DADA-Archiv

Alltag: “Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte. Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Farben, Geräuschen und geistigen Rhytmen (!), das in die dadaistische Kunst mit allen sensationellen Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten brutalen Realität übernommen wird.”
(Richard Huelsenbeck: Dadaistisches Manifest. Vorgetragen am 12.April 1918 beim  DADA-Abend in der Beliner Secession. In: Urlaute dadaistischer Poesie. Hrsg. v. Jeanpaul Goergen. Hannover: Postscriptum 1994, S. 16)

Balkan:  „Das SIMULTANISTISCHE Gedicht lehrt den Sinn des Durcheinanderjagens aller Dinge, während Herr Schulze liest, fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller des Schlächters Nuttke.“
(Richard Huelsenbeck: Dadaistisches Manifest. ibid.)

Bolschewismus: Hugo Ball in seinem Tagebuch: „Magadino, 7. VI. (1917). Seltsame Begebnisse: Während wir in Zürich, Spiegelgasse 1, das Kabarett hatten, wohnte uns gegenüber in derselben Spiegelgasse, Nr. 6, Herr Ulianow – Lenin. Er mußte jeden Abend unsere Musiken und Tiraden hören, ich weiß nicht, ob mit Lust und Gewinn. Und während wir in der Bahnhofstraße die Galerie eröffneten, reisten die Russen nach Petersburg, um die Revolution auf die Beine zu stellen. Ist der Dadaismus wohl als Zeichen und Geste das Gegenspiel zum Bolschewismus? Stellt er der Destruktion und vollendeten Berechnung die völlig donquichottische, zweckwidrige und unfaßbare Seite der Welt gegenüber? Es wird interessant sein zu beobachten, was dort und was hier geschieht.“
(Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit. Luzern 1966.) Weiter bei: Collage

Bruch-Stück: „Was mir seit jeher vorschwebte, schwebt auch heute noch: es sind die Prosascherben, die dem Flaschen-Bruch gleichen, den zerbrochenen Hälsen und Bäuchen auf dem Sims der Gefängnismauer in Naumburg, hinter der ich als Kind meinen Vater besuchte.“
(Botho Strauß: Herkunft. Berlin: Hanser 2014)

Cabaret Voltaire: Aus dem Tagebuch von Hugo Ball: „(Zürich) 5. II. (1916) Das Lokal war überfüllt; viele konnten keinen Platz mehr finden. Gegen sechs Uhr abends, als man noch fleißig hämmerte und futuristische Plakate anbrachte, erschien eine orientalisch aussehende Delegation von vier Männlein, Mappen und Bilder unter dem Arm; vielmals diskret sich verbeugend.“
(Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit. Luzern 1966.) Weiter bei Männlein 1, Männlein 2, Männlein 3, Männlein 4

