Eröffnung der Cogwheel Railway Gallery: ########### Eins greift ins andere #9)

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„Fogaskerekű!“ Das klingt wie Hahnenschrei,
wie Weckruf, das Ungarnwort bedeutet „Zahnradbahn”.
Muse, lass rumpeln die Bahn auf fest verschraubten Geleisen,
drei an der Zahl auf die Schwellen, den Schotterdamm geheftet,
die Metrik wirbelsäulengleich, und Zahn an Zahn
das führende Band. Nichts für Herumtreiber, nichts für Odysseus.
Wanderer, knie nieder, leg dein Ohr auf die Schiene:
Gesang ertönt, wie von Sirenen, beim Nähern des Zugs.
Kein Feuerross mehr, ein mählich ruckelnder Triebwagen
biegt um die Kurve. Zahn um Zahn greift in die Lücken,
der Kranz in die Führung, kreischend schleift Eisen an Eisen,
geschwollene Kämme, Hahnenkämpfe um Trojas Mauern.
Hoch trabend im Innern der Wagen die Mountain-Bike-Fahrer,
behelmt und polsterbewehrt, verschrauben sich höher hinauf.
Die Schuhe docken Pedalen an wie Viren den Zellen,
Klick! und abwärts geht’s, Frau Wahnschaff’ Corona,
die Staubmaske vor, der Niemand ist ein sterblicher Gott.

Wie eins ins andere greift # 8

Jemand aus Leo Läufers Korona (laut DUDEN ugs. für „fröhliche Runde“) stellt die Frage, warum ich mir für das Video (Wie eins ins andere greift # 7) die Haare toupiert hätte. Habe ich nicht. Sie standen mir zu Berge, wahrscheinlich irgendeiner Elektrostatik wegen (Schlurfen mit Turnschuhen über die Iso-Matte oder so). Also kein Grund, das Video zu löschen. Kein ästhetischer jedenfalls. Das wäre eher der Fall, wenn ein Konzept dahinter stecken würde. Zum Beispiel, in der Reihe ##### einmal einen Aussetzer zu produzieren.

Auf NDR-Kultur laufen gerade in „Am Morgen vorgelesen“ neue Erzählungen von Murakami Haruki (Titel der Sammlung: „Erste Person Singular“, übersetzt von Ursula Graefe, sieben Tage online). In „With the Beatles“ gibt es einen zentralen Hinweis auf den posthum erschienenen Text

„Die Zahnräder“ von 芥川 龍之介 (Akutagawa Ryūnosuke)

