Alles auf einen Nenner

Wohl die meisten Jahresrückblicke, auch die persönlichen, auf das Jahr 2020 bringen alles in Verbindung mit der Pandemie. Die diesjährige Leseliste verzeichnet oft, genau wie beim Schreiber dieser Zeilen, im Frühjahr die Lektüre von Albert Camus‘ Roman „Die Pest“. Ich beende das Lesejahr mit dem 2018 bei Suhrkamp erschienenen Memento mori von Esther Kinsky, Hain : Geländeroman. Wenn man sagt, der Roman spiele in Italien >>> Weiterlesen

Abstraktion, Guilotine – Zu Albert Camus „Die Pest“ (8)

Zweites Gespräch zwischen dem Arzt Rieux und dem Journalisten Rambert. Er war von seiner Pariser Redaktion nach Oran geschickt worden, um für einen Bericht über die Lebensbedingungen der Araber zu recherchieren. Jetzt will er die gesperrte Stadt verlassen, weil er sich nicht zugehörig fühlt. Das lässt Rieux nicht gelten. Rambert will wider alle Berufsbarrieren, die den Arzt beschränken, ein Attest, eine Bescheinigung, dass er nicht an der Pest leidet, um die offizielle Genehmigung zur Ausreise zu erhalten. Das kann der Arzt nicht verantworten. Für den Grund, dass Rambert das Glück mit seiner Geliebten in Paris sucht, äußert er Verständnis. Dennoch bleibt er hart. „Ich kann Ihnen diese Bescheinigung nicht ausstellen, weil ich in Wahrheit tatsächlich gar nicht weiß, ob Sie die Krankheit haben oder nicht, und weil es mir in diesem Fall sogar unmöglich wäre zu bestätigen, dass Sie nicht angesteckt werden, während Sie von meinem Untersuchungszimmer zur Präfektur gehen.“ [S. 52] Die Weigerung trägt ihm den Vorwurf ein, nur abstrakt über Menschenschicksale zu entscheiden. Heute brachte Dr. Wiemer vom Robert-Koch-Institut den zweifelhaften Wert eines Corona-Immun-Ausweises zur Sprache, solange die Wissenschaft noch so wenig über die Infektionsverläufe weiß.

Journalisten haben abstrakte Wahrheiten nicht gern – Zu Albert Camus „Die Pest“ (7)

Oran und anderswo, 26. April 2020. Ziemlich am Anfang des Romans meldet sich bei Dr. Rieux der Journalist Raymond Rambert. Angeblich recherchiert er für eine große Pariser Zeitung über die arabische Bevölkerung in der Kolonie. Wie viele Araber es in Oran gibt, erfährt der Leser nicht. Die Hafenstadt, die noch nichts von der Pest weiß, liegt an der algerischen Mittelmeerküste. Der Gesundheitszustand sei nicht gut, sagt Rieux. Bevor er weiterspricht, fragt er nach dem Spielraum des Journalisten, nach seiner Freiheit, „die Wahrheit [zu] schreiben“. – „Natürlich“ dürfe er das, ist die Antwort. – „Ich meine, dürfen Sie selbst vernichtend urteilen?“ – „Nein, das freilich nicht. Aber ich nehme an, ein solches Urteil wäre unbegründet.“ Rieux erwiderte sanft, gewiss wäre eine solche Verurteilung unbegründet. Er habe […] nur erfahren wollen, ob Rambert rückhaltlos Bericht erstatten könne. „Für mich gibt es nur eine bedingungslose Stellungnahme. Ich kann also ihre Erklärungen nicht mit Auskünften unterstützen.“ – „So spricht Saint-Just“, sagte der Journalist lächelnd. Ohne die Stimme zu erheben, erwiderte Rieux, das wisse er nicht; aber so spreche ein Mensch, der genug habe von der Welt, in der er lebe, der aber seine Mitmenschen liebe und entschlossen sei, für seine Person Ungerechtigkeit und Zugeständnisse abzulehnen. Rambert zog die Schultern hoch und blickte den Arzt an.“ [10]

Ordnungen des Wissens. Der dunkle Hinweis auf Saint-Just irritiert mich (Xing). Camus‘ Tagebuch [Fünftes Heft, im Herbst 1945] verzeichnet im Zusammenhang mit der Arbeit an dem Roman ein Saint-Just-Zitat: „Ich glaube also, dass wir der Begeisterung bedürfen. Das schließt keinesfalls den gesunden Menschenverstand und die Besonnenheit aus.“ [328]* Setzen wir statt „Begeisterung“ andere Emotionen, wie z. B. „Empörung“ oder „Zynismus“, macht es einen Sinn. Der Arzt bewahrt sich sein persönliches Berufsethos. Die Frage nach dem Gesundheitszustand der Nomaden muss wissenschaftlich beantwortet werden. Mit einer Antwort aus der Perspektive des Helfers will er sich nicht zum Werkzeug einer Reportage machen lassen, von der man nicht weiß, welchen Zwecken sie dient. Rieux wird keine Anklage und keine Apologie des Kolonialismus unterstützen. Wenn die Virologin heute zu den Lockerungen der Social-distance-Maßnahmen kritisch anmerkt, sie fürchte einen neuen Anstieg der Fallzahlen, dann kann sie sich auf ihr Fachwissen berufen. Aber als Staatsbürgerin wird sie beim Abwägen der Men­schenrechte gegeneinander zugeben müssen, dass man kein Grundrecht, auch das Recht auf Leben nicht, absolut setzen darf. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble weist heute zurecht darauf hin, dass der Staat die Menschenwürde zu achten und schützen hat. Und zur Würde des Menschen gehört unbedingt auch die Freiheit.