Collage: Das Prinzip ist schon im Eröffnungsmanifest der Dada-Bewegung formuliert, das Hugo Ball am 1. Dada-Abend (16. Juli 1916)  in Zürich vortrug (http://gutenberg.spiegel.de/buch/4681/1):  „Auf die Verbindung kommt es an, und dass sie vorher ein bisschen unterbrochen wird.“  Ein wenig schwarze Romantik (Frankensteins Monster) und der Aufschwung der Prothesentechnik (künstliche Gliedmaßen für die im Ersten Weltkrieg verstümmelten Frontkämpfer) mögen Pate gestanden haben. „Ich lasse die Laute ganz einfach fallen. Worte tauchen auf, Schultern von Worten; Beine, Arme, Hände von Worten.“ Wir können heute sagen: Genmanipulation geht ähnlich vor. Ich löse die Verbindung eines Zellkerns mit seiner cytoplasmatischen Umgebung und schleuse ihn in eine andere Zelle ein.  In unmittelbarer Nachbarschaft des  Cabaret Voltaire  (Spiegelgasse 1) lebte  seit Februar 1916 der russische Emigrant Wladimir Iljitsch Lenin (Spiegelgasse 6), relativ erfolglos in seinen Versuchen, die Schweizer Sozialdemokratie zu radikalisieren.  Die Oberste Heeresleitung in Berlin agierte nicht anders als ein dadaistischer Gentechniker, unter tatkräftiger Mithilfe einiger zytoplastischer Schweizer Linken, als sie am 9. April 1917 Lenin im plombierten Eisenbahnzug durchs deutsche Reichsgebiet nach St. Petersburg schleuste. „Dada stammt aus dem Lexikon. Es ist furchtbar einfach. Im Französischen bedeutets (!) Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt mir bitte den Rücken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal! Im Rumänischen: ‚Ja wahrhaftig, Sie haben Recht, so ist es. Jawohl, wirklich. Machen wir‘. Und so weiter.“ (Hugo Ball)  Die armen Romanows. Und so „kann man alles Aalige und Journalige, alles Nette und Adrette, alles Vermoralisierte, Vertierte, Gezierte abtun“. (Hugo Ball) Das Vertierte auch?  „Die fortgeschrittenen Länder verwandeln sich – wir sprechen von ihrem ‚Hinterland‘ – in Militärzuchthäuser für die Arbeiter.“ (Lenin, Staat und Revolution. Vorwort zur 1. Auflage. August 1917) Im Namen der Menschlichkeit. „Die unerhörten Greuel und Unbilden des sich in die Länge ziehenden Krieges machen die Lage der Massen unerträglich und steigern ihre Empörung. Sichtbar reift die internationale proletarische Revolution heran. Die Frage nach ihrem Verhältnis zum Staat gewinnt praktische Bedeutung.“ (W. I. Lenin). Besonders für die Romanows. Nikolaus II., seine Gattin Alexandra Fjodorowna, die Töchter Olga, 23, Tatjana, 21, Maria, 19, Anastasia, 17,  Thronfolger Alexej, 14, und vier Angestellte der Zarenfamilie sterben in der Nacht zum 17. Juli 1918 im Kugelhagel und unter den Bajonetten des bolschewistischen Exekutionskommandos. Das Massaker dauerte 20 Minuten, die Spuren zu beseitigen mehrere Tage.

