Journalisten haben abstrakte Wahrheiten nicht gern – Zu Albert Camus „Die Pest“ (7)

Oran und anderswo, 26. April 2020. Ziemlich am Anfang des Romans meldet sich bei Dr. Rieux der Journalist Raymond Rambert. Angeblich recherchiert er für eine große Pariser Zeitung über die arabische Bevölkerung in der Kolonie. Wie viele Araber es in Oran gibt, erfährt der Leser nicht. Die Hafenstadt, die noch nichts von der Pest weiß, liegt an der algerischen Mittelmeerküste. Der Gesundheitszustand sei nicht gut, sagt Rieux. Bevor er weiterspricht, fragt er nach dem Spielraum des Journalisten, nach seiner Freiheit, „die Wahrheit [zu] schreiben“. – „Natürlich“ dürfe er das, ist die Antwort. – „Ich meine, dürfen Sie selbst vernichtend urteilen?“ – „Nein, das freilich nicht. Aber ich nehme an, ein solches Urteil wäre unbegründet.“ Rieux erwiderte sanft, gewiss wäre eine solche Verurteilung unbegründet. Er habe […] nur erfahren wollen, ob Rambert rückhaltlos Bericht erstatten könne. „Für mich gibt es nur eine bedingungslose Stellungnahme. Ich kann also ihre Erklärungen nicht mit Auskünften unterstützen.“ – „So spricht Saint-Just“, sagte der Journalist lächelnd. Ohne die Stimme zu erheben, erwiderte Rieux, das wisse er nicht; aber so spreche ein Mensch, der genug habe von der Welt, in der er lebe, der aber seine Mitmenschen liebe und entschlossen sei, für seine Person Ungerechtigkeit und Zugeständnisse abzulehnen. Rambert zog die Schultern hoch und blickte den Arzt an.“ [10]

Ordnungen des Wissens. Der dunkle Hinweis auf Saint-Just irritiert mich (Xing). Camus‘ Tagebuch [Fünftes Heft, im Herbst 1945] verzeichnet im Zusammenhang mit der Arbeit an dem Roman ein Saint-Just-Zitat: „Ich glaube also, dass wir der Begeisterung bedürfen. Das schließt keinesfalls den gesunden Menschenverstand und die Besonnenheit aus.“ [328]* Setzen wir statt „Begeisterung“ andere Emotionen, wie z. B. „Empörung“ oder „Zynismus“, macht es einen Sinn. Der Arzt bewahrt sich sein persönliches Berufsethos. Die Frage nach dem Gesundheitszustand der Nomaden muss wissenschaftlich beantwortet werden. Mit einer Antwort aus der Perspektive des Helfers will er sich nicht zum Werkzeug einer Reportage machen lassen, von der man nicht weiß, welchen Zwecken sie dient. Rieux wird keine Anklage und keine Apologie des Kolonialismus unterstützen. Wenn die Virologin heute zu den Lockerungen der Social-distance-Maßnahmen kritisch anmerkt, sie fürchte einen neuen Anstieg der Fallzahlen, dann kann sie sich auf ihr Fachwissen berufen. Aber als Staatsbürgerin wird sie beim Abwägen der Men­schenrechte gegeneinander zugeben müssen, dass man kein Grundrecht, auch das Recht auf Leben nicht, absolut setzen darf. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble weist heute zurecht darauf hin, dass der Staat die Menschenwürde zu achten und schützen hat. Und zur Würde des Menschen gehört unbedingt auch die Freiheit.

