Zum neuen Jahr 2019 : Konfusionen, Transfusionen

Confusio – Die Verwirrung“ lautet der Titel eines Kupferstiches, der an der Wand unseres Wohnzimmers in Budapest hängt. „Babyolonia undique – Babylon ist überall“ steht über der hochmütigen Frauengestalt, die sich dem Turmbau nähert und dabei alle Finger ihrer rechten Hand abspreizt. Wenn Du mit dem Finger auf einen andern Menschen zeigst, denke daran, dass mindestens drei auf Dich zurückzeigen. Das sagte der unvergessene Bundespräsident Gustav Heinemann vor fünfzig Jahren, als in Europa die 68er auf die Straße gingen. Auch im vergangenen Jahr gab es Anlass genug, Sprachverwirrung zu beklagen. Lügen und Fake News wollen sich mit dem Kampf gegen eine angeblich herrschende PC („political correctness“) rechtfertigen; ein für seine Reportagen mehrfach ausgezeichneter Journalist wird als Meister der Fiktionen enttarnt. Am liebsten möchte man mit dem ganzen Quatsch und Gequatsche nichts mehr zu tun haben. Und wieder mahnt uns ein Bundespräsident, Walter Steinmeier, in seiner Weihnachtsansprache:

„Und mehr noch als der Lärm von manchen besorgt mich das Schweigen von vielen anderen. Immer mehr Menschen ziehen sich zurück unter ihresgleichen, zurück in die eigene Blase, wo alle immer einer Meinung sind – auch einer Meinung darüber, wer nicht dazugehört. Nur, so sehr wir uns über andere ärgern oder sie uns gleich ganz wegwünschen, eines gilt auch morgen noch: Wir alle gehören zu diesem Land – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe, von Lebensanschauung oder Lieblingsmannschaft.

Das ist das Schöne und das Anstrengende an der Demokratie zugleich. Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten. Wer Streit hat, kann sich auch wieder zusammenraufen. Das kennen wir von Weihnachten mit der Familie. Aber wer gar nicht spricht und erst recht nicht zuhört, kommt Lösungen kein Stück näher. Sprachlosigkeit heißt Stillstand.“

In diesem Sinne: Auf in ein meinungsfreudiges, gesprächsbereites neues Jahr 2019!

Confusio – Die Verwirrung

Emotionaler Transnationalismus

Rezension (erschienen in Budapester Zeitung 2017 Nr. 44)

„Im goldnen Monat Oktober war’s / transparenter wurden die Tage” – Elegisch im Ton kommt es daher: Wilhelm Drostes neuestes – ja – Buch, das es nur als E-Book gibt. Vor einem Monat ist es erschienen. Droste, schon seit fast vierzig Jahren im freiwilligen Exil, schreibt kein weiteres Wintermärchen, Deutschland ist nicht das Thema. „Ungarische Zustände” ist der Titel.

Heinrich Heine – der Schmerzensmann in der „Matratzengruft” seines Pariser Exils – geißelte in bitterböser Satire die politisch-literarischen Zustände im Deutschland des Vormärz. Deutsche Themen gäbe es ja auch heute zuhauf. Der Aufstieg der AfD zum Beispiel. Die Führungsrolle Deutschlands in Europa, die so gar nicht gewollte, und wenn, natürlich nur gemeinsam mit dem neuen Napoleon in Frankreich. Da aber in Ungarn „Europe’s New Strongman” die europäische Agenda dominieren will, klingt der Titel wie ein Weck- oder Ordnungsruf. Nicht mit einer kolonialistischen Attitüde? Einige Beispiele gefällig? Man findet sie in Heinz Küppers „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“: „Zustände wie am oberen Nil” heißt es nach 1900 im Gefolge von Reiseberichten aus Oberägypten und dem oberen Sudan, um äußerst primitive Verhältnisse zu etikettieren. Es herrschen „Zustände wie im alten Rom“, wo nach den Annalen des Tacitus „alle Sünden und Laster zusammenfließen und verherrlicht werden“.

