Hajó! Bateau! Hajó! Bateau!

Péter Nádas erklärt in der Deutschen Schule Budapest, wie man sich erinnert. (Foto: XING)

Was war das erste Erlebnis als Kind, an das er sich erinnert? Péter Nádas holt weit aus: Sind die Bilder, die vom Grunde des Gedächtnisses emporsteigen, wirklich unsere eigenen? Wieviel Anteil daran haben die Erzählungen der Eltern und ihrer Generation? Was ist kollektives Gedächtnis, was Trauminhalt, Hineinfühlen, Phantasmagorie? Der Autor, vielleicht der subtilste Erinnerer seit Marcel Proust, gibt uns, seinen Zuhörern und Lesern, eine Kostprobe von der mit Erfahrung gesättigten Sinnlichkeit, die ihn bei der Rekonstruktion der Vergangenheit leitet. Aus der Kindheit bleibt ihm die ungeheure Erfahrung: Ich kann fliegen!!! Bombenalarm in Budapest, die Mutter eilt mit ihm die Treppen hinunter zum Luftschutzkeller, Blitzkrachbumm, das Haus wankt, der Vorhang zerreißt, die Erde bricht auf – und das Kind fliegt. Dann Umnachtung, Augenaufschlag: Die Bäume im Garten brennen.

Deutsche Schule Budapest. Es ist der 25. April 2017. Mein Vater wäre heute 95 Jahre alt geworden. Zeit seines Lebens war er stolz darauf, dass er sich – achtzehn Jahre alt – freiwillig zur deutschen Kriegsmarine meldete. So wollte er sich den Nachstellungen entziehen, die ihm von der Führung der Hitlerjugend drohten. Er hatte das Sonntagsgebot und den Dienst als Ministrant über die HJ-Befehle gestellt. Sportlich zwar, der Salto über den Tisch war Eingangsvoraussetzung für die Aufnahme in die Kriegsmarine, aber er konnte nicht schwimmen. „Wir Nichtschwimmer waren hoch angesehen, weil wir immer eine Schwimmweste angelegt haben.”

Die Signatur (Foto: XING)

Péter Nádas liest eine Erzählung aus seiner neuesten Veröffentlichung „Az  élet sója” (Das Salz des Lebens). Ein Icherzähler verliebt sich in eine kleine Französin, Yvette, ungarisch: Ivett, die es – weiß der Teufel warum – in die wunderbare Flusslandschaft des Donauknies verschlagen hat. Sie ist süchtig nach den Wirbeln und Strudeln des Flusses, die unser Erzähler, ein guter und ausdauernder Schwimmer, ängstlich meidet. Wenn sich Schiffe nähern, brechen beide in besorgte, begeisterte Schreie aus: „Hajó! Bateau! Hajó! Bateau!”. Péter Nádas singt diese Wörter aus den beiden verschiedenen Sprachen, lässt ihre Vokalharmonie erklingen. Der französische Akzent auf der zweiten Silbe infiziert das ungarische Wort, das auf der ersten Silbe betont werden und in einer langen unbetonten zweiten Silbe auslaufen müsste. „Hajó” – die Artikulation schwebt in einem durchsichtigen Blau. Die Strudel dagegen scheinen schmutzig gelb, sie wirbeln den Grund auf. Gemeinsam mit Ivett lässt sich unser Ich-Erzähler hinabziehen auf den Grund des Flusses, wo alles in milchiger Transparenz eine lockende Ewigkeit der Lust verspricht, die ein Auftauchen und Luftholen als wenig wünschenswert erscheinen lässt.

Mein Vater, im Jahre 1940 mit gerade abgeschlossener Ausbildung als Maschinenschlosser, war der Sperrmixer auf einem kleinen Prahm im Finnischen Meerbusen. Er machte als einziger an Bord die Minen scharf, indem er die Zünder einschraubte, bevor sie ins Wasser dieser erotischen Zone der Ostsee geworfen wurden und  – zu unsichtbaren Teppichen gewebt – den sowjetischen Verbänden den Zugang nach Danzig, Stettin und Lübeck versperrten. In jeder Hafenstadt, Helsinki, Libau, Reval, Riga, Turku, ein Mädchen, das auf ihn wartet. Auf einem Foto trägt er eine Sonnenbrille und Kopfhörer. Ich höre den Soundtrack, den er im Ohr gehabt haben mag: „Hajó! Bateau! Hajó! Bateau!”

 

Super- Taschenmond

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Alle Welt staunt über den Super-Mond, in weiter Ferne, so nah! Alle, die wegen des verhangenen Himmels im November nur virtuell daran teilhaben können, seien auf die Seite der NASA verwiesen: neben viel Kitsch gibt es auch ein atemberaubendes Schwarzweiß-Foto vom Transit der ISS vor unserem Trabanten (APOD: Astronomy picture of the day). Mein Taschenmond ist da bescheidener – nicht auf dem Präsentierteller, sondern in einer Hosentasche oder Bauchfalte des Internets versteckt. Aber hintergründig! Mehr auf der Seite „Taschenmond“ !

