Echolot

Auf dieser Seite werden Texte dokumentiert, in denen ich auf literarische Produktionen bekannter und weniger bekannter Autoren und Autorinnen reagiere. Keine Rezensionen im Sinne von kritischen Leistungsbeschreibungen. Sondern Resonanzen, Gedanken und Reflexionen, die von Lyrik und Prosa Andersschreibender angeregt wurden.

Esther Kinski (2018) „Hain : Geländeroman“ (28. Dezember 2020)

Wohl die meisten Jahresrückblicke, auch die persönlichen, auf das Jahr 2020 bringen alles in Verbindung mit der Pandemie. Die diesjährige Leseliste verzeichnet oft, genau wie beim Schreiber dieser Zeilen, im Frühjahr die Lektüre von Albert Camus‘ Roman „Die Pest“. Ich beende das Lesejahr mit dem 2018 bei Suhrkamp erschienenen Memento mori von Esther Kinsky, Hain : Geländeroman. Wenn man sagt, der Roman spiele in Italien, so sollte man die Spielmetapher ernst nehmen. Zunächst einmal kartographiert er reale Orte und Landschaften, die sinnlich konkret vergegenwärtigt werden – auch in den Affektionen einer verspäteten Moderne, die den Ortsrand ausfransen lassen und die Umgebung mit aufgegebenen Fabriken, Lagerhallen und im Winter leerstehenden Ausflugslokalen sprenkeln. Dead end. So sind die Landstriche zugleich von Schwermut und Trauer gesättigte Seelenlandschaften. Olevano, Chiavenna, Comaccheo – drei Ortsnamen geben die Titel für die drei Romanteile her und stehen für drei Reisen der Ich-Erzählerin in recht abgelegene Regionen Italiens – in die östlichen Hügelketten der Metropolregion Rom, zum südlichen Absturz der Alpen, wo sie sich zur Lombardei hin öffnen, und in die Valli rund um das Flussdelta des Po. Die Gegenden um Olevano und Comaccheo sind in das Licht des Winters getaucht, nur der Mittelteil reflektiert die Erinnerungen der Erzählerin an die häufigen Ferienreisen in den italienischen Sommer während der Kindheit und an die prägende Gestalt des verstorbenen Vaters.

Die Autorin folgt nicht nur dem Vorbild Prousts, dem Konzept der unwillkürlichen Erinnerung, ausgelöst durch den Duft eines Gebäcks. Diesem lassen sich Motive zuordnen wie der Ekel vor Aalen, das Interesse für die etruskischen Nekropolen, das Lapislazuli-Blau in den Gemälden des Fra Angelico – allesamt der Sphäre des eigenwilligen und kunsthistorisch interessierten Vaters entstammend. Die Kindheitserinnerungen sind durch die Landvermessungen des ersten und dritten Romanteils eingerahmt. Dort erhalten sie ihren Platz. Sie werden wie die sinnlichen Eindrücke, wie die Vogelrufe, Wolkenbilder, Berge verrottender Orangen, die aufsteigenden Rauchsäulen der Olivenholzfeuer im Gelände verortet.

Durch die Siedlungen in der Niemandsebene hinter Rom fährt die Erzählerin – oft in Überlandbussen oder Vorortzügen – mehr oder weniger achtlos hindurch, nicht ohne dieser Achtlosigkeit genauesten Ausdruck zu geben. Ihr Ziel sind Orte, die sich über die Ebene erheben. Diese haben aber wenig Erhabenes, sind beinahe Nicht-Orte wie Olevano, die gesichtslose Neubausiedlung mit der Fernbusstation hinter dem von einem Tunnel durchstoßenen Bergrücken, das alte Dorf auf einer Anhöhe, auf einer zweiten, noch höher gelegenen, ein einzelnes Haus, in dem die Erzählerin für drei Monate unterkommt, auf der dritten wiederum noch höher der Friedhof, akzentuiert von einem Satz Zypressen, dem ein Satz Pinien auf einem Höhenzug in der Ferne zu antworten scheint. Passend das bei Wittgenstein entlehnte Motto: „Hat es Sinn, auf eine Baumgruppe zu zeigen und zu fragen: ‚Verstehst Du, was diese Baumgruppe sagt?‘ Im allgemeinen nicht; aber könnte man nicht mit der Anordnung von Bäumen einen Sinn ausdrücken, könnte das nicht eine Geheimsprache sein?“

Nur Kopfgeburten also, mit kulturhistorischen Reminiszenzen angereichert? Der Text hat zum Glück nichts Angestrengtes; der Roman entfaltet einen sehnsüchtigen Sog nach mehr Vereinzelung, Reduktion, Abwesenheit. Gänzlich fern ist Erhabenheit zwischen den Kanälen und Dämmen, in den Poldern des Neulands, das dem Flussdelta abgerungen wurde. Aber auch hier werden Landmarken verzeichnet, wie die zum Himmel flehenden Strommasten rund um eine Umspannstation, die Schirmpinien der verlassenen Ferienstrände, die bis in den letzten Moment der Annäherung reglos verharrenden Graureiher und Flamingos.

Die Konstruiertheit des Romans ist kein Nachteil, sondern dient der Orientierung. Er hat eher etwas von Sandkastenspielen. Diese gruppieren die eigenen Truppen und machen die Stellungen des Gegners sichtbar. Psychomachia. Der Gegner ist der Tod.

Ein Spiel. Auch der Tod hat nichts Erhabenes: Die Wohnblöcke im Neubaugebiet bilden sich auf dem Friedhof in den Fornetti ab, den Fächern aus Betonelementen, in denen die Särge oder Urnen abgestellt werden. An der Stirnwand des Fachs sind Name und Lebensdaten verzeichnet, oft mit einem Foto des Toten und Halterungen für die Plastikblumen versehen. „Kolumbarien hießen die Wände, erfuhr ich, Taubenschläge für die Seelen, […] in der Alltagssprache ‚fornetti‘ […], Backöfen, in die man Sarg oder Urne schiebt.“ (22). Die Konstruktion erinnert die Erzählerin an die Andachtsorte in rumänischen Kirchen: links vom Eingang die Nischen, in denen Kerzen für die Lebenden aufgestellt werden können, rechts die Nischen für die Toten. Die Kerze verpflichtet sich zu nichts: Unmittelbar nach dem Sterben kann sie noch brennend von links nach rechts hinübergetragen werden.

Stillstellung der Zeit, Verräumlichung der Geschichte, Stationen der Pandemie, geschlossene Orte, dead end: Während des ersten Lockdowns waren die und die Orte gesperrt, während des zweiten wurde der Zugang zu den und den Orten flexibel gehandhabt, im dritten wieder die totale Verbannung ins eigene Heim verhängt. In mir wächst die Lust auf eine Schachpartie. Aber woher in diesen Zeiten den Gegenspieler nehmen? Aus dem Internet? Dann lieber kleine Brötchen backen. Und weiterlesen. (28.12.2020)