusammen. Der Zug nähert sich der tschechischen Grenze. Nur kurz streift das Gespräch noch einmal das Fußballspiel zwischen Frankreich und Deutschland und die Chancen der ungarischen Mannschaft, sich doch noch zur Europameisterschaft zu qualifizieren. Wir vier wissen nichts von dem Terror in Paris, und wir werden in dieser Nacht nicht davon erfahren. Keine Ausweiskontrolle, na klar, in unserer Richtung fährt kein Flüchtling. Gute Nacht allerseits. Wann werden wir am Ostbahnhof ankommen? Paris, das Budapest des Westens, hat mal eine Freundin im Scherz gesagt. Das Abteil, nach allen Seiten mit Metall verkleidet, saust durch die Nacht. Ein Faradayscher Käfig. Ein Thinktank. Eine Denkzelle. Eine Zeitkapsel.
Moment mal

An der Schwelle zum neuen Jahr

Das Portal der romanischen Kirche in Lébény

Das Portal der romanischen Kirche in Lébény


Dieses Kirchenportal in Lébény hat mehr Charme als eine Erstaufnahme-Einrichtung. Es wurde auch länger daran gebaut. Es gab einen Plan. Wunderbar, diese Symmetrie. Aber manchmal ist ja – was spiegelbildlich zu sein vorspiegelt – durch ein winziges Detail verändert – eine Laune, eine Mutation, ein spontaner Einfall, eine Abweichung im Muster schaffen einen Riss in der Realität – und durch diesen Riss tritt der Engel auf die Bühne, wie hier am Eingang zu einer der wenigen romanischen Kirchen in Ungarn, die der Mongolensturm übrig gelassen hat. Heißt der Engel den Ankömmling willkommen? Oder ist er der Türhüter, der streng die Identität prüft? Stimmen die Papiere vor dem Gesetz? Holt der Engel sein Flammenschwert hervor? Eins ist sicher, wie bei Kafka nachzulesen ist: Dieses Portal ist nur für diesen einen Asylsuchenden errichtet. Er muss allen Mut zusammennehmen, und er muss hinter die Rede des Engels schauen. Wer eintritt, verändert nicht nur sich selbst – er verändert das Innere des Raums, den er betritt.

Denk-mal

Budapest, Stadtwäldchen, 4. November 2015: Eine Statue wird enthüllt

Budapest, Stadtwäldchen, 4. November 2015: Eine Statue wird enthüllt


Budapest ist voller Denkmäler. Das war nicht immer so. Angeblich soll der deutsche Kaiser Wilhelm II. bei seinem Budapest-Besuch 1897 dem österreichischen Kaiser und ungarischen König gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben, dass so wenig Denkmäler zu sehen seien. Daraufhin schenkte Franz Joseph der Stadt aus seiner Privatschatulle 400 000 Kronen, damit zehn Statuen von historischem Gewicht geschaffen und aufgestellt würden. Und so geschah es. Heute, am 4. November 2015, wurde im Budapester Stadtwäldchen eine weitere Bronzebüste enthüllt. Das Foto zeigt sie noch in der Hülle. Die beiden Trikolorenbändchen, Schwarz-Rot-Gold und Rot-Weiß-Grün, weisen auf den deutsch-ungarischen Kontext der Statue hin. Frage: Wen stellt die Büste dar? Weitere Frage: Wer hatte die Idee? Wer möchte, kann darüber abstimmen.

Aphorismus #1 – aforizma #1

Der Hergelaufene. Man wird diesem und jenem so lange zugerechnet, bis man die Zurechnungsfähigkeit verliert.

A senkiházi. Addig hozzaszámítanak máshoz, sorolnak téged ide-oda, ameddig nem elveszítsz a beszámítoságodat.

Westöstlicher Diwan

Hafis-Goethe-Denkmal in Weimar

Westöstlicher Diwan

vom Entführungskommando mit dem Zeichenstift

nackt auf den fliegenden Teppich gepfählt

die Vorratsdaten gespeichert

lug ich unter der schwarzen Kapuze hervor

der Goethe, der Hafis, die Pistolen im Nacken

korrigieren panisch den Kurs

nur ich widerspenstige zitternde Kompassnadel

strecke weit meine trockene Zunge aus

ein wenig am Grönlandeis zu lecken

(XING)

 

Hafis-Goethe-Denkmal in Weimar

Das im Jahr 2000 eingeweihte Hafis-Goethe-Denkmal am Beethovenplatz in Weimar mit zwei aus einem einzigen Granitblock geschnittenen Stühlen, die an die Begegnung Goethes mit dem Werk des persischen Nationaldichters Hafis (1326-1390) erinnern sollen. Auf dem Teppich aus Bronze Verse von Hafis und Goethe. (Foto: Most curious)