Ist das nur ein mehr oder weniger geschickter Griff des deutschen Verlags in die Marketing-Kiste? Nein. Der Titel stammt von Droste selbst. Im Herbst 2008 kündigte er in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Drei Raben” (Heft 14, Editorial) eine Veranstaltung an, die dann am 3. Dezember 2009 in seinem Café Eckermann über die Bühne ging. Ungarische Lyrik des 19. und 20. Jahrhunderts, in deutschen Übersetzungen und Nachdichtungen von Meister Wilhelm selbst, gelesen von Michael Grosse. Im Programmheft heißt es zurückhaltend: „Ungari­sche Zustände beleuchtet die vorliegende Gedichtsauswahl aus unterschiedlichen historischen und in­dividuellen Perspektiven, gleichzeitig aber richtet sich der Fokus auf europäische Zustände.” In der Ankündigung über ein Jahr zuvor klang es noch martialischer: „Ungarische Zustände, das ist der bedrohliche Arbeitstitel dieser poetischen Attacke.” Was ist von diesem Kampfesgeist geblieben?

In der aktuellen Publikation geht nicht in erster Linie um das aktuelle Ungarn. Oder nur in dem Sinne, wie es der Ausruf „Es ist, um Zu­stände zu kriegen!” ausdrücken würde. Es geht vor allem um den Autor selbst und seinen Seelenzustand. Nicht zufällig hat er seine Dissertation über den Einfluss des Ortes auf den Dichter geschrieben und dies an Rainer Maria Rilke und Endre Ady und ihren zahlreichen Aufenthaltsorten belegt. Durchaus anrührend, wenn auch manchmal ein wenig sentimental, gibt Droste seiner verzweifelten Liebe zu Ungarn Ausdruck. Verzweifelt ist sie, weil am Anfang ein ganz großer Wille steht, und am Ende das Leiden an der Wahlheimat. In unseren Tagen, in denen so viel von „Fluchtursachen” die Rede ist, ist vor allem der Anfang, die freiwillige Migration und die tiefe emotio­nale Bindungswilligkeit interessant. Der Leser erfährt, wie jemand den Lehm des Sauerlandes von den Sohlen streift und sich in den Jahren vor 1989 in Ungarn heimisch zu machen versucht, in diesem unbekannten Land mit einer ganz eigenen Exotik. Die verqualmten Kaffeehäuser, eine weitere Leidenschaft Drostes, in der Metropole an der Donau, dem „Paris des Ostens”, bersten von bärtigen, langhaarigen Intellektuellen und attraktiven jungen Frauen. Die lässige Diktatur unter Kádár verleiht der Budapester Boheme ein übersteigertes Bewusstsein der eigenen Bedeutung – ein Blütentraum, der in den fünfundzwanzig Jahren nach der Wende im eiskalten Hauch des Marktes erfrieren und im Gluthauch der Parteipolitik verdorren wird. Ein öffentlicher Diskurs, der den Namen verdiente, findet spätestens unter der populistischen Orbán-Regierung nicht mehr statt. Im Gegenteil: Oppositionelle Zeitungen, Online-Portale und Sender werden mundtot gemacht.

Angesichts solcher Enttäuschungen braucht die Liebe ein starkes Fundament. Für Droste ist dies vor allem die ungarische Sprache, in der er sich den Menschen, vor allem dem Schwieger­vater György Enyedi nähern kann. (Die Tochter, Ildikó Enyedi, Drostes Ehefrau und Mutter der beiden gemeinsamen Kinder, hat in diesem Jahr den „Goldenen Bären” gewonnen – mit ihrem Film „Körper und Seele”.) Ihr Vater, der viele Sprachen beherrschte, beschwieg das Deutsche, als hätte er es vergessen wollen. „Jahrzehnte hat es gedauert, bis es mir irgendwann wie Schuppen von den Augen fiel, dass meine Liebe zu Budapest und Ungarn ganz entscheidend darauf basiert, dass hier jüdisches Leben, jüdisches Denken, jüdische Geselligkeit präsent geblieben sind.” Sagt Droste. György Enyedi konnte als mittelloser, aber begabter Junge halb­jüdischer Herkunft – sein Vater ist in Bergen-Belsen umge­kommen – dank eines Stipendiums am Gymnasium der Piaristen lernen. Dieser Status bedeutete unter dem Horthy-Regime zunächst auch einen Schutz vor antisemitischer Verfolgung, bis die Greiftrupps der ungarischen Pfeilkreuzler durch die Stadt schwärmten und er in den Untergrund gehen musste.

