Super- Taschenmond

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Alle Welt staunt über den Super-Mond, in weiter Ferne, so nah! Alle, die wegen des verhangenen Himmels im November nur virtuell daran teilhaben können, seien auf die Seite der NASA verwiesen: neben viel Kitsch gibt es auch ein atemberaubendes Schwarzweiß-Foto vom Transit der ISS vor unserem Trabanten (APOD: Astronomy picture of the day). Mein Taschenmond ist da bescheidener – nicht auf dem Präsentierteller, sondern in einer Hosentasche oder Bauchfalte des Internets versteckt. Aber hintergründig! Mehr auf der Seite „Taschenmond“ !

Die Teilzeit-Tusse

Flambierte Frauen sind Geschmackssache. Hier ist eine Frau, die nichts anbrennen lässt. Ihr Verlag stellt sie u. a. mit folgenden Angaben vor: „verheiratet, 2 Töchter, arbeitet als Sozialarbeiterin im Sozialpsychiatrischen Dienst, sozialtherapeutische- und musiktherapeutische Zusatzausbildung, Sterbebegleiterin“.

coverleimbachIrene Ullrich-Leimbach hört auch nach ihrer „Zur-Ruhe-Setzung“ nicht auf, sich um Menschen am Rande der Gesellschaft zu kümmern. Bei den Suchtkranken einer mittelgroßen Hafenstadt war sie über Jahrzehnte als konsequente und kompetente Helferin bekannt. Bekannt, gefürchtet und heimlich auch geliebt, hat sie das Zuhören doch nie verlernt. Aber ihre Klienten fanden bei ihr nicht nur Verständnis. Sie wurden immer auch mit der Forderung konfrontiert, in ihrem Problemspeicher oder in ihrem Gefühlshaushalt aufzuräumen. Nach der guten, alten Hausfrauenregel: Überlege nicht lange, wo bloß anfangen? Fang irgendwo an! Zupackend sind auch Irenes Texte in dem jüngst erschienenen Band „Poetische Setzlinge” (Geest Verlag) – die nur entfernt etwas mit ihrem Beruf, viel mehr aber mit ihrer eigenen Existenz als Frau in der Arbeits- und Konsumwelt zu tun haben. Sie sieht sich umgeben von Hedonisten, die das Jammern auf hohem Niveau anstimmen: „Zeit zu klagen / Zeit zu handeln / / Michelangelo trifft sich mit Inge / in der Sixtinischen Kapelle / und wo bleibe ich?” Und sie stemmt sich gegen den Trend zur Frühverrentung: „Wie lange musst du noch, / fragen die Pensionäre, / mitleidig oder irritiert? // Dabei wäre es / viel beruhigender, / für sie, / wenn ich nun auch / Modellbaukästen reanimierte, / verreiste / und mich auf Spieleabende / vorbereitete.” Dieses Gedicht endet mit einem Posaunensolo: „Sie haben völlig recht: / Ich brauche wirkliche Probleme!” Und schon sucht sie im realen Leben nach einem Teilzeitjob, vereinbar mit dem gewöhnungsbedürftigen Rentnerdasein.

Die Probleme werden Irene Ullrich-Leimbach so schnell nicht ausgehen. Deutschland im zweiten Flüchtlingsherbst – da liegen die Themen, die sie in ihrem nächsten Textband anpacken will. Eine gute Medizin gegen das Altern – schon der Barockdichter Friedrich Freiher von Logau wusste das: „Ein Mühlstein und ein Menschenherz wird stets herumgetrieben. / Wo beides nichts zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben.“ Derweil reiben wir uns an einem Gedicht aus ihrer ersten Veröffentlichung: „Die Teilzeittusse“ – in diesem Hochgeschwindigkeits-Blog namens „Intercity Wanderjahre“ auf der Seite „Mitreisende“ zu finden.

Péter Esterházy signiert

Beim 87. Budapester Buchfestival mitten auf dem Vörösmarty Platz. In einem Zelt des Magvető Verlags sitzt Péter Esterházy und signiert seine Bücher. Das Zeitfenster ist die Stunde von 17 bis 18 Uhr. Ich stelle mich ans Ende der Schlange, in der Hand die Neuerscheinung: Bauchspeicheldrüsentagebuch. Es ist 17:30 Uhr.

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Leichter Regen. Die Reihe der Wartenden reicht um den Löwenbrunnen herum. In acht Minuten rückt die Schlange vielleicht fünf, sechs Meter weiter. Ob man wohl noch zum Zuge kommt? Die Menschen sind geduldig, sie unterhalten sich gedämpft. Es muss sehr anstrengend für ihn sein, mit dieser Art von Krankheit.

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Die Nachricht läuft den unsichtbaren Draht entlang: Er verlängert bis halb sieben. Der Brunnen wird zur Nabe eines Zifferblatts. Eine Menschenuhr: eine andere Zeitrechnung. Um 18:30 Uhr stellt sich ein Verlagsmitarbeiter ans Ende der Schlange. Es geht weiter, aber niemand darf sich neu einreihen. Manche haben vier, fünf Bücher unter dem Arm. Andere blättern, lesen sich fest. Nach hinten verliert die Reihe allmählich ihre Krümmung. 18:50 Uhr. Dann das Zelt, am schmalen Eingang Sicherheitskräfte. Zögernd treten die Menschen ein. Sand rinnt durch die Engführung des Stundenglases. Dort sitzt der Meister in einem hellen Anzug und signiert. Die langen Haare bauschen, türmen  sich weiß über einem schmalen Gesicht. Was sagen? Dank für die vielen spielerischen Wege um mein deutsches Denken herum. Er: Was soll ich schreiben?