*Zitiert wird aus: Albert Camus, Tagebücher 1935 – 1951. Neuausgabe. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt

Wer darf es aussprechen? Zu Albert Camus „Die Pest“ (6)

„Zu Hause: Der Ort, wo uns eine Tasse heißer Tee verzaubert“ [Korona-Würfelzucker]

Am nächsten Tag gibt es Entwarnung. Kaum noch tote Ratten. Eine präzise Beobachtung. Für die Xing sich aus dem aktuellen Nachrichtenstrom einen Begriff herausfischt: Herdenimmunität! Wir wandeln uns angesichts von Corona alle zu Hobby-Immunologen. Was ist aber, wenn die Rattenpopulation nur als Zwischenwirt für die Erreger gedient hat? Weshalb haben die Rattenindividuen die Nähe der Menschen gesucht, um sich vor ihren Augen einmal um sich zu drehen und zu krepieren? Das sind die Leerstellen, für die wir die Literatur so lieben. Nur Journalisten versuchen alles zu erklären. Noch spricht niemand von einer Epidemie. „An diesem Mittag, als Dr. Rieux vor seinem Hause vorfuhr, bemerkte er den Hauswart, der an der Straßenecke mühsam vorwärtstaumelte, den Kopf gesenkt hielt und wie eine Marionette Arme und Beine spreizte. Der alte Mann stützte sich auf einen Priester, den der Arzt kannte. Es war Pater Paneloux […]. Rieux wartete auf die beiden. Der alte Michel hatte glänzende Augen und einen pfeifenden Atem. Er hatte sich nicht wohl gefühlt und einen Augenblick an die frische Luft gehen wollen. Aber heftige Schmerzen im Hals, in den Achselhöhlen und in den Leisten hatten ihn gezwungen, umzukehren und die Hilfe von Pater Paneloux zu beanspruchen. ‚Es sind Geschwülste‘, sagte er. ‚Ich werde mich wohl überanstrengt haben‘. Der Arzt streckte den Arm aus dem Wagen und betastete Michels Hals; dort hatte sich ein holziger Knoten gebildet. ‚Gehen Sie zu Bett, messen Sie die Temperatur, ich komme heute Nachmittag vorbei‘. Als der Hauswart gegangen war, fragte Rieux den Pater, was er von dieser Rattengeschichte halte. ‚Oh‘, sagte der Pater, ‚es wird eine Epidemie sein‘, und seine Augen lächelten hinter den runden Brillengläsern.“ [13]

Ordnungen des Wissens: Es überrascht, dass nicht der Kliniker als erster die Seuche feststellt, nicht der Mediziner, sondern der Theologe, allerdings ein besonderer Gottesmann, „ein gelehrter, militanter Jesuit, der in unserer Stadt sogar von den religiös Gleichgültigen sehr geschätzt wurde.“ [13] Es braucht eine besondere Freiheit dazu, anzuerkennen, was ist. Die Freiheit, in der alle Systeme auf einen Nenner gebracht werden.

Heute mal nichts zu Camus, sondern Aktuelles zu Ungarn

Lesenswertes Interview mit dem Historiker Krisztián Ungváry in der Freitagsausgabe der „WELT”. Die auch in Deutschland geäußerte Kritik am Corona-Gesetz, das der ungarischen Regie­rung die Möglichkeit gibt, auf unbestimmte Zeit mit Dekreten zu regieren, beschränkte sich bisher darauf, die demokratische Legitimität in Frage zu stellen. Damit wurde es den Apolegeten leicht gemacht, die Kritik zurückzuweisen, indem auf das legale Zustandekommen des Gesetzes mit der gewählten Zweidrittelmehrheit hingewiesen wurde. Ungváry macht deutlich, dass Orbán mit dem Gesetz keinen realen Machtzuwachs verzeichnet, weil die Macht auch so schon nahezu total ist. Bisher konnte er aufgrund dieser aus willfährigen Abgeordneten bestehenden Mehrheit mit der Zustimmung zu allen Maßnahmen rechnen. Laut Ungváry gehen 95% aller Gesetzesentwürfe ohne Änderung durch das Parlament, in Deutschland ca. 50%.