Das Gebäude der Piaristen unweit der Elisabethbrücke ist – neben der ungarischen Sprache – die zweite Konstante in der Erzählung von Wilhelm Droste. Eine Konstante in Bewegung: über die Jahre präsentiert sich dieser Bau dem Ich-Erzähler in vielfältigen Funktionen, zunächst als Sitz der geistes­wissenschaftlichen Fakultät, also als erträumter und dann wirklicher Arbeitsplatz für ihn, den Dozenten der Germanistik, bis der Bau an den Piaristenorden zurückgegeben wurde. Und bald als Unterschlupf für das neue Kaffeehaus, das Droste noch in diesem November eröffnen will. Der Name: „Három holló – Drei Raben”. So hieß das Stammcafé von Endre Ady. Der katholische Sauerländer und ausgebildete Lehrer unter der Ägide des Schulordens der Piaristen! Es gibt also noch eine Zukunft für die Liebe. Man kann nur Glück zu dem Unternehmen wünschen.

Wilhelm Droste, Ungarische Zustände : Ein Schauplatz erzählt Geschichte. Verlag: Rowohlt E-Book. Originalausgabe. Erscheinungstermin: 06.10.2017. 40 Seiten. 2,99 EUR. ISBN: 978-3-644-00078-0

Megjöttek a locsolók – Hier kommen die Sprinkler

Diese Übersetzung bietet Facebook an. Eine Sprinkler-Anlage – das sagt mir etwas. An Orten mit starkem Publikumsverkehr, in Kaufhäusern, Tankstellen, Hotels usw., dient sie dem Brandschutz. Auch mit Berieselungsanlagen, im Online-Wörterbuch für „locsolófej“ angeboten, kann ich was anfangen. Italienisch: „spruzzatore‘. Neulich auf Euro-Sport die Qatar-Rundfahrt, die Spitzengruppe aus fünf sechs Radlern, dann das Peloton fließen an Baumkulissen vorbei, durch Kreisverkehre, in deren Mitte grüne Inseln und Blumenbeete durch Bewässerungsanlagen frisch gehalten werden. Zu den Bildern Dauerberieselung mit Techno im Fitness-Studio. Aber „die Sprinkler“??? Worum geht es? Um einen alten Volksbrauch in Ungarn, aber auch anderswo in Osteuropa, am Ostermontag. Also heute. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

Auf dem Lande, in früheren Zeiten, wurde man(n) durchaus handgreiflich, wie zu sehen ist, wenn nicht übergriffig. Städtisch verfeinert, versprühen die Sprinkler heutzutage  Kölnisch Wasser, sagen ihr Sprüchlein auf und werden wie früher mit rot gefärbten Eiern beschenkt, manchmal auch mit Kleingeld. Aber auch „Kölni“ ist bei den jungen Frauen nicht unbedingt beliebt: meistens wird Billigparfüm verpritzt. Trotzdem: ein netter Brauch. Alles ganz harmlos. Und die jungen unbegleiteten Migranten kriegen das ja nicht zu sehen. Die Balkanroute ist dicht.

„Endre Kukorelly klopft immer noch das Mark aus dem Knochen.“

In der Autorenbuchhandlung (Írók boltja) stellt der Literaturhistoriker Péter Dávidházi das neue Buch von Endre Kukorelly (links) vor.

In der Autorenbuchhandlung (Írók boltja) stellte gestern der Literaturhistoriker Péter Dávidházi das neue Buch von Endre Kukorelly (links) vor: „Porcelánbolt“ (Porzellanladen)

In einem Beitrag zur Frankfurter Buchmesse (mit dem Ungarnschwerpunkt 1999) stellte ich u. a. Endre Kukorelly vor  („Budapester Buchmesse. Jäger und Sammler der Sprache. Ungarische Bohème.“ Frankfurter Rundschau, Samstag 9. Oktober 1999 – Beilage „Zeit und Bild“). Hier ein Auszug:

„Endre Kukorelly klopft immer noch das Mark aus dem Knochen. So klopft er in seinen Gedichten die Sprachhülsen aus. Er wohnt in der Szondygasse. Seine Stimme ist heiser.