Heideggern: Das Weltende (nicht = Ende der Welt, sondern im Sinne von „Es weltet.“), das Weltende wird entlebt. Rüdiger Safranski sieht beim frühen Heidegger dadaistische Impulse am Werk. Beleg ist ihm das Kathedererlebnis. Aus der ersten Vorlesung Martin Heideggers, gehalten nach dem Krieg, Anfang 1919: „Sie kommen wie gewöhnlich in diesen Hörsaal um die gewohnte Stunde und gehen auf ihren gewohnten Platz zu. Dieses Erlebnis des ‚Sehens Ihres Platzes‘ halten Sie fest, oder Sie können meine eigene Einstellung ebenfalls vollziehen: in den Hörsaal tretend, sehe ich das Katheder… Was sehe ‚ich‘? Braune Flächen, die sich rechtwinklig schneiden? Nein, ich sehe etwas anderes: eine Kiste, und zwar eine größere, mit einer kleineren draufgebaut. Keineswegs, ich sehe das Katheder, an dem ich sprechen soll. Sie sehen das Katheder, von dem aus zu Ihnen gesprochen wird, an dem ich schon gesprochen habe. Es liegt im reinen Erlebnis auch kein – wie man sagt – Fundierungszusammenhang, als sähe ich zunächst braune, sich schneidende Flächen, die sich mir dann als Kiste, dann als Pult, dann als akademisches Sprechpult, als Katheder gäben, sodaß ich das Kathederhafte gleichsam der Kiste aufklebte wie ein Etikett. All das ist schlechte, mißdeutete Interpretation, Abbiegung vom reinen Hineinschauen in das Erlebnis. Ich sehe das Katheder gleichsam in einem Schlag; ich sehe es nicht nur isoliert, ich sehe es als für mich zu hoch gestellt. Ich sehe ein Buch darauf liegend, unmittelbar mich störend… ich sehe das Katheder in einer Orientierung, Beleuchtung, einem Hintergrund… In dem Erlebnis des Kathedersehens gibt sich mir etwas aus einer unmittelbaren Umwelt. Dieses Umweltliche … sind nicht Sachen mit einem bestimmten Bedeutungscharakter, Gegenstände, und dazu noch aufgefaßt als das und das bedeutend, sondern das Bedeutsame ist das Primäre, gibt sich mir unmittelbar, ohne jeden gedanklichen Umweg über ein Sacherfassen. In einer Umwelt lebend, bedeutet es mir überall und immer, es ist alles welthaft, es weltet.“ (GA 56/57, 71/72) Zitiert nach Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland : Heidegger und seine Zeit. München Wien 1994 (Carl Hanser Verlag), S. 119. Safranski zitiert weitere Stellen aus der Vorlesung, in der Heidegger Einspruch erhebt gegen die „tief eingefressene Verranntheit ins Theoretische“, die daran hindere, „den Herrschaftsbereich des unmittelbaren Erlebens … zu überschauen.“ (GA 56/57, 88). Theoretisch werde die Subjekt-Objekt-Spannung als Pseudo-Ursprung gesetzt. Dadurch werde das Umweltliche, so Heidegger, „entlebt“. „Die Dinghaftigkeit umschreibt eine ganz originäre Sphäre, die aus dem Umweltlichen herausdestilliert ist. Daß ‚es weltet‘ ist in ihr bereits ausgelöscht. Das Ding ist bloß noch da als solches, d. h. es ist real … Das Bedeutungshafte ist ent-deutet bis auf diesen Rest: Real-sein. Das Umwelt-erleben ist ent-lebt bis auf den Rest: ein Reales als solches erkennen. Das historische Ich ist ent-geschichtlicht bis auf einen Rest von spezifischer Ich-heit als Korrelat der Dingheit…“ (GA 56/57, 88). Rüdiger Safranski kommentiert dies einige Seiten weiter: „Wenn wir in dem ganzen Aufwand an Scharfsinn und philosophischem Akademismus der ersten Heideggerschen Vorlesung den dadaistischen Impuls herausspüren wollen, dann müssen wir uns vergegenwärtigen, daß er ja begonnen hat mit einer Frage, die auf hohem Kothurn daherkommt, die Frage nämlich nach der Urwissenschaft, der Urintention des Lebens, nach dem Prinzip der Prinzipien, um dann die erwartungsvoll gestimmten Studenten in das obskure Geheimnis des Erlebens eines Katheders einzuführen. Das ist eine Provokation – tatsächlich nach dadaistischem Geschmack. Und das gilt auch für die dann folgende Verwandlung des Gewöhnlichen ins Ungewöhnliche. Das Alltägliche wird durch solche Aufmerksamkeit zu etwas Geheimnisvollem und Abenteuerlichem. Die Dadaisten, wenigstens einige von ihnen, waren, wie auch Heidegger, trotz oder gerade wegen der bilderstürmerischen Tendenz, nach wie vor auf der Suche nach dem Wunderbaren. Hugo Ball schreibt, nach einem Abend im Züricher ‚Club Voltaire‘, in seinem metaphysischen Tagebuch ‚Die Flucht aus der Zeit‘: ‚Es gibt wohl noch andere Wege, das Wunder zu erreichen, auch andere Wege des Widerspruchs.‘ Sie blieben, wie auch Heidegger, auf ihre Weise heimliche und unheimliche Metaphysiker.“ (Safranski, 124/125)

Klanggedicht (auch Lautgedicht): „24.6.1916: Vor den Versen hatte ich einige programmatische Worte verlesen. Man verzichte mit dieser Art Klanggedichte in Bausch und Bogen auf die durch den Journalismus verdorbene und unmöglich gewordene Sprache. Man ziehe sich in die innerste Alchimie des Wortes zurück, man gebe auch das Wort noch preis, und bewahre so der Dichtung ihren letzten und heiligsten Bezirk. Man verzichte darauf, aus zweiter Hand zu dichten: nämlich Worte zu übernehmen (von Sätzen ganz zu schweigen), die man nicht funkelnagelneu für den eigenen Gebrauch erfunden habe. Man wolle den poetischen Effekt nicht länger durch Maßnahmen erzielen, die schließlich nichts weiter seien als reflektierte Eingebungen oder Arrangements verstohlen angebotener Geist-, nein Bildreichigkeiten.“
(Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit. Luzern 1966.) Weiter bei Schamanenhut

Männlein 1: Hier geht’s nicht weiter. Aber hier in einem Hamburger Parkhaus.

