Echolot

Auf dieser Seite werden Texte dokumentiert, in denen ich auf literarische Produktionen bekannter und weniger bekannter Autoren und Autorinnen reagiere. Keine Rezensionen im Sinne von kritischen Leistungsbeschreibungen. Sondern Resonanzen, Gedanken und Reflexionen, die von Lyrik und Prosa Andersschreibender angeregt wurden.

Klicke auf einen Titel:

Gavin Francis, Inseln : Die Kartierung einer Sehnsucht. Köln: Dumont 2021 <Island Dreams. Mapping an Obsession. Edinburg: Cannongate 2020. Aus dem Englischen von Sofia Blind>.

Esther Kinsky, Hain : Geländeroman. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch 2019.

Gavin Francis (2021) „Inseln : Die Kartierung einer Sehnsucht“

„Wir alle sind Insulaner.“ Der letzte Satz auf Seite 241. Diese Lektüre passt in unsere Zeit. Zwei Wochen vor Weihnachten, in einem Anfall von Regression, las ich noch etwas anderes. Drei Jugendromane von Enid Blyton, ich weiß nicht zum wievielten Mal, darunter „Die Insel der Abenteuer“. In allen dreien, auch in der „Burg“ und in dem „Tal der Abenteuer“, geht es vor allem darum, den Zugang zu einem scheinbar hermetisch abgeschlossenen Raum zu finden. Die „Insel“ ist von heftig umbrandeten Klippen umgeben, und es braucht einen gewieften Skipper, um die Lücke zu passieren. Das Bergwerk auf der Insel ist aber auch durch einen Stollen unter dem Meeresboden erreichbar. Den abwärts führenden Treppengang dorthin verschließt eine Kellertür, die hinter gestapelten Kisten verborgen ist.

Es wirkt wie ein bedeutsamer Zufall, dass ich danach das Buch von Gavin Francis geschenkt bekam. Es war aber bedachtsam gewählt. Die Tochter hatte es im Gepäck. Sie kam von Berlin herüber und unterbrach die Selbstisolation ihrer Eltern. Das ungarische Wort dafür, elszigetelés, bewahrt in seinem Stamm noch die Herkunft von sziget, die Insel. Ausgesetzt wie Alexander Selkirk, interniert wie Napoleon auf Elba sind wir freilich nicht. Aber wir wägen Risiko und Ertrag ab und verzichten deshalb auf manche aushäusige Aktivität.

Das Manuskript, so der Autor im Vorwort, war seit fünf Monaten fertig, als die COVID19-Pandemie ausbrach. Für ihn ist die Leidenschaft, alte Inselkarten (oder die Kopien davon) zusammenzutragen, Ausdruck seiner individuellen Biographie. Phasen von Vernetzung, Kooperation und Unrast in den Großstädten wechseln ab mit dem Rückzug auf eine Insel und der Reduktion der sozialen Kontakte. In einer oft abweisenden natürlichen Umgebung kommt er zur Ruhe.

Die Kunst besteht darin, die Balance zu halten. Selbstfindung gelingt weder hier noch dort allein, sondern in der Bewegung. Kein Sprung von Insel zu Insel, sondern der Lebensdrift anheimgegeben. So treibt der Gedankengang von Zitat zu Zitat, von Reminiszenz zu Reminiszenz, und oft kehrt er zu einer Impression oder Erkenntnis zurück, diese noch tiefer auslotend. Die Textstruktur gleicht deshalb selbst Inselgruppen oder Archipelen, ja, fast scheinen die Absätze dem Narrativ von schwimmenden Inseln zu entsprechen, die einmal kartographisch erfasst, von späteren Seefahrern nicht mehr gefunden werden. Ein anderer Ausdruck für Intertextualität.