Zur Lage in der Szondy
Irgendetwas leuchtet auf der Straße immer
Flimmern von dieser Seite von dort Lärm
vergiss es das ist zwanzigstes Jahrhundert
Früher vergammelte das Gemüse schneller

und in unserer Straße war Sommergeruch
privat hat das jetzt einer besser im Griff
der packts auseinander, damit es nicht fault
vergisses das sind die achtziger Jahre
Früher johlten hier die Besoffenen
jetzt gibt es auch immer einen der brüllt
vergisses in etwas entwickeln wir uns
in etwas anderem stehen wir nur erstarrt.
(Übertragung: Barbara Köhler)

Was gefällt mir an Endre Kukorellys Gedichten? Die vibrierende Nervosität in den Texten. Die Mischung der Diskurse. Der raffinierte Gestus des unbeholfenen Herumtappens an der Sprache. Das Versagen und Neuansetzen der Stimme. Also schon: Ehrlichkeit, aber völlig unprätentiös. Wie einer mit heiserer Stimme unerhörte Wahrheiten vorbringt, und er weiß, dass alle Zuhörer wissen: Das ist nicht die Heiserkeit des kündenden Propheten, des Predigers, nein, da hat eine die Nacht in einer rauchigen Kellerbar durchgesoffen und kann, will das nicht verbergen. Seine Wahrheiten sagt er trotzdem.  Es gibt ein Gedicht von Kukorelly, das er Géza Ottlik gewidmet hat. Es endet mit den Zeilen

(…) Asyl.

Bin ich gerüstet? Rüste ich mich und lange dort an? Lass sie
zurück, klapp sie zu, deine verdammte literarische Weisheit. Treib
also ein, was dieses Reiches ist.
(Übertragung: Irene Rübberdt)

In der aktuellen Neuerscheinung klappt er sie wieder auf, die verdammte literarische Weisheit. In dem Buch mit dem beziehungsreichen Titel „Porcelánbolt“ (Porzellanladen) versammelt Kukorelly Essays über die ungarische Literatur, vor allem der Gegenwartsliteratur. Er erhebt keinen geringeren Anspruch, als den Schulkanon umzustoßen. Ein Hauptaugenmerk gilt den verborgenen Autoren der ungarischen Neo-Avantgarde der 1960er und 1970er Jahre, wie dem Konzeptkünstler, Essayisten und Filmemacher Miklós Erdély. Ich bin gespannt auf die Lektüre.

Nichts für morgen. Nichts für gestern. Alles für heute.

Der Screenshot von heute morgen zeigt – zufällig generiert – rechts neben dem Foto des ungarischen Ministerpräsidenten die Einspielung des Dada-Werbeblockers, den ich installiert habe (Quelle: Dada-data.net):  „Nichts für morgen. Nichts für gestern. Alles für heute.“ Das passt. Es passt zum Regierungshandeln in Ungarn.

 

2016-10-03-08_09_48-greenshot

Eine beispiellose Angstkampagne, mit islamophoben Parolen und Anleihen bei Samuel Huntigtons „Kampf der Kulturen“ („Europa ist Athen, nicht Persien. Europa ist Rom, nicht Karthago.“). Seit Wochen die massive Präsenz großformatiger Plakate im öffentlichen Raum („Wussten Sie schon…?“) – die Mini-Plakate in den kleineren Ortschaften, meist in der Nähe der Dorfkirche, nicht zu vergessen. Roadshows aller führenden Regierungspolitiker, Fernsehnachrichten, die sich über 45 Minuten lang mit nichts anderem aufhalten, als Flüchtlinge und Migranten in einen Topf zu rühren, noch am Sonntag Nachmittag eine Welle von SMS-Nachrichten , als sich schon abzeichnete, dass die Wahlbeteiligung unter dem Quorum von 50 % bleiben würde: alles Schnee von gestern. 40 Millionen EURO verbrannt. Mit welchem Ergebnis?