*Zitiert wird aus: Albert Camus, Tagebücher 1935 – 1951. Neuausgabe. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt

Heute mal nichts zu Camus, sondern Aktuelles zu Ungarn

Lesenswertes Interview mit dem Historiker Krisztián Ungváry in der Freitagsausgabe der „WELT”. Die auch in Deutschland geäußerte Kritik am Corona-Gesetz, das der ungarischen Regie­rung die Möglichkeit gibt, auf unbestimmte Zeit mit Dekreten zu regieren, beschränkte sich bisher darauf, die demokratische Legitimität in Frage zu stellen. Damit wurde es den Apolegeten leicht gemacht, die Kritik zurückzuweisen, indem auf das legale Zustandekommen des Gesetzes mit der gewählten Zweidrittelmehrheit hingewiesen wurde. Ungváry macht deutlich, dass Orbán mit dem Gesetz keinen realen Machtzuwachs verzeichnet, weil die Macht auch so schon nahezu total ist. Bisher konnte er aufgrund dieser aus willfährigen Abgeordneten bestehenden Mehrheit mit der Zustimmung zu allen Maßnahmen rechnen. Laut Ungváry gehen 95% aller Gesetzesentwürfe ohne Änderung durch das Parlament, in Deutschland ca. 50%.

Das Corona-Gesetz war vielmehr ein Schachzug in der politischen Kommunikation. Die Oppositionsparteien, die bei den Kommunalwahlen im vergangenen Herbst hauptsächlich in Budapest und einigen größeren Städten Erfolge erringen konnten, wurden in das Dilemma gestürzt, entweder zuzustimmen und sich damit zum Werkzeug der Regierung zu machen oder wie oft schon ihr „Ungarntum” in Frage stellen zu lassen. Nichts macht die Hilflosigkeit der Opposition deutlicher, als ihr Versuch, die Zustimmung zu dem Gesetz von einer zeitlichen Befristung abhängig zu machen. Insofern gehen auch die Vergleiche mit dem „Ermächtigungsgesetz” 1933 im Deutschen Reichstag in die Irre. Hitlers Koalitionsregierung aus NSDAP und DNVP hatte zwar die absolute, aber keine verfassungsändernde Mehrheit. Die berüchtigte Formel „Gebt mir vier Jahre Zeit” diente der Vorbereitung eines Angriffskrieges. Orbán ist kein Diktator, so Ungváry. Er instrumentalisiert die Corona-Krise, um seine Wiederwahl zu sichern.

https://www.welt.de/politik/ausland/plus207277043/Corona-in-Ungarn-Historiker-kritisiert-Viktor-Orbans-Notstandsgesetz.html?cid=onsite.onsitesearch

Zum neuen Jahr 2019 : Konfusionen, Transfusionen

Confusio – Die Verwirrung“ lautet der Titel eines Kupferstiches, der an der Wand unseres Wohnzimmers in Budapest hängt. „Babyolonia undique – Babylon ist überall“ steht über der hochmütigen Frauengestalt, die sich dem Turmbau nähert und dabei alle Finger ihrer rechten Hand abspreizt. Wenn Du mit dem Finger auf einen andern Menschen zeigst, denke daran, dass mindestens drei auf Dich zurückzeigen. Das sagte der unvergessene Bundespräsident Gustav Heinemann vor fünfzig Jahren, als in Europa die 68er auf die Straße gingen. Auch im vergangenen Jahr gab es Anlass genug, Sprachverwirrung zu beklagen. Lügen und Fake News wollen sich mit dem Kampf gegen eine angeblich herrschende PC („political correctness“) rechtfertigen; ein für seine Reportagen mehrfach ausgezeichneter Journalist wird als Meister der Fiktionen enttarnt. Am liebsten möchte man mit dem ganzen Quatsch und Gequatsche nichts mehr zu tun haben. Und wieder mahnt uns ein Bundespräsident, Walter Steinmeier, in seiner Weihnachtsansprache:

„Und mehr noch als der Lärm von manchen besorgt mich das Schweigen von vielen anderen. Immer mehr Menschen ziehen sich zurück unter ihresgleichen, zurück in die eigene Blase, wo alle immer einer Meinung sind – auch einer Meinung darüber, wer nicht dazugehört. Nur, so sehr wir uns über andere ärgern oder sie uns gleich ganz wegwünschen, eines gilt auch morgen noch: Wir alle gehören zu diesem Land – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe, von Lebensanschauung oder Lieblingsmannschaft.