Statt an Plinius‘ magischen schwimmenden Inseln war Annie Dillard eher an echten schwimmenden Inseln interessiert, an dahingleitenden Mangroven-Verbünden, die sie in Florida und den Gewässern rings um die Galapagosinseln beobachtet hatte. „Sie treibt taumelnd und haltlos vor dem Wind,“ schrieb sie über eine Mangroveninsel. „Wahrscheinlich wird sie über den fremden Ozean driften, sich nähren von Tod und Wachstum, auf ihrem Weg provisorischen Boden einfangen, mit Krabben zwischen den Zehen und Seeschwalben im Haar.“

Annie Dillard, Teaching a Stone to Talk, Edinburgh: Canongate 2016. Zitiert nach Gavin Francis, Inseln, 238.

Das gedruckte Buch enthält viele Zitate und Reproduktionen von historischen Karten. Die topographischen Angaben lassen sich manchmal leider auch mit der Lupe nicht lesen; vielleicht sind sie auf dem Bildschirm, wenn sie im E-Book angezoomt werden, besser zu entziffern. (02.01.2022)

Gavin Francis, Inseln : Die Kartierung einer Sehnsucht. Köln: Dumont 2021 <Island Dreams. Mapping an Obsession. Edinburg: Cannongate 2020. Aus dem Englischen von Sofia Blind>.

Esther Kinski (2018) „Hain : Geländeroman

Wohl die meisten Jahresrückblicke, auch die persönlichen, auf das Jahr 2020 bringen alles in Verbindung mit der Pandemie. Die diesjährige Leseliste verzeichnet oft, genau wie beim Schreiber dieser Zeilen, im Frühjahr die Lektüre von Albert Camus‘ Roman „Die Pest“. Ich beende das Lesejahr mit dem 2018 bei Suhrkamp erschienenen Memento mori von Esther Kinsky, Hain : Geländeroman. Wenn man sagt, der Roman spiele in Italien, so sollte man die Spielmetapher ernst nehmen. Zunächst einmal kartographiert er reale Orte und Landschaften, die sinnlich konkret vergegenwärtigt werden – auch in den Affektionen einer verspäteten Moderne, die den Ortsrand ausfransen lassen und die Umgebung mit aufgegebenen Fabriken, Lagerhallen und im Winter leerstehenden Ausflugslokalen sprenkeln. Dead end. So sind die Landstriche zugleich von Schwermut und Trauer gesättigte Seelenlandschaften. Olevano, Chiavenna, Comaccheo – drei Ortsnamen geben die Titel für die drei Romanteile her und stehen für drei Reisen der Ich-Erzählerin in recht abgelegene Regionen Italiens – in die östlichen Hügelketten der Metropolregion Rom, zum südlichen Absturz der Alpen, wo sie sich zur Lombardei hin öffnen, und in die Valli rund um das Flussdelta des Po. Die Gegenden um Olevano und Comaccheo sind in das Licht des Winters getaucht, nur der Mittelteil reflektiert die Erinnerungen der Erzählerin an die häufigen Ferienreisen in den italienischen Sommer während der Kindheit und an die prägende Gestalt des verstorbenen Vaters.

Die Autorin folgt nicht nur dem Vorbild Prousts, dem Konzept der unwillkürlichen Erinnerung, ausgelöst durch den Duft eines Gebäcks. Diesem lassen sich Motive zuordnen wie der Ekel vor Aalen, das Interesse für die etruskischen Nekropolen, das Lapislazuli-Blau in den Gemälden des Fra Angelico – allesamt der Sphäre des eigenwilligen und kunsthistorisch interessierten Vaters entstammend. Die Kindheitserinnerungen sind durch die Landvermessungen des ersten und dritten Romanteils eingerahmt. Dort erhalten sie ihren Platz. Sie werden wie die sinnlichen Eindrücke, wie die Vogelrufe, Wolkenbilder, Berge verrottender Orangen, die aufsteigenden Rauchsäulen der Olivenholzfeuer im Gelände verortet.