Laut amtlichem Endergebnis lag die Wahlbeteiligung bei 40,41%. Dies rechtfertigt die Aussage, das Referendum sei ungültig. So what? Wie beim Brexit liegt die Entscheidung beim Parlament. Die Regierung wird die siebte Grundgesetzänderung einbringen und damit festschreiben, dass nur mit  Zustimmung des Parlaments Flüchtlinge auf ungarischem Territorium angesiedelt werden können. Zwar ist die komfortable Zweidrittelmehrheit des FIDESZ flöten gegangen, aber JOBBIK (die Partei der noch besseren Ungarn) wird zustimmen. Handelt es sich doch um einen eigenen Vorschlag. Genüsslich kommentiert Gábor Vona, der Parteivorsitzende, dass die Regierung dieses Ergebnis auch hätte billiger haben können, und fordert zudem Viktor Orbán zum Rücktritt auf. Den Kommentaren aus Westeuropa, die Orbáns breite Brust in Brüssel auf ein Normalmaß geschrumpft sehen, muss eine bittere Erkenntnis aus den Wahlergebnissen entgegen gehalten werden. 98,33% der gültigen Stimmen entfielen auf das „Nein“, das die Regierung empfohlen hatte. (Die Frage hatte gelautet: „Wollen Sie, dass die Europäische Union Ungarn die verpflichtende Ansiedlung von nicht ungarischen Staatsbürgern auch ohne Mitwirkung des Parlaments vorschreiben kann?“)

Es bleibt festzuhalten: Sollte es überhaupt – über das verschwindend geringe „Ja“-Votum hinaus – ungarische Befürworter einer durch Mehrheitsbeschluss des Europäischen Rats verbindlich gemachten Übernahme-Quote geben, so sind sie in der Mehrheit zu Hause geblieben. Dazu hatte die zersplitterte linke Opposition ja auch aufgerufen. Jetzt wollen diese drei bis vier weniger als 10-Prozent-Parteien daraus die Götterdämmerung Orbáns ableiten. Aber niemand – noch einmal: niemand – hat sich für ein „Ja“ stark gemacht. Die Wahlenthaltung als ein Zeichen der Hoffnung zu nehmen, das Aufrühren xenophobischer Stimmungen sei am ethischen Korsett der meisten Wahlbürger abgeprallt, ist blauäugig. Viktor Orbán ist kein Hänfling. Innenpolitisch geht er gestärkt aus dem Referendum hervor. Europapolitisch sieht er sich im Mainstream, den die von der PC (political correctness) geblendeten Eliten in ihren eigenen Ländern nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Die Kräfte, die sich einer vertieften Union mit mehr und mächtigeren gemeinsamen Institutionen verschrieben haben, sind geschwächt. Auffassungen, die ein starkes Europa nur in einem Bündnis aus starken Nationalstaaten, zum gegenseitigen Vorteil, sehen wollen, werden bestätigt.

Einzig die „Partei des zweischwänzigen Hundes“ hatte zur Abgabe einer ungültigen Stimme aufgerufen. Anhänger posteten auf Facebook ihren Stimmzettel, auf dem sie gemäß Aufruf mit zwei Kreuzen bei „Ja“ und bei „Nein“ die Überflüssigkeit des Referendums markierten. Diese in Pressekommentaren als „Satire“- oder „Spaß“-Partei apostrophierte Gruppierung hatte zudem in einer intelligenten, allerdings beschränkten, weil aus privaten Spenden finanzierten Plakatkampagne die Absurdität mancher Regierungsparole bloß gestellt: „Wussten Sie schon? In Syrien herrscht Krieg.“ Nicht nur der Parteiname ist DADA, auch die Aktivitäten verdienen diesen Ehrentitel. Deshalb von dieser Stelle aus einen Glückwunsch zu den 223 254 ungültigen Stimmen – 6, 27 % ! Im Detail: 11,8 % in Budapest, 7,3 % im Komitat Csongrád, 6, 7 % im Komitat Pest. (Quelle: index.hu)

Igen: Ja / Nem: Nein Fussatok, bolondok : Lauft, ihr Narren!

Igen: Ja / Nem: Nein
Fussatok, bolondok : Lauft, ihr Narren!

 

Denk-mal

Budapest, Stadtwäldchen, 4. November 2015: Eine Statue wird enthüllt

Budapest, Stadtwäldchen, 4. November 2015: Eine Statue wird enthüllt


Budapest ist voller Denkmäler. Das war nicht immer so. Angeblich soll der deutsche Kaiser Wilhelm II. bei seinem Budapest-Besuch 1897 dem österreichischen Kaiser und ungarischen König gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben, dass so wenig Denkmäler zu sehen seien. Daraufhin schenkte Franz Joseph der Stadt aus seiner Privatschatulle 400 000 Kronen, damit zehn Statuen von historischem Gewicht geschaffen und aufgestellt würden. Und so geschah es. Heute, am 4. November 2015, wurde im Budapester Stadtwäldchen eine weitere Bronzebüste enthüllt. Das Foto zeigt sie noch in der Hülle. Die beiden Trikolorenbändchen, Schwarz-Rot-Gold und Rot-Weiß-Grün, weisen auf den deutsch-ungarischen Kontext der Statue hin. Frage: Wen stellt die Büste dar? Weitere Frage: Wer hatte die Idee? Wer möchte, kann darüber abstimmen.