Péter Esterházy signiert

Beim 87. Budapester Buchfestival mitten auf dem Vörösmarty Platz. In einem Zelt des Magvető Verlags sitzt Péter Esterházy und signiert seine Bücher. Das Zeitfenster ist die Stunde von 17 bis 18 Uhr. Ich stelle mich ans Ende der Schlange, in der Hand die Neuerscheinung: Bauchspeicheldrüsentagebuch. Es ist 17:30 Uhr.

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Leichter Regen. Die Reihe der Wartenden reicht um den Löwenbrunnen herum. In acht Minuten rückt die Schlange vielleicht fünf, sechs Meter weiter. Ob man wohl noch zum Zuge kommt? Die Menschen sind geduldig, sie unterhalten sich gedämpft. Es muss sehr anstrengend für ihn sein, mit dieser Art von Krankheit.

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Die Nachricht läuft den unsichtbaren Draht entlang: Er verlängert bis halb sieben. Der Brunnen wird zur Nabe eines Zifferblatts. Eine Menschenuhr: eine andere Zeitrechnung. Um 18:30 Uhr stellt sich ein Verlagsmitarbeiter ans Ende der Schlange. Es geht weiter, aber niemand darf sich neu einreihen. Manche haben vier, fünf Bücher unter dem Arm. Andere blättern, lesen sich fest. Nach hinten verliert die Reihe allmählich ihre Krümmung. 18:50 Uhr. Dann das Zelt, am schmalen Eingang Sicherheitskräfte. Zögernd treten die Menschen ein. Sand rinnt durch die Engführung des Stundenglases. Dort sitzt der Meister in einem hellen Anzug und signiert. Die langen Haare bauschen, türmen  sich weiß über einem schmalen Gesicht. Was sagen? Dank für die vielen spielerischen Wege um mein deutsches Denken herum. Er: Was soll ich schreiben?

Sich ausstellen

Mutig, der Ansatz. Die Familienmitglieder der zweiten Generation leben noch – und schon kommen Erinnerungsstücke an die erste ins Museum. Die Doppelausstellung von Katharina Roters und József Szolnoki greift tief in die Familienarchive und in das kollektive Vergessen, dessen Larven und Lemuren an die Oberfläche drängen. „HACK The PaST!” ist das Motto, „HACKeLD a MÚLTaT” lautet es auf Ungarisch. Die Künst­lerin gibt etwas von sich preis, sie stellt sich aus: Ihren kühl-analytischen Blick auf „Mein[en] Opa” – das ist der Vater des deutschen Vaters – und auf „Nagypapa” – dabei handelt es sich um den Vater der Mutter. Katharina Roters geht aber auch dahin, wo es weh tut. Und so wird etwas wie „nachgetragene Liebe” daraus (der Titel eines Romans von Peter Härtling, in dem er seinem Vater ein Denkmal setzte). Die fotorealistischen Gemälde von Opas Hochzeitsreise (Klick hier), in einem verblassenden Rosa-Sepia-Ton gehalten, werden ergänzt von Objekten aus dem Familienbesitz: das Exemplar von „Mein Kampf”, das jedes deutsche Paar zur Hochzeit geschenkt bekam, aus dem das Hitler-Porträt herausgerissen wurde, wird mit einem unversehrten Exemplar konfrontiert. Dazu passt die Konfrontation zweier Porträtfotos, das den alterslosen Bräutigam zeigt: Einmal mit dem NS-Fliegerabzeichen aus den 30er Jahren, dann das gleiche Foto vom Ende der 40er Jahre, das gleiche Gesicht, die gleiche Krawatte, nur auf dem Anzugrevers ist das Abzeichen wegretuschiert. Unter die Haut geht die Porträt­zeichnung von Nagypapa, der mit einem halben Schnurrbart dargestellt wird. Als einer der obersten Richter des Komitats hatte er im Juni 1946 noch die Exhumierung eines Massengrabes beaufsichtigt, in dem auch die sterblichen Überreste des Dichters Miklós Radnóti gefunden wurden. Radnóti war mit anderen jüdischen Zwangsarbeitern auf dem Todesmarsch von Bor in Serbien Richtung Österreich per Genick­schuss exekutiert worden; die Schergen hatten ihn am Rand der Landstraße von Győr / Raab nach Abda verscharrt. Sein Notizbuch mit seinen letzten Gedichten trug er bei sich. Später unter den Stalinisten verlor Nagypapa sein Amt, das juristische Diplom wurde ihm aberkannt. Als Buchhalter in der Lebensmittelindustrie konnte er den Lebensunterhalt seiner Familie sichern. Eines Tages trieben die Genossen ihren Scherz mit ihm und rasierten ihm den halben Schnurrbart ab. Jószef Szolnoki ergänzt diesen sehr persönlichen Ansatz seiner Frau Katharina Roters und zeichnet in die Säle des Museums Reflexionslinien ein, die den Blick von der Familiengeschichte in die europäische Erinnerungskultur verlängern. Als Filmemacher dokumentiert er zum Beispiel die Arbeit mit einer Jugendgruppe, welche die Figuren eines Reliefs aus der Rákosi-Ära mit der Standbild-Methode analysiert. Das Relief am Komitatshaus war vor einiger Zeit plötzlich wieder im Stadtbild Salgotarjáns erschienen, nachdem eine Reihe Bäume gefällt werden musste… Aleida Assmann spricht in ihrem Buch „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur” von einer „nach­hal­tigen Spaltung Euro­pas”. Die „Opfer­konkurrenz” zwi­schen Holocaust und Gulag ist noch nicht durch ein gesamt­eu­ro­pä­i­sches, symme­trisch den stalinisti­schen und den nationalsozialistischen, auf Vernichtung ab­zie­lenden staatlichen Terror verknüpfendes Gedenken zum Stillstand gekommen. Die Ausstellung im Rómer Flóris Műveszeti és Történeti Múzeum, das im Eszterházy-Palais mitten in Győr / Raab untergebracht ist, kann diese Unwucht mindestens für die Dauer eines Besuchs aufheben. Die Ausstellung ist bis Ende Februar geöffnet.