Eigentlich geht es um das Album „With the Beatles“. Erinnerungen eines alten Mannes. Im dunklen Gang seiner Schule in Kobe war mit schwingendem Rock ein gleichaltriges Mädchen an ihm vorbeigelaufen, die LP „With the Beatles“ an die Brust gedrückt. Er hatte sie nicht angesprochen und nicht wiedergesehen. Jahre später entdeckt er die LP in einem New Yorker Plattenladen, mit einem Cover, das er nicht kennt. Er kann sich nicht entschließen, dafür 35 Dollar zu zahlen. Der Ich-Erzähler versucht die Mädchengestalt zu imaginieren und bedauert dann doch, so geizig gewesen zu sein. Am nächsten Tag sucht er das Antiquariat wieder auf. Er findet die LP nicht wieder, und der Inhaber behauptet, diese sei nie durch seine Hände gegangen (Aussetzer # 1). Aufgewühlt erinnert sich der Erzähler an die Klangtapete der Beatles-Songs in jenen Jahren und an seine erste Freundin, eine Mitschülerin aus seiner Klasse. Er ist mit ihr an einem Sonntagvormittag verabredet, wie er meinte, aber sie ist nicht zu Hause. Später behauptet sie, er habe sich eine Woche zu früh eingestellt (Aussetzer # 2). An ihrer Stelle öffnet der ältere Bruder, zerzaust und wohl gerade erst aufgestanden, der den Erzähler ins Wohnzimmer bittet. Sie werde wohl bald kommen. Der Erzähler nimmt den angebotenen Kaffee nicht an, kann sich aber der stockenden Konversation nicht entziehen. Der Bruder fragt den Erzähler, ob er das kenne: eine Diskontinuität im Zeitablauf, ohne dass Alkohol oder andere Drogen im Spiel sind. Er habe hin und wieder solche Erscheinungen (Aussetzer # 3). Er nutzt nicht das Wort „Filmriss“ oder ähnlich, sondern vergleicht seine Erfahrung mit einer Mozart-Symphonie, die unvermittelt aus dem zweiten Satz an eine Stelle des dritten Satzes springt, ohne dass der Sprung selbst durch einen Misston, ein jaulendes Geräusch von der Nadel auf der Platte oder so, markiert würde. Der Bruder befürchtet manchmal, in diesen geistigen Abwesenheiten die Selbstkontrolle zu verlieren und vielleicht jemandem mit einem Hammer den Schädel einzuschlagen. Er war auch schon in Behandlung deswegen. Unserem Ich-Erzähler wird es unbehaglich, er will nun wirklich gehen, aber der Bruder beschwichtigt ihn und stellt das baldige Erscheinen der Familie in Aussicht, mit der die Schwester unterwegs ist. Er lässt den Besucher allein warten. Dem wird klar, warum seine Freundin so wenig über ihren älteren Bruder sprechen wollte. Er wühlt in seinem Rucksack nach Lesbarem, um sich die Zeit zu vertreiben, und findet nur das Schullesebuch mit japanischer Literatur. Schulbücher sind immer dabei, um gemeinsames Lernen für das Treffen mit seiner Freundin vorschützen zu können. Der Bruder taucht mit einer frisch gebrühten Tasse Kaffee wieder auf, unser Freund lehnt wieder ab. Da greift wirklich nicht eins ins andere. Überraschend bittet der Bruder darum, sein Gegenüber möge ihm etwas vorlesen. Der wählt nach einigem Zögern einen Ausschnitt aus den Zahnrädern. Lob für den Vorleser. Der Bruder lässt sich über den begabten Akutagawa aus, der seinem Leben unter dem Druck seiner Halluzinationen ein Ende gesetzt hatte. Zu denen die Bilder von Zahnrädern gehörten, die sich ihm fortwährend ins Blickfeld schoben. Die Prosaskizze endet mit den Sätzen: „Ich habe nicht mehr die Kraft weiterzuschreiben. Es ist eine unsägliche Qual, mit diesem Gefühl zu leben. Findet sich denn niemand, der mich im Schlaf sacht erdrosselt?“

So zitiert bei Murakami. Die beiden jungen Männer lauschen diesem Satz nach. Jahrzehnte später wird der Ich-Erzähler in Tokyo auf der Straße von einem Fremden angesprochen. Er erkennt in ihm den älteren Bruder seiner ersten Freundin. Na, und hier bricht die Nacherzählung ab (Aussetzer # 4). Selber lesen oder hören!

Wie eins ins andere greift #6

Wie befürchtet: Der Video-Ton (siehe @ # 5) bringt die Schallereignisse beim Vorbeifahren der Zahnradbahn nicht richtig zur Geltung. Was tun? Mein Smartphone mit eingeschaltetem Mikrophon auf eine Schiene legen, wenn die Bahn herannaht? Vor Jahren haben Kinder immer wieder gerne die Forint- und Fillérmünzen von den Rädern auswalzen lassen. Eine Oblate aus Aluminium war das Ergebnis, Bild und Zahlwert blieben erhalten. Keine Option für’s Handy. Also setze ich weiterhin auf die Mittel der Lautmalerei oder Onomatopoesie: Ungarisch heißt die Bahn „Fogaskerekű“ – die Zahnrädrige. Gesprochen „Fogaschkereküüü“, Akzent auf der ersten Silbe, Gaumen-R, langer unbetonter Auslaut.

Wie eins ins andere greift #1

Jeden Tag mit dem Hund die Runden am Schwabenberg. Mehrmals überqueren wir dabei die Trasse der Zahnradbahn. Die Zahnstange zwischen den Geleisen gleißt manchmal im Sonnenlicht, ein silbernes Band.

