Saul fia – Son of Saul – Sauls Sohn

Schwer zu ertragen – na klar. Dieses fremde Gesicht, immer in Großaufnahme, unbeweglich, scheinbar gleichgültig. Der Schmutz, der Stoppelbart, die Herpes-Wunde an der Unterlippe. (In Cannes bei der Pressekonferenz trägt er einen Vollbart.) Das Antlitz des Géza Röhrig, des Hauptdarstellers in der Rolle des Saul Ausländer. Fremde sind wir uns selbst (Julia Kristeva), die wir in den Polstersesseln des „Urania”-Filmtheaters in Budapest sitzen. Der Fremde, L’Etranger – der erste Roman von Albert Camus – erschien in Ungarn unter dem Titel Közöny – „Gleichgültigkeit”. Aber dieser Film von László Nemes lässt uns nicht gleichgültig. Das liegt vor allem an der Kunst des Kameraführung von Mátyás Erdely. Die Kamera ist immer in Bewegung, wackelige Bilder, Großaufnahmen, Fokus auf das Antlitz, das Profil, den Hinterkopf von Géza Röhrig – seit dem Dogma-Manifest der dänischen Filmemacher um Lars von Trier ist diese Subjektivierung der Kameraführung wieder ins Recht gesetzt. Sie begründet eine Filmperspektive, die den Zuschauer ins Geschehen hineinzieht, statt dem Auge, diesem distanzierenden Sinn, die tausendfach gesehenen Bilder zu liefern. Diese bleiben schemenhaft: die Rampe, die Gaskammern, die nackten Leichen, das Glühen der Öfen, die Aschenberge rücken an den Rand, als würden sie nur aus dem Augenwinkel Sauls wahrgenommen. Dies ist aber auch die realhistorische Perspektive des Sonderkommando-Häftlings in der Konfrontation mit dem SS-Personal: Haltung annehmen, Mütze ab, Augen niederschlagen. Die militärisch knappe Antwort atemlos hervorstoßen. Überhaupt die Tonspur: sie „vermittelt” den Terror der Todesfabrik, den die Bilder nur andeuten, ins Unerträgliche. Die gebrüllten Kommandos, die heisere Stimme Sauls; die dumpfen Stockschläge, die hellen, trockenen Schüsse; das Klopfen, die hallenden Schläge von innen an die Stahltüren, der bis zum infernalischen Heulen anschwellende Chor der Opfer in den Gaskammern; das scharfe Scheuern der Bürsten, mit denen Blut, Kot und Erbrochenes beseitigt werden; das grummelnde Donnern der Verbrennungsöfen, das zischende Einstechen der Schaufel in Asche und Erde: Das Ohr als der „mittlere” Sinn (Herder), zwischen dem distanzierenden Auge und der schaudernden Haut angesiedelt, wird gequält, wird überwältigt und sehnt sich nach Stille, nach Vogelgesang, dem Säuseln des Windes in den Birken, dem Rauschen des Flusses. Auch das liefert uns der Soundtrack: zu den gehetzten Bildern der fliehenden Häftlinge des Sonderkommandos, die der Exekution zu entgehen hoffen, über den Fluss und in die Wälder. Unter den Fliehenden ist Saul, den Sack mit der Leiche seines Sohnes auf der Schulter, den er immer noch nicht nach jüdischem Ritus hat begraben können. Die Mithäftlinge bezweifeln, dass Saul überhaupt je einen Sohn hatte. Saul liefe schneller durch das Dickicht, spränge leichter über Baumwurzeln und Gräben, würde nicht unter Wasser gezogen, wäre nicht dem Ertrinken nahe, hätte er sich beizeiten dieser Last entledigt. Wie absurd, inmitten dieses Infernos, des hunderttausendfachen Sterbens, des namenlosen Todes, diesen einen toten Körper mit einem Begräbnis ehren zu wollen! Saul Ausländer, der Fremde, ist Sisyphos, der den Stein den Hang hinaufwälzt, im Wissen des sicheren Hinabstürzens. Die beiden ersten Sätze in Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus, diesem Versuch über das Absurde, lauten: „Es gibt nur ein wirklich philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.” Auf Sauls Antlitz geht am Ende des Films langsam ein Lächeln auf: Er sieht den Jungen, das Alter Ego des toten Sohnes, den der Fluss abgetrieben hat. Saul sieht ihm ins Gesicht, ihm, der ihn und die Gefährten an die Verfolger verraten wird. Der letzte Satz aus dem Mythos: „Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.”