Das ist das Schöne und das Anstrengende an der Demokratie zugleich. Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten. Wer Streit hat, kann sich auch wieder zusammenraufen. Das kennen wir von Weihnachten mit der Familie. Aber wer gar nicht spricht und erst recht nicht zuhört, kommt Lösungen kein Stück näher. Sprachlosigkeit heißt Stillstand.“

In diesem Sinne: Auf in ein meinungsfreudiges, gesprächsbereites neues Jahr 2019!

Confusio – Die Verwirrung

Das war’s : Der Nachtzug Berlin – Budapest ist Geschichte

Keleti fények ...

Foto: Németh Tibor (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Kurz nach acht Uhr morgens kam man an. Nirgendwo konntest du Europa besser kennenlernen, als in diesem Kleine-Welt-Abteil. Zwei dieser Reisen durch Raum und Zeit habe ich hier dokumentiert: die Nacht, als Harry Mulisch starb, und die Nacht des islamistischen Attentats auf das Bataclan in Paris.

Eine unverständliche Konzernpolitik der Deutschen Bahn hat zum Aus des Nachtzugs Berlin – Budapest geführt. Die Streckengebühren wurden für den Betreiber, die ungarischen Staatsbahnen MÁV, erneut erhöht; Verhandlungsangebote zur gemeinsamen Finanzierung ignorierte die DB (Tagesspiegel, 9. Dez. 2017), obwohl sie seit Jahren in der Kritik steht, durch systematisches Jeopardizing der Nachtzüge Low-Budget-Reisende in die Holzklasse der Billigflieger zu drängen.

Am Samstag vor zwei Wochen fuhr der „Metropol“ zum letzten Mal auf der alten Strecke. In Zukunft verbindet er nur noch Budapest mit Prag. Mittelosteuropa koppelt sich ab? Oder wird es abgehängt?

Megjöttek a locsolók – Hier kommen die Sprinkler

Diese Übersetzung bietet Facebook an. Eine Sprinkler-Anlage – das sagt mir etwas. An Orten mit starkem Publikumsverkehr, in Kaufhäusern, Tankstellen, Hotels usw., dient sie dem Brandschutz. Auch mit Berieselungsanlagen, im Online-Wörterbuch für „locsolófej“ angeboten, kann ich was anfangen. Italienisch: „spruzzatore‘. Neulich auf Euro-Sport die Qatar-Rundfahrt, die Spitzengruppe aus fünf sechs Radlern, dann das Peloton fließen an Baumkulissen vorbei, durch Kreisverkehre, in deren Mitte grüne Inseln und Blumenbeete durch Bewässerungsanlagen frisch gehalten werden. Zu den Bildern Dauerberieselung mit Techno im Fitness-Studio. Aber „die Sprinkler“??? Worum geht es? Um einen alten Volksbrauch in Ungarn, aber auch anderswo in Osteuropa, am Ostermontag. Also heute. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

Auf dem Lande, in früheren Zeiten, wurde man(n) durchaus handgreiflich, wie zu sehen ist, wenn nicht übergriffig. Städtisch verfeinert, versprühen die Sprinkler heutzutage  Kölnisch Wasser, sagen ihr Sprüchlein auf und werden wie früher mit rot gefärbten Eiern beschenkt, manchmal auch mit Kleingeld. Aber auch „Kölni“ ist bei den jungen Frauen nicht unbedingt beliebt: meistens wird Billigparfüm verpritzt. Trotzdem: ein netter Brauch. Alles ganz harmlos. Und die jungen unbegleiteten Migranten kriegen das ja nicht zu sehen. Die Balkanroute ist dicht.