Die Trasse der Zahnradbahn am Schwabenberg

ᴜ ― ᴜ ― ᴜ ― ᴜ ― ᴜ ― ᴜ ― Wie ein Versmaß. Wenn die Bahn sich nähert, singen die Schienen. Die Fotos, die ich von der Zahnradbahn gemacht habe, sollten mal gezeigt werden. Plan für eine Cogwheel Gallery. Sie soll in einer Nische des Internets eingerichtet werden; am besten auf Xings Weblog , also hier auf einer besonderen Seite. Für die Eröffnung hat Xing sich vorgenommen, ein Poem zu verfassen und vorzutragen. Das die Synästhesien zum Schwingen bringt.

Zum neuen Jahr 2019 : Konfusionen, Transfusionen

Confusio – Die Verwirrung“ lautet der Titel eines Kupferstiches, der an der Wand unseres Wohnzimmers in Budapest hängt. „Babyolonia undique – Babylon ist überall“ steht über der hochmütigen Frauengestalt, die sich dem Turmbau nähert und dabei alle Finger ihrer rechten Hand abspreizt. Wenn Du mit dem Finger auf einen andern Menschen zeigst, denke daran, dass mindestens drei auf Dich zurückzeigen. Das sagte der unvergessene Bundespräsident Gustav Heinemann vor fünfzig Jahren, als in Europa die 68er auf die Straße gingen. Auch im vergangenen Jahr gab es Anlass genug, Sprachverwirrung zu beklagen. Lügen und Fake News wollen sich mit dem Kampf gegen eine angeblich herrschende PC („political correctness“) rechtfertigen; ein für seine Reportagen mehrfach ausgezeichneter Journalist wird als Meister der Fiktionen enttarnt. Am liebsten möchte man mit dem ganzen Quatsch und Gequatsche nichts mehr zu tun haben. Und wieder mahnt uns ein Bundespräsident, Walter Steinmeier, in seiner Weihnachtsansprache:

„Und mehr noch als der Lärm von manchen besorgt mich das Schweigen von vielen anderen. Immer mehr Menschen ziehen sich zurück unter ihresgleichen, zurück in die eigene Blase, wo alle immer einer Meinung sind – auch einer Meinung darüber, wer nicht dazugehört. Nur, so sehr wir uns über andere ärgern oder sie uns gleich ganz wegwünschen, eines gilt auch morgen noch: Wir alle gehören zu diesem Land – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe, von Lebensanschauung oder Lieblingsmannschaft.

Das ist das Schöne und das Anstrengende an der Demokratie zugleich. Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten. Wer Streit hat, kann sich auch wieder zusammenraufen. Das kennen wir von Weihnachten mit der Familie. Aber wer gar nicht spricht und erst recht nicht zuhört, kommt Lösungen kein Stück näher. Sprachlosigkeit heißt Stillstand.“

In diesem Sinne: Auf in ein meinungsfreudiges, gesprächsbereites neues Jahr 2019!

Confusio – Die Verwirrung

Aphorismus #4 – aforizma #4

Das Weichbild der Stadt: es weicht, oder weicht auf, doch niemals so ganz. Der Stadtplan eine alte Haut, ein Pergament, an manchen Flecken wird geschabt und radiert. Wie heißt der Platz des 7. November denn heute? Und der Lenin-Ring? Die Stadt ist ein Palimpsest. Wer will es lesen?

A külváros távozik, ázik. De soha nem egészen. A város térképe régi bőr, pergamen, néhány folton kapárnak  még, még radíroznak. Hogy hívnák ma a November 7. teret? És a Lenin körútat? A város egy palimpszesztus. Ki akar belöle olvasni?

Hajó! Bateau! Hajó! Bateau!

