Intercity

INTERCITY-MAGAZIN [E-Mail December 16, 2009 by petitan]

Stellen wir uns vor, dass wir zufällig im selben Abteil fahren. Man unterhält sich oder auch nicht. Es kann auch vorkommen, dass sich nur einige unterhalten, die anderen schweigen, sie müssen und können aber dennoch zuhören, wenn sie nicht gerade eingeschlafen sind. Einer namens Péter liest das Intercity-Magazin, nein, er haut es auf den Tisch.
Péter: (mit leichtem ungarischen Akzent, der mit etwas Sächsisch übertüncht ist) Ich ärgere mich unheimlich. Vor ein paar Jahren habe ich in diesem Magazin noch eine Erzählung von Kálmán Mikszáth gelesen, ich war sehr froh darüber, und ein paar Monate später, als ich wieder Richtung Pécs unterwegs war, war in der nächsten Ausgabe eine Erzählung von Géza Csáth, und zu beiden gab es sogar noch Erörterungen von Literaturexperten. Ich hoffte, dass vielleicht bald eine Nummer kommt, wo sowas sogar in einer Fremdsprache zu lesen wäre, da es am Ende des Magazins sowieso eine englische Summary gab, und es fahren ja so viele aus dem Ausland in diesem Zug, die könnten sich ja mit ungarischer Literatur bekannt machen. Die Eisenbahn eignet sich bestens dazu. Dann aber gab es auf einmal kein Intercity-Magazin mehr, und als es auf einmal wieder da war, waren keine Erzählungen mehr drin, nur noch lauter kommerzielle Sachen, Erleben Sie Venedig, und solcher shit. Ja, das hat bestimmt wieder etwas mit der Normierung zu tun, wir passen uns den europäischen Erwartungen an. Man müsste etwas tun, protestieren oder so, aber bei wem? In Brüssel oder Kopenhagen? Das hat doch alles keinen Sinn. Man protestiert gegen die Klimaveränderung – aber ist das nicht auch Klima, was aus dem Magazin kommt? Atmet man das nicht auch ein, diese verblödete Luft? Ich würde sagen, man sollte ein alternatives (ja, dieses Wort mag ich zwar nicht, aber was solls?), ein alternatives Intercity-Magazin erstellen: Materialien sammeln, eigene Texte schreiben, bildende Künstler einladen, alles schön redigieren, einen Sponsor finden, und dieses Magazin in den Zügen verteilen – nicht unbedingt nur in Intercity-Zügen, sondern auch auf Nebenstrecken, die ja derzeit massenweise abgestellt werden. Das wäre schon die richtige Art von Protest, erstens gegen die geistige Verödung, zweitens gegen den Abbau der Eisenbahnlinien. Weil mir diese Form von Reisen am besten gefällt. Fliegen sollte man nur in Länder, wo man nicht hinfahren kann, oder wenn man’s sehr eilig hat (aber warum hat man’s immer so eilig?). Das Autofahren sollte viel eher eingeschränkt werden, als die Eisenbahn, wenn man z.B. etwas für das Klima tun will, auch für das Klima unter Menschen. Obwohl natürlich, per Anhalter zu fahren, das hatte auch seine Romantik. Aber wer wird denn heutzutage noch mitgenommen? Alle haben Angst und alle haben ein Auto. Absicherung und Abkapselung sind oberstes Gebot, und der PKW steht symbolisch dafür. Dagegen sollte man protestieren. Es stört mich allerdings, dass man in den Zügen das Fenster nicht mehr aufmachen kann, schon wieder das Klima, in der Form von Klimaanlagen, schon wieder Abkapselung… Na ja, man kann sich doch nicht über alles aufregen. Also im Intercity-Magazin, da könnte man auch über solche Dinge schreiben, über die möglichen Formen von Kommunikation zwischen den einzelnen Kapseln in dieser hochspezialisierten Welt. Wie man sich durch Klopfzeichen verständigen könnte (mit dem nächsten Abteil oder mit der übernächsten Zelle), überhaupt Resonanzen hervorrufen in angrenzenden Räumen, was für Beispiele es in der Wissen- und Gesellschaft für solche übergreifende Aktionen, Ansätze gibt, die wahrscheinlich sofort wieder verschluckt wurden-werden vom Umfeld, aber gerade deshalb ethno- und chronographisch festgehalten werden müssten. Das wäre schon eine Aufgabe. Oder irre ich mich?

7 Kommentare zu “Intercity

  1. Ja, dieses „Man müsste etwas tun, protestieren oder so, aber bei wem?“ erfahren viele. Ich auch. Manchmal. Für heute muss es reichen, weil ich aus dem Haus gehe. Ich werde mal sehen, ob ich meine schon geschriebenen Emails hier raufladen kann, aber vielleicht ist es ohnehin besser, neu zu beginnen.