Das Corona-Gesetz war vielmehr ein Schachzug in der politischen Kommunikation. Die Oppositionsparteien, die bei den Kommunalwahlen im vergangenen Herbst hauptsächlich in Budapest und einigen größeren Städten Erfolge erringen konnten, wurden in das Dilemma gestürzt, entweder zuzustimmen und sich damit zum Werkzeug der Regierung zu machen oder wie oft schon ihr „Ungarntum” in Frage stellen zu lassen. Nichts macht die Hilflosigkeit der Opposition deutlicher, als ihr Versuch, die Zustimmung zu dem Gesetz von einer zeitlichen Befristung abhängig zu machen. Insofern gehen auch die Vergleiche mit dem „Ermächtigungsgesetz” 1933 im Deutschen Reichstag in die Irre. Hitlers Koalitionsregierung aus NSDAP und DNVP hatte zwar die absolute, aber keine verfassungsändernde Mehrheit. Die berüchtigte Formel „Gebt mir vier Jahre Zeit” diente der Vorbereitung eines Angriffskrieges. Orbán ist kein Diktator, so Ungváry. Er instrumentalisiert die Corona-Krise, um seine Wiederwahl zu sichern.

https://www.welt.de/politik/ausland/plus207277043/Corona-in-Ungarn-Historiker-kritisiert-Viktor-Orbans-Notstandsgesetz.html?cid=onsite.onsitesearch

Zwischendurch Facebook, dann wieder „Die Pest“ (5)

Facebook-Posts und Kommentare von Frauen [XX1, XX2 usw.)] und Männern [XY1, XY2 usw.] zum Zeitgeschehen

XX2 postet auf Facebook den Artikel von Jana Hensel [XX1] auf ZEIT ONLINE vom 13. April 2020: „Gleichberechtigung: Die Krise der Männer“ [Schlagzeile]. „In der Corona-Pandemie zeigt sich, wer in Deutschland die Macht hat. Männer glauben, die Lösungen zu haben, Frauen arbeiten derweil in systemrelevanten Berufen.“ [Darunter ein Foto von Markus Söder. Im Haupttext schreitet die Autorin die Front der meist männlichen Virologen ab und bringt ein paar Differenzierungen an, Merkel natürlich, und wie heißt diese unglaublich hübsche Intensivmedizinerin aus der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf noch mal? Der Fokus soll hier aber auf den Kommentaren liegen:]

XX2 [die Poster*in]: „Jana Hensel mit wahren Worten. Mir war das auch schon aufgefallen- ich hätte es aber nicht so schön vertexten können. Nebenbemerkung: nicht nur ist der Diskurs eher wieder männlicher, die Letalität ist es auch.“

XX3 dazu: „Der Bericht erinnert mich an die frühen 70iger, als die Gleichberechtigungswelle in Deutschland so richtig losging. Alice Schwarzer wird sich nicht freuen, das [sic!] wir Frauen angeblich nicht viel erreicht haben. Selbst wenn die Statistik eine höhere Männerquote aufweist, in einer Krise stehen Frauen oft besser ‚ihren Mann‘ als manche männlichen Geschlechtsgenossen. Diese Erfahrung mache ich immer wieder im Leben.

XY1: „Soso.“ [Dieser String, offensichtlich etwas Persönliches, wird hier abgebrochen.]

XX4 [im Anschluss XX2]: „Vielleicht räumt ja Corona jetzt ein wenig auf unter den ganzen Männern 50plus in den Chefetagen… 😈“

XY2: „Steht [sic!] das mit der Letalität und die letzte Bemerkung hier wirklich?“

XY3 [Ich, XING, fühle mich durch die letzte Bemerkung zu einem Kommentar angeregt, den ich nach dem Posten auf Facebook hier etwas ausbaue:]

Die Hauptakteure in Albert Camus‘ „Die Pest“ sind Männer: der Arzt Rieux, der Jesuit Pater [!] Paneloux, der namenlose Präfekt, der Müßiggänger Tarrou, der Journalist Rambert, der kleine Rathausangestellte Grand, der kriminelle Selbstmörder Cottard, und die schon Erwähnten: der namenlose alte Asthmatiker, der Hauswart Michel. Frauen kommen, in den ersten beiden Kapiteln jedenfalls, nur in den traditionellen Rollen als Mütter und Gattinnen vor, manchmal in nicht sehr schmeichelhaften Karikaturen. Auch „der Engel der Pest“ scheint ein Mann zu sein. Der mit der roten Lanze gegen die Türen schlägt. Und wer schwingt den sausenden Dreschflegel, den Rieux nachts über der Stadt kreisen hört? Wohl wieder ein Engel, ein Mann. Wahrscheinlich hat Corona in dem Roman herumgelesen und rächt sich jetzt (Corona ist weiblich, oder?).