Péter Nádas erklärt in der Deutschen Schule Budapest, wie man sich erinnert. (Foto: XING)

Was war das erste Erlebnis als Kind, an das er sich erinnert? Péter Nádas holt weit aus: Sind die Bilder, die vom Grunde des Gedächtnisses emporsteigen, wirklich unsere eigenen? Wieviel Anteil daran haben die Erzählungen der Eltern und ihrer Generation? Was ist kollektives Gedächtnis, was Trauminhalt, Hineinfühlen, Phantasmagorie? Der Autor, vielleicht der subtilste Erinnerer seit Marcel Proust, gibt uns, seinen Zuhörern und Lesern, eine Kostprobe von der mit Erfahrung gesättigten Sinnlichkeit, die ihn bei der Rekonstruktion der Vergangenheit leitet. Aus der Kindheit bleibt ihm die ungeheure Erfahrung: Ich kann fliegen!!! Bombenalarm in Budapest, die Mutter eilt mit ihm die Treppen hinunter zum Luftschutzkeller, Blitzkrachbumm, das Haus wankt, der Vorhang zerreißt, die Erde bricht auf – und das Kind fliegt. Dann Umnachtung, Augenaufschlag: Die Bäume im Garten brennen.

Deutsche Schule Budapest. Es ist der 25. April 2017. Mein Vater wäre heute 95 Jahre alt geworden. Zeit seines Lebens war er stolz darauf, dass er sich – achtzehn Jahre alt – freiwillig zur deutschen Kriegsmarine meldete. So wollte er sich den Nachstellungen entziehen, die ihm von der Führung der Hitlerjugend drohten. Er hatte das Sonntagsgebot und den Dienst als Ministrant über die HJ-Befehle gestellt. Sportlich zwar, der Salto über den Tisch war Eingangsvoraussetzung für die Aufnahme in die Kriegsmarine, aber er konnte nicht schwimmen. „Wir Nichtschwimmer waren hoch angesehen, weil wir immer eine Schwimmweste angelegt haben.”

Die Signatur (Foto: XING)

Péter Nádas liest eine Erzählung aus seiner neuesten Veröffentlichung „Az  élet sója” (Das Salz des Lebens). Ein Icherzähler verliebt sich in eine kleine Französin, Yvette, ungarisch: Ivett, die es – weiß der Teufel warum – in die wunderbare Flusslandschaft des Donauknies verschlagen hat. Sie ist süchtig nach den Wirbeln und Strudeln des Flusses, die unser Erzähler, ein guter und ausdauernder Schwimmer, ängstlich meidet. Wenn sich Schiffe nähern, brechen beide in besorgte, begeisterte Schreie aus: „Hajó! Bateau! Hajó! Bateau!”. Péter Nádas singt diese Wörter aus den beiden verschiedenen Sprachen, lässt ihre Vokalharmonie erklingen. Der französische Akzent auf der zweiten Silbe infiziert das ungarische Wort, das auf der ersten Silbe betont werden und in einer langen unbetonten zweiten Silbe auslaufen müsste. „Hajó” – die Artikulation schwebt in einem durchsichtigen Blau. Die Strudel dagegen scheinen schmutzig gelb, sie wirbeln den Grund auf. Gemeinsam mit Ivett lässt sich unser Ich-Erzähler hinabziehen auf den Grund des Flusses, wo alles in milchiger Transparenz eine lockende Ewigkeit der Lust verspricht, die ein Auftauchen und Luftholen als wenig wünschenswert erscheinen lässt.

Mein Vater, im Jahre 1940 mit gerade abgeschlossener Ausbildung als Maschinenschlosser, war der Sperrmixer auf einem kleinen Prahm im Finnischen Meerbusen. Er machte als einziger an Bord die Minen scharf, indem er die Zünder einschraubte, bevor sie ins Wasser dieser erotischen Zone der Ostsee geworfen wurden und  – zu unsichtbaren Teppichen gewebt – den sowjetischen Verbänden den Zugang nach Danzig, Stettin und Lübeck versperrten. In jeder Hafenstadt, Helsinki, Libau, Reval, Riga, Turku, ein Mädchen, das auf ihn wartet. Auf einem Foto trägt er eine Sonnenbrille und Kopfhörer. Ich höre den Soundtrack, den er im Ohr gehabt haben mag: „Hajó! Bateau! Hajó! Bateau!”