Nachtzug Berlin – Budapest 13. November 2015

Drei Menschen im Liegewagen-Abteil. Wir sitzen auf den unteren Betten. Noch ist nicht die Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. In dieser Stunde wissen wir noch nichts von den Anschlägen in Paris. Kein Netzempfang, abgeschnitten vom ständigen Datenstrom. Ich lese den Roman „Der CIRCLE” von Dave Eggers. Internetzukunft, die in Teilen schon Wirklichkeit ist. Da kann man richtig froh sein, dass einen das Smartphone eine Zeitlang in Ruhe lässt. Mein Sitznachbar, der das Bett über mir belegt hat, liest den Reisebericht des Journalisten, der inkognito im Iran unterwegs war. So kann sich ein Gespräch entwickeln. Überraschende Einblicke in ein islamisches Land. Denkberührungen, sag ich, wie von außen mit der Roboterhand im hochsicheren, hermetisch verschlossenen Genlabor. Nein, nein, ist die Antwort, ich will mit meiner Freundin in den Iran reisen, da bereite ich mich ein wenig vor. Die Dritte im Abteil schweigt. Sie liest in einem deutschsprachigen Prospekt über den Balaton. Vom Schaffner erfahren wir, dass in Dresden noch jemand zusteigt. Eine junge Rumänin, wie sich herausstellt. Alle Fernzüge von Deutschland durch Österreich nach Un­garn sind aus­gefal­­len – so musste sie von Würzburg den Umweg nehmen. Die Flüchtlingskrise, alles ist durcheinander. Mein Gesprächspartner fährt nach Budapest zu einem Kampfsport-Seminar. Irgendetwas Asiatisches. Die Frau aus Rumänien kennt sich damit aus. Dresden – Aussig – Prag – Brünn – Preßburg. Er fährt die Strecke häufig, weil seine Freundin Ungarin ist. Wegen des Seminars wird er sie wohl nicht treffen. Er hat wie ich erlebt, dass wir auf der Herfahrt nach Berlin an der slowakisch-tschechischen Grenze ziemlich ruppig aus dem Schlaf gerissen wurden: Ausweiskontrolle, und das im Schen­gen-Raum. Wir sind uns alle einig, dass die Flücht­lingsfrage Europa verän­dern wird. Die ungarische Dame mir gegenüber kommt vom Deutsch-Ungarischen Forum, das dieses Jahr in Berlin stattgefun­den hat. Ach, da hat sie den Balaton-Prospekt her. Ich war auch beim Forum, hatte sie aber nicht gesehen. Steinmeier war nicht anwesend, obwohl er auf dem Programm stand. Er ist jetzt wohl im Stade de France, beim Fußballspiel Deutschland-Frankreich, natürlich auch, um mit den Franzosen nach Lösungen für die Krise zu suchen. Einer Programmänderung mochte Sijjártó nicht zustimmen. Also ein Forum ohne die Außenminister. Kann vorkommen, aber früher wäre das kein Thema gewesen. Die ungarische Dame drückt ihre Zustimmung zu dem Grenzzaun aus, den Ungarn gezogen hat. „Ich liebe Orbán nicht, aber Europa wird ihm noch mal dankbar sein.” Sie hat am Budapester Ostbahnhof die großen schwarzen Augen der Flüchtlinge bemerkt; die meisten, junge Männer, starrten die leicht bekleideten, es war ja noch sehr heiß im September, freiwilligen Helferinnen an, die den Familien Getränke, Hygieneartikel, etwas zu essen brachten. Im Ungarischen heißt der starre Blick: farkasszem – Wolfsauge. Farkasszemet nézet a halállal – sie hat dem Tod ins Auge geblickt. Man sieht, was man sehen will, sage ich, ich will nicht missverstanden werden, ich meine die Stereotypen. Der Kampfsportler lebt in einer Berliner WG. Sie hatten ein Zimmer unter der Woche frei und haben es nach langen Diskussionen an einen jungen Syrer gegeben. Nach dem Einzug dauerte es ein paar Tage, bis er sich eingerichtet hatte, die Gebetsrichtung nach Mekka war wichtig. Gemeinsame Mahlzeiten, er kocht hin und wieder für alle. Es geht schon ganz gut mit dem Deutschen. Manchmal am Tisch reicht es sogar aus, um über Religion und Moral zu sprechen. Eine feste Bindung an eine Frau, die ihn liebt, ist auch sein Traum. In Damaskus hatte er eine Freundin. Aber die Familien passten nicht zusammen. Der Zug nähert sich der tschechischen Grenze. Nur kurz streift das Gespräch noch einmal das Fußballspiel zwischen Frankreich und Deutschland und die Chancen der ungarischen Mannschaft, sich doch noch zur Europameisterschaft zu qualifizieren. Wir vier wissen nichts von dem Terror in Paris, und wir werden in dieser Nacht nicht davon erfahren. Keine Ausweiskontrolle, na klar, in unserer Richtung fährt kein Flüchtling. Gute Nacht allerseits. Wann werden wir am Ostbahnhof ankommen? Paris, das Budapest des Westens, hat mal eine Freundin im Scherz gesagt. Das Abteil, nach allen Seiten mit Metall verkleidet, saust durch die Nacht. Ein Faradayscher Käfig. Ein Thinktank. Eine Denkzelle. Eine Zeitkapsel.
Moment mal

Westöstlicher Diwan

Hafis-Goethe-Denkmal in Weimar

Westöstlicher Diwan

vom Entführungskommando mit dem Zeichenstift

nackt auf den fliegenden Teppich gepfählt

die Vorratsdaten gespeichert

lug ich unter der schwarzen Kapuze hervor

der Goethe, der Hafis, die Pistolen im Nacken

korrigieren panisch den Kurs

nur ich widerspenstige zitternde Kompassnadel

strecke weit meine trockene Zunge aus

ein wenig am Grönlandeis zu lecken

(XING)