    • Es geht vielleicht gar nicht mehr ums Protestieren, sondern ums Aushalten. Das Missverständnis ist die gängige Münze der interkulturellen Kommunikation. Ein Zugereister in Budapest muss über die „ungarischen Zustände“ räsonieren dürfen, genau wie ein Migrant in Köln sich über „die Deutschen“ wundern oder den Kopf schütteln oder auch Minarette an sein Gebetshaus bauen darf. Dafür muss dieser auch Mohammed-Karikaturen hinnehmen. Nur Parallelgesellschaften gleiten reibungslos aneinander vorbei; unter der glatten Schale der Angepasstheit – dem falschen Schein der Integration – werden Terroristen und Brandstifter ausgebrütet.

  2. Es geht nicht um das Protestieren? Es geht ums Aushalten? Um das sich gegenseitig Ertragen? Das wäre schrecklich, wenn das alles wäre, was einem bliebe. Nein, ich finde, es ist absolut in Ordnung, wenn jemand Mohammed-Karikaturen nicht mag, dagegen meinetwegen protestiert, und wahrscheinlich ist es genauso in Ordnung, wenn jemand sagt, er möge Minarette nicht. Minarette stünden für eine repressive Religion, mag so jemand argumentieren, und man müsse, als liberal denkender Mensch, solches unsympathisch finden dürfen. Es ist eher die Frage, ob eine Mehrheit das Recht hat, wie in der Schweiz, einer Minderheit per Volksabstimmung solches zu verbieten. Das riecht ein wenig streng und ungut. Aber grundsätzlich muss man schon die Auseinandersetzung führen. Ich finde, das Problem ist doch nicht, dass man sich gegenseitig kritisiert, sondern, im Gegenteil, dass es keine Form, beziehungsweise kein gemeinsames Forum für diese gegenseitige Kritik zu geben scheint. Wenn beim ehemaligen Innenminister Schäuble die Muslime antanzten, um – ja, was zu beraten? – dann stellt sich da ja immer die Frage, wer repräsentiert hier wen? Wenn ich davon ausgehe, dass ich zur „westlichen“ Kultur gehöre, und davon ist irgendwie schon auszugehen bei einem deutschsprachigen Autor mit italienischer Staatsbürgerschaft, dann wüsste ich doch nicht so genau, wer mich im Detail repräsentieren könnte (es gibt zum Beispiel keine Partei, die sich mit meinen Weltanschauungen vollkommen deckt). Also, ich glaube schon, dass man weiterhin protestieren muss, zumal so konkret, so im Detail, wie das im Text dort oben geschieht.
    Schwierig ist das allerdings, wenn auf eine vielleicht etwas drastische Form des Protests oder der Kritik, wie im Falle Theo Van Goghs, dann eine Ermordung folgt, oder angesichts der im Grunde eher harmlosen Karikaturen in Dänemark Morddrohungen. Ich glaube aber dennoch, dass wir ohne auch durchaus hart geführte Auseinandersetzungen interkulturell nicht weiterkommen. Und da die „westliche“ Demokratie im Moment extrem in einen eigenartigen Rückstand zu geraten scheint (ich sage nur China, Indien, Brasilien), ist es wichtig, das einerseits respektvoll anzuerkennen und nicht arrogant eurozentristisch zu reagieren, aber auf der anderen Seite durchaus kämpferisch zu sein (intellektuell kämpferisch, wohlgemerkt). Ich finde, wir sollten uns hüten, allzuschnell das Zeitalter der „Postdemokratie“ auszurufen.

    • Wenn nur nicht auch schon der Protest institutionalisiert wäre! Der Mechanismus funktioniert im Offenen Radio durch die Feedbacks über SMS oder Telefonanrufe in die laufende Sendung: Der Provokateur vom Dienst stachelt eine Minderheit auf, die sich für die Mehrheit hält. Also: Imre Para Kovács lässt im – nach ungarischem Verständnis – „liberalen“ Klubrádió während einer Sendung , die das persönliche Wirken des Heiligen Geistes erörtert – schon diese kollossale Konstellation von Thema und Programmplatz eröffnet eine virtuelle Arena für Gladiatorenkämpfe und Christenverfolgung – wie nebenbei die Bemerkung fallen, nur zwei Einflüsse seien wirklich schädlich auf die Entwicklung von Kindern, die Pornographie und das Christentum. Das muss „wie nebenbei“ geschehen, damit der Chor der hysterischen Reaktionen auch richtig schön anschwellen kann: Funktionäre, Parteisprecher, Programmleiter, Aufsichtsgremien rasten in den Mechanismus ein: „destruktives Verhalten einer frustrierten Minderheit“, „Verstoß gegen die verfassungsmäßig geschützten Grundwerte“, „Verletzung der religiösen Gefühle der Christen“ (nach „Magyar Nemzet“ vom 21. Januar 2010).

