EGO UPDATE

Ein Lesegenuss: Leo Läufer kommentiert die Ausstellung „Ego Update“ in Düsseldorf. Nach der Lektüre werde ich jetzt keine Teleskop-Selfie-Krücken zu Weihnachten verschenken. Leo dokumentiert das Schreiben aus Daniel Barenboims Büro: Bitte entfernen Sie mein Bild aus der Ausstellung. Und genial ist Leos Selfie in dem Raum mit den Stinkefinger-Selfies – souverän die Geste der Verweigerung: nicht nur verweigert er die ominöse Geste, sondern jegliche Geste.

Leo Läufer

Die Zukunft der digitalen Identität

ego updateIch habe sie also besucht, die Ausstellung  im NRW-Forum Düsseldorf, in der die digitale Ichwerdung des postmodernen, globalisierten Menschen anhand der Werke einiger Bildkünstler aufgezeigt werden soll (19. September 2015 – 17. Januar 2016). Neben der Kasse (Eintritt moderate 6 €) ist ein riesiger Tisch, auf  dem Accessoires rund ums Selfie zum Kauf angeboten werden: Ein Karton mit Partyzubehör, also Schnurrbärte, Brillen und rote Nasen; ein Kit zum Selbermachen von Filmen mit dem Smartphone (ohne Smartphone, ohne App); ein Buch mit Tipps zum Selfieren; Bildbände mit Selfies, der anrührendste wohl ein Fotobuch mit Aufnahmen von Weihnachten von 1900 bis 1945, immer das gleiche Paar neben dem Tannenbaum zu sehen, etc. Brief Barenboim Im unteren Bereich hängen Bilder von bekannten Menschen, Schauspielern, Sängern, etc. an der Wand. Bemerkenswert ein UnBild, nämlich das von Daniel Barenboim, dem Leiter der Berliner Symphoniker. Unbild,weil nicht sein Bild mehr da hängt, sondern…

Ursprünglichen Post anzeigen 391 weitere Wörter

Empfindliches Gleichgewicht

A béke szigete - Bien calé -Island of peace - Insel des Friedens (Paris 1985)  © Bruno Bourel http://www.brunobourel.com

A béke szigete – Bien calé -Island of peace – Insel des Friedens (Paris 1985) © Bruno Bourel http://www.brunobourel.com

Selbstversunken ins Lesen, aber nur scheinbar weltvergessen. Denn alle Antennen sind ausgefahren. Ein Windstoß würde genügen, der Fahrtwind eines knapp vorbeifahrenden 2 CV, um ihn ins Schwanken zu bringen. Ihn, den Verkäufer (?), den Ingenieur (?), den Arzt oder Apotheker (?). Der Mann macht Pause, oder er posiert für den Photographen. Wie ein Faultier klammert er sich mit den Beinen in die Lianen des Großstadtdschungels. Das Pausenbrot hat er, eingesackt in der Plastiktüte, auf seinem Bauch liegen: seinen Lunch, seinen Brunch, das petit dejeuner. Hunger hätte er, aber leerer Bauch studiert ganz gern. Der Schwerpunkt des Mannes läge tiefer, hätte er sich die Mahlzeit schon einverleibt. Die Lage wäre stabiler. So ist er bedroht vom Absturz in den Alltag, oder er schwebt darüber – ein moderner Ikarus.