Männlein 2: Zwei Männlein steh’n im Walde / auf je einem Bein / Sie ha’m aus lauter Purpur / ein Röcklein an / Sagt, wer woll’n die Männlein sein / die da steh’n im Wald zu zwei’n / mit zwei purpurroten Röck-e-lein / 

Männlein 3: der kleine Zauberer aus Meßkirch, weiter bei Heideggern

Männlein 4: der große Unbekannte X (wie XING), weiter bei XING

Schamanenhut: Am 23. Juni 2016 trug Hugo Ball im Caberet Voltaire sein erstes Lautgedicht vor. Dafür hatte er sich ein Kostüm gebastelt. „Meine Beine standen in einem Säulenrund aus blauglänzendem Karton, der mir schlank bis zur Hüfte reichte, so daß ich bis dahin wie ein Obelisk aussah. Darüber trug ich einen riesigen, aus Pappe geschnittenen Mantelkragen, der innen mit Scharlach, außen mit Gold beklebt, am Halse derart zusammengehalten war, daß ich ihn durch Heben und Senken der Ellenbogen flügelartig bewegen konnte. Dazu einen zylinderartigen, hohen, weiß und blau gestreiften Schamanenhut.“
(Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit. Luzern 1966.)

Ungar-Idiome: „Die Dadaisten folgen den Spuren der Kubisten und Futuristen und wollen l’ordre et la clarté in der Kunst. Zu diesem Zweck fordern sie die Abschaffung der von der schaffensunfähigen Bourgeoisie erfundenen Logik und Moral, welche letztere nur zur Erniedrigung der Geister führe. Der Aufruf des Herrn Tristan Tzara ist demzufolge ein Dokument der Anarchie und des Wirrwarrs. Seine Dichtungen sind formloser Unsinn, durchaus beherrscht von der Sucht nach Originalität und dem Streben, die französische Sprache zu barbarisieren, ihren Rhythmus und ihre Melodie zu zerstören. Frisch erfundene Worte und Laut-Zusammenstellungen, die an Ungar-Idiome erinnern, werden eingeführt, und obgleich Herr Tzara dies als ein Gebot des inneren Rhythmus erklärt, zweifeln wir doch, daß Zusammenhanglosigkeit, schlechter Geschmack und ein sinnloses Wort-Nebeneinander Poesie seien.“
(La Feuille, Genf, 3. August 1918. Zit. nach Karl Riha [Hrsg.]: Da Dada da war, ist Dada da. Aufsätze und Dokumente. München: Hanser, 1980, S. 32 f.)

Wettkampf zwischen Nähmaschine und Schreibmaschine: Wieland Herzfelde (1976) berichtet über einen Dada-Abend in Berlin (1919):
„Der nicht eben für solche Wettkämpfe gebaute Saal war überfüllt. Eine gute halbe Stunde lang klapperte die Schreibmaschine, und ein Blatt nach dem anderen wurde fix aus der Maschine gerissen, ein neues eingespannt, während die Nähmaschine ununterbrochen schwarzen Trauerflor steppte, der im Gegensatz zu dem Papier endlos war, nämlich an seinen beiden Enden zusammengenäht, so daß man, so lange die Beine es aushielten, ewig nähen konnte und der Assistent nur darauf achten mußte, daß das Florband sich nicht verhedderte. Ansager, Conférencier und Schiedsrichter war George Grosz. Als er schließlich die Nähmaschine zum Sieger erklärte, schmetterte der Verlierer Huelsenbeck die Schreibmaschine (sie war nicht gut, gehörte aber dem Verlag) auf den Boden der Bühne. Der Sieger, Raoul Hausmann, ließ sich nicht stören. Er steppte den endlosen Trauerflor mit unverminderter Verbissenheit weiter.“
(Wieland Herzfelde, Zur Sache. Geschrieben und gesprochen zwischen 18 und 80, Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag 1976, S. 447 f.)

XING: Xing (chinesisch) steht für „gehen“, „sich bewegen“ und bezeichnet etwas, das sich im Wandel befindet: Xing beschreibt ein Durchgangsstadium.

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