George Orwells „1984“ jährt sich zum dreißigsten Mal

Mitte der  Sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sahen wir die Verfilmung von „1984“ im katholischen Jugendheim. Ich weiß noch, wie ich dachte: Noch zwanzig Jahre. Es war der Schwarzweißfilm (GB 1956), den Michael Anderson mit Edmond O’Brien in der Rolle des Winston Smith drehte. Altersgerechte Rezeption: Konzentration auf die Action und auf die Liebesbeziehung Winstons und Julias, an sich schon ein Akt der Rebellion gegen das System des Großen Bruders, dann auf die Rattenfolter und auf den gegenseitigen Verrat der Liebenden und ihrer Überzeugungen. Ich denke, den alternativen Schluss, in dem die Beiden bei ihrem letzten Aufbegehren im Kugelhagel der Polizei ihr Leben aushauchen, habe ich erst später im westdeutschen Fernsehen gesehen. Meine Erinnerung will es, dass mir der „umgedrehte“ Winston, der in einer Massendemonstration dem Großen Bruder zujubelt, eindrücklicher vor Augen steht. Der Sieg des totalitären Einparteienstaats über das ohnmächtige Individuum – das war die Quintessenz des 20. Jahrhunderts. Es brauchte dann noch zwanzig Jahre, bis ich den Roman selbst las – es gehörte der Medienhype dazu, die Flut von Sekundärliteratur und natürlich die getreuere Neuverfilmung (UK 1984) von Michael Radfort mit John Hurt als Winston und Richard Burton als seinem Gegenspieler O’Brien.

Den Roman hatte ich im Gepäck, als ich 1984 über Ostern nach Ungarn fuhr und unter widrigen Umständen – die nichts mit dieser Konterbande zu tun hatten – eine Zwangsverlängerung meines Urlaubs hinnehmen musste. Jetzt hatte ich die Zeit, mich mit den abstrakten und philosophischen Inhalten von „Neusprech“ und der Neuschreibung der Historie  im Wahrheitsministerium zu beschäftigen. Und so brachte ich den Roman, der selbstverständlich wie in der UdSSR und der DDR als „antikommunistisches Machwerk“ auch in der Volksrepublik Ungarn verboten war, unter die Leute. Der Autor selbst hatte sich in seinen letzten Lebenstagen, denen er den Roman buchstäblich abgerungen hat, gegen allzu platte Lesarten gewehrt. Weder zeitgenössische  Stalinkritik noch zukunftsbanges Menetekel waren direkt seine Absicht. Parallel zur Arbeit an dem Roman setzte er sich öffentlich mit den Schriften Sartres auseinander – allgemein ging es ihm wohl auch im Roman darum, die Anfälligkeit von Intellektuellen für totalitäres Denken zu brandmarken. Und heute? Orwell hatte nicht das Internet gekannt, und selbst uns, den Lesern und Kinozuschauern von „1984“, war es noch kein Begriff. Was kann uns dann aber der Roman heute noch sagen? Gibt es in der Facebook-Generation überhaupt noch einen Begriff von Privatheit, von dem aus die Abhörpraktiken und die Datensammelwut der Geheimdienste als Skandal empfunden werden? Entspricht dem realen permanenten Kriegszustand überhaupt noch ein menschliches Gefühl, das nicht als Paranoia oder Endzeit-Zynismus daherkommt? Immunisiert die Kulturindustrie nicht gegen das Stellen richtiger Fragen, lässt sie überhaupt noch so etwas wie ein historisches Bewusstsein aufkommen? Greift umgekehrt die Lesart,  das gegenwärtige Ungarn unter Viktor Orbán gleiche mehr und mehr der Orwellschen Dystopie, nicht geschmäcklerisch viel zu kurz? Gleichwohl lesenswert – die Zusammenfassung des Essays von András Bruck in englischer Sprache.