Sich ausstellen

Mutig, der Ansatz. Die Familienmitglieder der zweiten Generation leben noch – und schon kommen Erinnerungsstücke an die erste ins Museum. Die Doppelausstellung von Katharina Roters und József Szolnoki greift tief in die Familienarchive und in das kollektive Vergessen, dessen Larven und Lemuren an die Oberfläche drängen. „HACK The PaST!” ist das Motto, „HACKeLD a MÚLTaT” lautet es auf Ungarisch. Die Künst­lerin gibt etwas von sich preis, sie stellt sich aus: Ihren kühl-analytischen Blick auf „Mein[en] Opa” – das ist der Vater des deutschen Vaters – und auf „Nagypapa” – dabei handelt es sich um den Vater der Mutter. Katharina Roters geht aber auch dahin, wo es weh tut. Und so wird etwas wie „nachgetragene Liebe” daraus (der Titel eines Romans von Peter Härtling, in dem er seinem Vater ein Denkmal setzte). Die fotorealistischen Gemälde von Opas Hochzeitsreise (Klick hier), in einem verblassenden Rosa-Sepia-Ton gehalten, werden ergänzt von Objekten aus dem Familienbesitz: das Exemplar von „Mein Kampf”, das jedes deutsche Paar zur Hochzeit geschenkt bekam, aus dem das Hitler-Porträt herausgerissen wurde, wird mit einem unversehrten Exemplar konfrontiert. Dazu passt die Konfrontation zweier Porträtfotos, das den alterslosen Bräutigam zeigt: Einmal mit dem NS-Fliegerabzeichen aus den 30er Jahren, dann das gleiche Foto vom Ende der 40er Jahre, das gleiche Gesicht, die gleiche Krawatte, nur auf dem Anzugrevers ist das Abzeichen wegretuschiert. Unter die Haut geht die Porträt­zeichnung von Nagypapa, der mit einem halben Schnurrbart dargestellt wird. Als einer der obersten Richter des Komitats hatte er im Juni 1946 noch die Exhumierung eines Massengrabes beaufsichtigt, in dem auch die sterblichen Überreste des Dichters Miklós Radnóti gefunden wurden. Radnóti war mit anderen jüdischen Zwangsarbeitern auf dem Todesmarsch von Bor in Serbien Richtung Österreich per Genick­schuss exekutiert worden; die Schergen hatten ihn am Rand der Landstraße von Győr / Raab nach Abda verscharrt. Sein Notizbuch mit seinen letzten Gedichten trug er bei sich. Später unter den Stalinisten verlor Nagypapa sein Amt, das juristische Diplom wurde ihm aberkannt. Als Buchhalter in der Lebensmittelindustrie konnte er den Lebensunterhalt seiner Familie sichern. Eines Tages trieben die Genossen ihren Scherz mit ihm und rasierten ihm den halben Schnurrbart ab. Jószef Szolnoki ergänzt diesen sehr persönlichen Ansatz seiner Frau Katharina Roters und zeichnet in die Säle des Museums Reflexionslinien ein, die den Blick von der Familiengeschichte in die europäische Erinnerungskultur verlängern. Als Filmemacher dokumentiert er zum Beispiel die Arbeit mit einer Jugendgruppe, welche die Figuren eines Reliefs aus der Rákosi-Ära mit der Standbild-Methode analysiert. Das Relief am Komitatshaus war vor einiger Zeit plötzlich wieder im Stadtbild Salgotarjáns erschienen, nachdem eine Reihe Bäume gefällt werden musste… Aleida Assmann spricht in ihrem Buch „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur” von einer „nach­hal­tigen Spaltung Euro­pas”. Die „Opfer­konkurrenz” zwi­schen Holocaust und Gulag ist noch nicht durch ein gesamt­eu­ro­pä­i­sches, symme­trisch den stalinisti­schen und den nationalsozialistischen, auf Vernichtung ab­zie­lenden staatlichen Terror verknüpfendes Gedenken zum Stillstand gekommen. Die Ausstellung im Rómer Flóris Műveszeti és Történeti Múzeum, das im Eszterházy-Palais mitten in Győr / Raab untergebracht ist, kann diese Unwucht mindestens für die Dauer eines Besuchs aufheben. Die Ausstellung ist bis Ende Februar geöffnet.

Hack meghivo_2016