Durch die Siedlungen in der Niemandsebene hinter Rom fährt die Erzählerin – oft in Überlandbussen oder Vorortzügen – mehr oder weniger achtlos hindurch, nicht ohne dieser Achtlosigkeit genauesten Ausdruck zu geben. Ihr Ziel sind Orte, die sich über die Ebene erheben. Diese haben aber wenig Erhabenes, sind beinahe Nicht-Orte wie Olevano, die gesichtslose Neubausiedlung mit der Fernbusstation hinter dem von einem Tunnel durchstoßenen Bergrücken, das alte Dorf auf einer Anhöhe, auf einer zweiten, noch höher gelegenen, ein einzelnes Haus, in dem die Erzählerin für drei Monate unterkommt, auf der dritten wiederum noch höher der Friedhof, akzentuiert von einem Satz Zypressen, dem ein Satz Pinien auf einem Höhenzug in der Ferne zu antworten scheint. Passend das bei Wittgenstein entlehnte Motto: „Hat es Sinn, auf eine Baumgruppe zu zeigen und zu fragen: ‚Verstehst Du, was diese Baumgruppe sagt?‘ Im allgemeinen nicht; aber könnte man nicht mit der Anordnung von Bäumen einen Sinn ausdrücken, könnte das nicht eine Geheimsprache sein?“

Nur Kopfgeburten also, mit kulturhistorischen Reminiszenzen angereichert? Der Text hat zum Glück nichts Angestrengtes; der Roman entfaltet einen sehnsüchtigen Sog nach mehr Vereinzelung, Reduktion, Abwesenheit. Gänzlich fern ist Erhabenheit zwischen den Kanälen und Dämmen, in den Poldern des Neulands, das dem Flussdelta abgerungen wurde. Aber auch hier werden Landmarken verzeichnet, wie die zum Himmel flehenden Strommasten rund um eine Umspannstation, die Schirmpinien der verlassenen Ferienstrände, die bis in den letzten Moment der Annäherung reglos verharrenden Graureiher und Flamingos.

Die Konstruiertheit des Romans ist kein Nachteil, sondern dient der Orientierung. Er hat eher etwas von Sandkastenspielen. Diese gruppieren die eigenen Truppen und machen die Stellungen des Gegners sichtbar. Psychomachia. Der Gegner ist der Tod.

Ein Spiel. Auch der Tod hat nichts Erhabenes: Die Wohnblöcke im Neubaugebiet bilden sich auf dem Friedhof in den Fornetti ab, den Fächern aus Betonelementen, in denen die Särge oder Urnen abgestellt werden. An der Stirnwand des Fachs sind Name und Lebensdaten verzeichnet, oft mit einem Foto des Toten und Halterungen für die Plastikblumen versehen. „Kolumbarien hießen die Wände, erfuhr ich, Taubenschläge für die Seelen, […] in der Alltagssprache ‚fornetti‘ […], Backöfen, in die man Sarg oder Urne schiebt.“ (22). Die Konstruktion erinnert die Erzählerin an die Andachtsorte in rumänischen Kirchen: links vom Eingang die Nischen, in denen Kerzen für die Lebenden aufgestellt werden können, rechts die Nischen für die Toten. Die Kerze verpflichtet sich zu nichts: Unmittelbar nach dem Sterben kann sie noch brennend von links nach rechts hinübergetragen werden.

Stillstellung der Zeit, Verräumlichung der Geschichte, Stationen der Pandemie, geschlossene Orte, dead end: Während des ersten Lockdowns waren die und die Orte gesperrt, während des zweiten wurde der Zugang zu den und den Orten flexibel gehandhabt, im dritten wieder die totale Verbannung ins eigene Heim verhängt. In mir wächst die Lust auf eine Schachpartie. Aber woher in diesen Zeiten den Gegenspieler nehmen? Aus dem Internet? Dann lieber kleine Brötchen backen. Und weiterlesen. (28.12.2020)

Esther Kinsky, Hain : Geländeroman. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch 2019