George Orwells „1984“ jährt sich zum dreißigsten Mal

Mitte der  Sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sahen wir die Verfilmung von „1984“ im katholischen Jugendheim. Ich weiß noch, wie ich dachte: Noch zwanzig Jahre. Es war der Schwarzweißfilm (GB 1956), den Michael Anderson mit Edmond O’Brien in der Rolle des Winston Smith drehte. Altersgerechte Rezeption: Konzentration auf die Action und auf die Liebesbeziehung Winstons und Julias, an sich schon ein Akt der Rebellion gegen das System des Großen Bruders, dann auf die Rattenfolter und auf den gegenseitigen Verrat der Liebenden und ihrer Überzeugungen. Ich denke, den alternativen Schluss, in dem die Beiden bei ihrem letzten Aufbegehren im Kugelhagel der Polizei ihr Leben aushauchen, habe ich erst später im westdeutschen Fernsehen gesehen. Meine Erinnerung will es, dass mir der „umgedrehte“ Winston, der in einer Massendemonstration dem Großen Bruder zujubelt, eindrücklicher vor Augen steht. Der Sieg des totalitären Einparteienstaats über das ohnmächtige Individuum – das war die Quintessenz des 20. Jahrhunderts. Es brauchte dann noch zwanzig Jahre, bis ich den Roman selbst las – es gehörte der Medienhype dazu, die Flut von Sekundärliteratur und natürlich die getreuere Neuverfilmung (UK 1984) von Michael Radfort mit John Hurt als Winston und Richard Burton als seinem Gegenspieler O’Brien.

Den Roman hatte ich im Gepäck, als ich 1984 über Ostern nach Ungarn fuhr und unter widrigen Umständen – die nichts mit dieser Konterbande zu tun hatten – eine Zwangsverlängerung meines Urlaubs hinnehmen musste. Jetzt hatte ich die Zeit, mich mit den abstrakten und philosophischen Inhalten von „Neusprech“ und der Neuschreibung der Historie  im Wahrheitsministerium zu beschäftigen. Und so brachte ich den Roman, der selbstverständlich wie in der UdSSR und der DDR als „antikommunistisches Machwerk“ auch in der Volksrepublik Ungarn verboten war, unter die Leute. Der Autor selbst hatte sich in seinen letzten Lebenstagen, denen er den Roman buchstäblich abgerungen hat, gegen allzu platte Lesarten gewehrt. Weder zeitgenössische  Stalinkritik noch zukunftsbanges Menetekel waren direkt seine Absicht. Parallel zur Arbeit an dem Roman setzte er sich öffentlich mit den Schriften Sartres auseinander – allgemein ging es ihm wohl auch im Roman darum, die Anfälligkeit von Intellektuellen für totalitäres Denken zu brandmarken. Und heute? Orwell hatte nicht das Internet gekannt, und selbst uns, den Lesern und Kinozuschauern von „1984“, war es noch kein Begriff. Was kann uns dann aber der Roman heute noch sagen? Gibt es in der Facebook-Generation überhaupt noch einen Begriff von Privatheit, von dem aus die Abhörpraktiken und die Datensammelwut der Geheimdienste als Skandal empfunden werden? Entspricht dem realen permanenten Kriegszustand überhaupt noch ein menschliches Gefühl, das nicht als Paranoia oder Endzeit-Zynismus daherkommt? Immunisiert die Kulturindustrie nicht gegen das Stellen richtiger Fragen, lässt sie überhaupt noch so etwas wie ein historisches Bewusstsein aufkommen? Greift umgekehrt die Lesart,  das gegenwärtige Ungarn unter Viktor Orbán gleiche mehr und mehr der Orwellschen Dystopie, nicht geschmäcklerisch viel zu kurz? Gleichwohl lesenswert – die Zusammenfassung des Essays von András Bruck in englischer Sprache.

Der Wolf und die Großmutter

In diesem Land will man von Wölfen nichts wissen. Ja schon, wir haben sie. Der König schüttelt unwillig seine Mähne. Wölfe haben keine Bedeutung. Randexistenzen. Behaupten alles zu wissen über die langen Wanderungen. Jetzt hat sich einer an seiner eigenen Großmutter verschluckt, ich bitte Sie. Sollte man nicht doch mal genauer hinsehen, fragt Dr. Bubó, mehr zu sich selbst als zum Löwen gewandt. Es handelt sich doch wohl eher um eine Trübung der Seele als des Verstandes. Ich fresse doch nicht meine eigene Großmutter. Ich auch nicht, sagt der Löwe. Vielleicht eine Art Initiationsritus? Jetzt übertreiben Sie aber, Doktor! Soll sich sein Rudel  drum kümmern. Dr. Bubó  seufzt. In diesem Land will man über Wölfe nichts wissen.

*Dr. Bubó, populäre Trickfilmgestalt im Ungarischen Fernsehen 1974 ff. – Titelmelodie der Serie

Hintergrund: Ungarischer Rechtsextremist entdeckt jüdische Wurzeln (WELT-Online 19. August 2012)
Rechtsextreme Jobbik-Partei in Ungarn – Antisemit entdeckt seine jüdischen Wurzeln (Süddeutsche Zeitung 15.08.2012)

Debatte im Blog „Hungarian Voice“

Avatar und Freitag

Robinson Crusoe gibt seinem Wilden noch einen Namen, er nennt ihn ganz pragmatisch-kapitalistisch „Freitag“ – der steckt weiterhin in seinem Körper und wird sich selber fremd: beinahe von anderen Wilden gefressen, was er verstanden hätte, und dann kolonisiert. Jake Sully, der Marinesoldat im Rollstuhl, bekommt einen Na’vi-Körper als Avatar und behält beim Omaticaya-Clan seinen Namen. Ein   b i s s c h e n  fremd – das entfaltet die Empfänglichkeit des Avatars an der Grenze der Zivilisationen. Er ist weniger Grenzgänger als Membran zwischen zwei Welten.