Wie eins ins andere greift #6

Wie befürchtet: Der Video-Ton (siehe @ # 5) bringt die Schallereignisse beim Vorbeifahren der Zahnradbahn nicht richtig zur Geltung. Was tun? Mein Smartphone mit eingeschaltetem Mikrophon auf eine Schiene legen, wenn die Bahn herannaht? Vor Jahren haben Kinder immer wieder gerne die Forint- und Fillérmünzen von den Rädern auswalzen lassen. Eine Oblate aus Aluminium war das Ergebnis, Bild und Zahlwert blieben erhalten. Keine Option für’s Handy. Also setze ich weiterhin auf die Mittel der Lautmalerei oder Onomatopoesie: Ungarisch heißt die Bahn „Fogaskerekű“ – die Zahnrädrige. Gesprochen „Fogaschkereküüü“, Akzent auf der ersten Silbe, Gaumen-R, langer unbetonter Auslaut.

Wie eins ins andere greift #5

Der Gesang der Zahnradbahn – kann das mehr sein als eine Metapher? Ob man ihn hören kann, wenn ich ein Video mit meinem Mobile aufnehme? Die Kameras in neueren Smartphones leisten ja Hervorragendes, aber auch die Mikrophone? Ich will zunächst mal beschreiben, was ich höre. Zuerst ein Zirpen, nicht wie von Grillen, denn das schwillt an und ab und scheint deshalb auch im Ton abzufallen. Oder eher wie von Zikaden? Das Zirpen, hoch und scharf, scheint von den Stahlschienen auszugehen, die in eine Kurve gezwungen sind und sich wie unter Spannung äußern. Dann lässt sich ein Summen vernehmen. Ein paar Stöße an Nahtstellen der Geleise. Das Summen wird zum Brummen, braust auf zu einem Grollen, Poltern und Donnern. Aber da ist die Bahn schon neben einem und vorbei. Im Nachklang aber eine Art tiefes Schnurren, wie von einer mechanischen Katze: das Eingreifen der Zähne in die Aussparungen der Mittelschiene. Hier das Video – am Ende wackelig, weil der Hund an der Leine zieht.

 

Wie eins ins andere greift #4

Eisenbahnglück? Glück? Ein etwas kryptischer Hinweis in meinem letzten Post Eins fügt sich ins andere #3. Thomas Mann blieb es vorbehalten, eine Novelle mit dem Titel „Das Eisenbahnunglück” zu schreiben, erschienen am 6. Januar 1909 in der Wiener Neuen Freien Presse, aufgrund eines selbst erlebten Unfalls drei Jahre zuvor.

1925 erschien eine Sammlung von Grotesken von Mynona (d. i. Salomo Friedländer) unter dem Titel „Das Eisenbahnglück oder der Anti-Freud”. Eine feucht-fröhliche Runde von Dickbäuchen mit feistem Nacken, steifen Monokelträgern und kleinbürgerlichen Jagdhütchenträgern gießt Hohn und Spott über Sigmund Freuds Grundannahme aus, dass die Sexualität eine zentrale Rolle bei der Ichwerdung des Menschen spiele. Ein jeder hat eine Anekdote parat, mit der er die These beweisen will, dass ein Koitus durch rein mechanische Vorgänge zustande kam.

„Was soll ich euch viel erzählen! Noch vor der nächsten Station, mitten auf der Strecke, gab es einen kolossalen Krach. Unser Abteil stellte sich zur Abwechslung von den Rädern auf die Querwand. Ich wurde hochgeschleudert und stürzte auf das arme, tief unter mir befindliche Mädchen. Dann wurden wir so eng aneinander gequetscht, daß wir uns kaum noch rühren konnten, und unsere Kleidung platzte zugleich in sämtlichen Nähten. Damit aber noch nicht genug, so zottelte die entgleiste Lokomotive, an der unser Abteil irgendwie hing, uns rhythmisch hin und her. Ich schwöre, der unheimlichste Kuppler, der mit Anwendung von leiblicher Gewalt ein Paar zusammenschmieden wollte, hätte kein insidiöseres Raffinement aufbringen können, als hier diese ganz mechanische Katastrophe es unwillkürlich mit sich brachte.” [Mynona: Das Eisenbahnglück oder der Anti-Freud / Mynona (Salomo Friedländer). Mit Zeichnungen von Hans Bellmer. – 1. Aufl. – Hamburg: Junius-Verlag 1988, S. 21]

Wie eins ins andere greift #3

Mal hören, statt es zu lesen: Dietmar Dath, Die Abschaffung der Arten (Hörspiel BR-Podcast). Passt das hierher? Zahnrad und Zahnstange waren doch vorher das Thema. Ist es immer noch, und wird es eine Zeitlang noch bleiben. Eisenbahnglück. Der Link zum Podcast ist unter der Graphik erreichbar.

https://www.br.de/mediathek/podcast/embed?episode=109792

Wie eins ins andere greift #1

Jeden Tag mit dem Hund die Runden am Schwabenberg. Mehrmals überqueren wir dabei die Trasse der Zahnradbahn. Die Zahnstange zwischen den Geleisen gleißt manchmal im Sonnenlicht, ein silbernes Band.

Die Trasse der Zahnradbahn am Schwabenberg

ᴜ ― ᴜ ― ᴜ ― ᴜ ― ᴜ ― ᴜ ― Wie ein Versmaß. Wenn die Bahn sich nähert, singen die Schienen. Die Fotos, die ich von der Zahnradbahn gemacht habe, sollten mal gezeigt werden. Plan für eine Cogwheel Gallery. Sie soll in einer Nische des Internets eingerichtet werden; am besten auf Xings Weblog , also hier auf einer besonderen Seite. Für die Eröffnung hat Xing sich vorgenommen, ein Poem zu verfassen und vorzutragen. Das die Synästhesien zum Schwingen bringt.

Alles auf einen Nenner

Wohl die meisten Jahresrückblicke, auch die persönlichen, auf das Jahr 2020 bringen alles in Verbindung mit der Pandemie. Die diesjährige Leseliste verzeichnet oft, genau wie beim Schreiber dieser Zeilen, im Frühjahr die Lektüre von Albert Camus‘ Roman „Die Pest“. Ich beende das Lesejahr mit dem 2018 bei Suhrkamp erschienenen Memento mori von Esther Kinsky, Hain : Geländeroman. Wenn man sagt, der Roman spiele in Italien >>> Weiterlesen