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An der Schwelle zum neuen Jahr

Das Portal der romanischen Kirche in Lébény

Das Portal der romanischen Kirche in Lébény


Dieses Kirchenportal in Lébény hat mehr Charme als eine Erstaufnahme-Einrichtung. Es wurde auch länger daran gebaut. Es gab einen Plan. Wunderbar, diese Symmetrie. Aber manchmal ist ja – was spiegelbildlich zu sein vorspiegelt – durch ein winziges Detail verändert – eine Laune, eine Mutation, ein spontaner Einfall, eine Abweichung im Muster schaffen einen Riss in der Realität – und durch diesen Riss tritt der Engel auf die Bühne, wie hier am Eingang zu einer der wenigen romanischen Kirchen in Ungarn, die der Mongolensturm übrig gelassen hat. Heißt der Engel den Ankömmling willkommen? Oder ist er der Türhüter, der streng die Identität prüft? Stimmen die Papiere vor dem Gesetz? Holt der Engel sein Flammenschwert hervor? Eins ist sicher, wie bei Kafka nachzulesen ist: Dieses Portal ist nur für diesen einen Asylsuchenden errichtet. Er muss allen Mut zusammennehmen, und er muss hinter die Rede des Engels schauen. Wer eintritt, verändert nicht nur sich selbst – er verändert das Innere des Raums, den er betritt.

EGO UPDATE

Ein Lesegenuss: Leo Läufer kommentiert die Ausstellung „Ego Update“ in Düsseldorf. Nach der Lektüre werde ich jetzt keine Teleskop-Selfie-Krücken zu Weihnachten verschenken. Leo dokumentiert das Schreiben aus Daniel Barenboims Büro: Bitte entfernen Sie mein Bild aus der Ausstellung. Und genial ist Leos Selfie in dem Raum mit den Stinkefinger-Selfies – souverän die Geste der Verweigerung: nicht nur verweigert er die ominöse Geste, sondern jegliche Geste.

Leo Läufer

Die Zukunft der digitalen Identität

ego updateIch habe sie also besucht, die Ausstellung  im NRW-Forum Düsseldorf, in der die digitale Ichwerdung des postmodernen, globalisierten Menschen anhand der Werke einiger Bildkünstler aufgezeigt werden soll (19. September 2015 – 17. Januar 2016). Neben der Kasse (Eintritt moderate 6 €) ist ein riesiger Tisch, auf  dem Accessoires rund ums Selfie zum Kauf angeboten werden: Ein Karton mit Partyzubehör, also Schnurrbärte, Brillen und rote Nasen; ein Kit zum Selbermachen von Filmen mit dem Smartphone (ohne Smartphone, ohne App); ein Buch mit Tipps zum Selfieren; Bildbände mit Selfies, der anrührendste wohl ein Fotobuch mit Aufnahmen von Weihnachten von 1900 bis 1945, immer das gleiche Paar neben dem Tannenbaum zu sehen, etc. Brief Barenboim Im unteren Bereich hängen Bilder von bekannten Menschen, Schauspielern, Sängern, etc. an der Wand. Bemerkenswert ein UnBild, nämlich das von Daniel Barenboim, dem Leiter der Berliner Symphoniker. Unbild,weil nicht sein Bild mehr da hängt, sondern…

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