An der Schwelle zum neuen Jahr

Das Portal der romanischen Kirche in Lébény

Das Portal der romanischen Kirche in Lébény


Dieses Kirchenportal in Lébény hat mehr Charme als eine Erstaufnahme-Einrichtung. Es wurde auch länger daran gebaut. Es gab einen Plan. Wunderbar, diese Symmetrie. Aber manchmal ist ja – was spiegelbildlich zu sein vorspiegelt – durch ein winziges Detail verändert – eine Laune, eine Mutation, ein spontaner Einfall, eine Abweichung im Muster schaffen einen Riss in der Realität – und durch diesen Riss tritt der Engel auf die Bühne, wie hier am Eingang zu einer der wenigen romanischen Kirchen in Ungarn, die der Mongolensturm übrig gelassen hat. Heißt der Engel den Ankömmling willkommen? Oder ist er der Türhüter, der streng die Identität prüft? Stimmen die Papiere vor dem Gesetz? Holt der Engel sein Flammenschwert hervor? Eins ist sicher, wie bei Kafka nachzulesen ist: Dieses Portal ist nur für diesen einen Asylsuchenden errichtet. Er muss allen Mut zusammennehmen, und er muss hinter die Rede des Engels schauen. Wer eintritt, verändert nicht nur sich selbst – er verändert das Innere des Raums, den er betritt.

EGO UPDATE

Ein Lesegenuss: Leo Läufer kommentiert die Ausstellung „Ego Update“ in Düsseldorf. Nach der Lektüre werde ich jetzt keine Teleskop-Selfie-Krücken zu Weihnachten verschenken. Leo dokumentiert das Schreiben aus Daniel Barenboims Büro: Bitte entfernen Sie mein Bild aus der Ausstellung. Und genial ist Leos Selfie in dem Raum mit den Stinkefinger-Selfies – souverän die Geste der Verweigerung: nicht nur verweigert er die ominöse Geste, sondern jegliche Geste.

Leo Läufer

Die Zukunft der digitalen Identität

ego updateIch habe sie also besucht, die Ausstellung  im NRW-Forum Düsseldorf, in der die digitale Ichwerdung des postmodernen, globalisierten Menschen anhand der Werke einiger Bildkünstler aufgezeigt werden soll (19. September 2015 – 17. Januar 2016). Neben der Kasse (Eintritt moderate 6 €) ist ein riesiger Tisch, auf  dem Accessoires rund ums Selfie zum Kauf angeboten werden: Ein Karton mit Partyzubehör, also Schnurrbärte, Brillen und rote Nasen; ein Kit zum Selbermachen von Filmen mit dem Smartphone (ohne Smartphone, ohne App); ein Buch mit Tipps zum Selfieren; Bildbände mit Selfies, der anrührendste wohl ein Fotobuch mit Aufnahmen von Weihnachten von 1900 bis 1945, immer das gleiche Paar neben dem Tannenbaum zu sehen, etc. Brief Barenboim Im unteren Bereich hängen Bilder von bekannten Menschen, Schauspielern, Sängern, etc. an der Wand. Bemerkenswert ein UnBild, nämlich das von Daniel Barenboim, dem Leiter der Berliner Symphoniker. Unbild,weil nicht sein Bild mehr da hängt, sondern…

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Empfindliches Gleichgewicht

A béke szigete - Bien calé -Island of peace - Insel des Friedens (Paris 1985)  © Bruno Bourel http://www.brunobourel.com

A béke szigete – Bien calé -Island of peace – Insel des Friedens (Paris 1985) © Bruno Bourel http://www.brunobourel.com

Selbstversunken ins Lesen, aber nur scheinbar weltvergessen. Denn alle Antennen sind ausgefahren. Ein Windstoß würde genügen, der Fahrtwind eines knapp vorbeifahrenden 2 CV, um ihn ins Schwanken zu bringen. Ihn, den Verkäufer (?), den Ingenieur (?), den Arzt oder Apotheker (?). Der Mann macht Pause, oder er posiert für den Photographen. Wie ein Faultier klammert er sich mit den Beinen in die Lianen des Großstadtdschungels. Das Pausenbrot hat er, eingesackt in der Plastiktüte, auf seinem Bauch liegen: seinen Lunch, seinen Brunch, das petit dejeuner. Hunger hätte er, aber leerer Bauch studiert ganz gern. Der Schwerpunkt des Mannes läge tiefer, hätte er sich die Mahlzeit schon einverleibt. Die Lage wäre stabiler. So ist er bedroht vom Absturz in den Alltag, oder er schwebt darüber – ein moderner Ikarus.