 

Hafis-Goethe-Denkmal in Weimar

Das im Jahr 2000 eingeweihte Hafis-Goethe-Denkmal am Beethovenplatz in Weimar mit zwei aus einem einzigen Granitblock geschnittenen Stühlen, die an die Begegnung Goethes mit dem Werk des persischen Nationaldichters Hafis (1326-1390) erinnern sollen. Auf dem Teppich aus Bronze Verse von Hafis und Goethe. (Foto: Most curious)

Was die Katze hereinschleppte

Halloween-Menü: Vorspeise "Fingerfood"

Halloween-Menü: Vorspeise „Fingerfood“

„Was die Katze hereinschleppte“ – exemplarischer Titel einer Sammlung mit Erzählungen von Patricia Highsmith. Der Einbruch des Schrecklichen und Phantastischen in die Alltagswelt, der Horror, setzte immer schon die Vorstellung von mindestens einer parallelen Welt voraus. Ein Exemplar des Romans (Taschenbuch-Ausgabe) ist seit zwei Jahren unterwegs. Am 1. November 2012 (!) wurde es im Café M (OBCZ) in Aachen „freigelassen“, kam am 16. November zurück ins Regal und kreuzt laut Notiz vom 29. September 2013 wieder über imaginäre Meere auf der Suche nach einem Ankerplatz, muss aber wie der Fliegende Holländer immer erneut zurück auf Los. (bookcrossing.com)[i]

Die Illustration auf dem Buchdeckel lässt keinen Zweifel daran, was denn die Katze hereingeschleppt hat: einen abgetrennten menschlichen Finger, daran klebt noch Blut. Remember, remember the first of november: Allerheiligen. All Hallows‘ Eve. Der Abend vor Allerheiligen geht heuer in Köln einher mit gemeinsamem Kochen: In der Backröhre schmurgeln schon zwei Teufelsfische Rücken an Rücken und müssen nur hin und wieder mit dem Sud aus Tomaten, Fenchel und Weißwein begossen werden. Das Hackmesser liegt untätig, werden wir doch das Basilikum zerzupfen und über die Fische streuen. Zur Freude des Hackmessers ist aber noch Zeit für eine Halloween-Vorspeise: Brühwürstchen in Fingerlänge halbieren, die Stücke auf einem Teller arrangieren, die Schnittflächen mit einem Schuss Tomatenketchup bestreichen, die knackige innere Schale einer Zwiebel zu fingernagelgroßen Stücken schneiden und damit die abgerundeten Enden der Würstchenhälften garnieren: fertig! Jetzt mit dem Smartphone fotografieren und mit aller Welt „teilen“.

Obwohl man eher den Kürbis (Jack O‘ Lantern) mit Halloween assoziiert, ist das Fest selbst wie eine Zwiebel: nach älterer Auffassung, die den Brauch kontinuierlich auf keltische Wurzeln zurückführt, „eine dünne christliche Hülle um einen heidnischen Kern“ [ii], nach neueren ethnographischen Forschungen eher eine über den Kern gezogene Hülle, auf die eine weitere Schale aufklärerisch-atavistisch reagiert. In den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde der Brauch aus den USA nach Europa re-importiert, hauptsächlich wohl aus kommerziellen Gründen – in Köln sprang der Funke vom anarchischen „Jeisterzoch“ , der den wegen des ersten Irak-Kriegs verbotenen offiziellen Karnevalsumzug ersetzte, hinüber in den Herbst desselben Jahres, als Vorspiel zu der Fünften Jahreszeit, die offiziell am 11. 11. um 11 Uhr 11 beginnt und erst wieder am Aschermittwoch endet.[iii]

Während draußen in der Gegend am Ring zwischen Rudolfplatz und Friesenplatz, im Belgischen Viertel und längs des Friesenwalls die Unruhe wächst, die Geister vor den Bars und Diskotheken Schlange stehen oder sich in Hauseingängen und auf Schaufensterbalustraden ins Koma trinken, geben wir uns nach Wurstfingern und Teufelsfisch Süßes statt Saures. Draußen werden bald Flaschen an Brandwänden und graffitösen Fassaden zerschellen. Was schert uns die Welt! Irisch-katholisch ist Halloween, rheinisch- oder alemannisch-katholisch Karneval und Fasching. Und der orthodoxe Standpunkt? Ich habe keine Beziehung zu den Toten, aber an Halloween will man Tote lebendig machen. Wenn ich tot wäre, würde ich mich freuen, wenn man mich zu einem solchen Festmahl einlüde.

[i] http://www.bookcrossing.com/journal/11503860/

[ii] Sir John Frazer, The Golden Bough (1922)

[iii] http://www.geisterzug.de/ Hier „1991: Die Null-Nummer“

Alpträume

Rückblick: Ich rufe aus Belgrad zu Hause in Budapest an, zwei drei Tage nach der Gay Pride Parade:  „Ist Post gekommen?“ – „Nichts Besonderes, nur der SPIEGEL.“ – „Was steht drin?“ – „Auf dem Titelbild ist eine Spinne, die wirft einen großen Spinnenschatten, es geht um die Macht der Angst. Angst ist gar nicht so schlecht, alle Erfolgreichen waren ängstlich, Bill Gates zum Beispiel.“ –  „Und was sonst noch?“ – „Ein Schimpfartikel über Budapest.“  Budapest – Hauptstadt der Alpträume – eine neue Marke in der Hitliste der Metropolen.

Caprichos Nr 43, Der Traum, der Vernunft erzeugt

Francisco de Goya:   El sueño de la razón produce monstruos (Caprichos 43) 1799