      Die Medienwelt ist als eine Reiz-Reaktions-Maschine konstruiert, in die neben den klassischen Publikationsorganen nun auch das Web 2.0 mit Blog und Twitter eingreift. „Erregungsgemeinschaften“ (Peter Sloterdijk) versammeln sich nun nicht mehr nur als reale Körpermassen in Arenen, auf Festwiesen und Paradeplätzen. Die Masse kommt an diesen Orten durch das „Umschlagen der Berührungsfurcht“ zustande – da sie von Zerfall bedroht ist, drängt sie unaufhörlich zur Aktion (Elias Canetti). Am Unort, z. B. am Radio, am Computer oder mit dem Mobiltelefon in der Metro, fühlen sich Vereinzelte als Elementarteilchen einer Masse, die nicht zur Entladung (sprich: Erlösung) in der Aktion kommen kann. So implodiert ihre Erregung und mündet in Wortkaskaden und Schlaflosigkeit: ewige SMSer, Blogger und Twitterer, die sich im gegenseitigen Kommentieren ihrer Netzexistenz versichern.

  3. Ich kenne die „ungarischen Verhältnisse“ nicht wirklich gut, aber was oben über das Klubrádió geschrieben steht, kommt mir auch aus anderen Gegenden bekannt vor. Es ging in dieser Sendung um „das persönliche Wirken des Heiligen Geistes?“ Steil.
    Einverstanden, der Protest ist allzuoft institutionalisiert, oder jedenfalls inszeniert, da wird unglaublich manipuliert (es ist nicht schwer, eine erregte Minderheit zu einer gefühlten Mehrheit zu machen). Aber ich frage, ob es zu ähnlichen Inszenierungen wie im Klubrádió oder der Vereinzelung der SMS – Schreiber in U-Bahnen tatsächlich keine Alternative des Protests gibt. Ich bin eigentlich mit fast allem einverstanden, was Xing meint, aber wir können nicht auf die Möglichkeit, Protest zu erheben verzichten. Wie kann man neben den inszenierten Erregungen dennoch seine Stimme erheben? Seine Meinungen artikulieren? Trotz allem auch Protest erheben? Ich würde sagen, auf Blogs, ich würde sagen, in Büchern, ich würde sagen, auf Theaterbühnen, und, ja, auch im Radio. Natürlich, Radio wo man anrufen kann, hat leicht etwas Populistisches, aber gerade die Konzentration auf die Stimme, auf das Hören, gibt dem Radio gegenüber dem Fernsehen eher die Chance, differenzierte Analysen zu bieten. Und komplexen Protest (ein Widerspruch in sich?) Vielleicht ist Protest auch das falsche Wort für das, wonach ich wirklich strebe. Bei uns in Italien sind es in erster Linie Berlusconi und die Lega Nord, die ein populistisches Schwindelsystem errichtet haben. Sieht man sich politische Sendungen im Fernsehen an oder liest die Zeitungen unter dem Einfluss des Ministerpräsidenten (Il Giornale und Libero vor allem), dann entsteht ein Gefühl von Ohnmacht, angesichts dieser gigantischen Nebelmaschine, die auf jede ernsthafte Frage fünf bis zehn Gegenfragen dem Fragenden entgegenschleudert. In dieser Lage stellt sich die Frage, wie man dennoch ernsthaft die wirklich wichtigen Fragen diskutieren und, ja, auch gegen gewisse Zustände Protest erheben kann. Ich meine es ernst, wenn wir nicht aufpassen, sind wir sehr schnell tatsächlich in der „Postdemokratie“.

    • Einverstanden, lieber Peter, eine Demokratie ohne Meinungsfreiheit kann und möchte ich mir nicht vorstellen: Die negativen Utopien entweder von Orwell oder die von Huxley wären die Alternative. Berlusconis Italien nimmt sich nach Deinen Schilderungen wohl eher die „Schöne neue Welt“ als Vorbild denn den „Großen Bruder“. Protest scheint für Dich im Hinblick auf die Meinungsfreiheit die Gretchenfrage. Aber irgendwie auch nicht zu genügen – Du selbst sprichst von „komplexem Protest“, verbunden mit „differenzierten Analysen“. Kann man das eine „lernende Haltung“ nennen? Das Projekt der Aufklärung („die Sachen klären…“) ergänzen durch eingreifendes Handeln („…die Menschen stärken“ – die Doppelformel von Hartmut v. Hentig).

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