Russophil? Memorial „Kosmos“

Memorial „Kosmos“

Die Schachtel mit den Filterzigaretten der Marke „Kosmos“ stammt aus dem Nachlass meines Vaters. Er, von der Familie „Jupp“ genannt, wäre gestern einhundert Jahre alt geworden. Jahrgang 1922. Der im 2. Weltkrieg am stärksten dezimiert wurde (jedenfalls was die Angehörigen der Deutschen Wehrmacht angeht). 1940, mit 18 Jahren, meldete „Jupp“ sich freiwillig zur Kriegsmarine. Das hatte ihm sein Vater geraten, also mein Großvater, der im Ersten Weltkrieg ebenfalls bei der Kriegsmarine gewesen war. „Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß-Rot“.

Soll er wirklich mein Mann werden, ausgerechnet dieser fremde, schöne, gute, junge Mensch? Ja gut ist er, dachte Prinzessin Marja, und eine Angst, die sie niemals empfunden hatte, kam über sie . Sie fürchtete sich, sich umzuschauen: ihr war, als stünde dort jemand hinter dem Schirm in der dunklen Ecke. Und dieser Jemand war der Teufel oder er – der junge Mann mit der weißen Stirn, den schwarzen Augenbrauen und dem roten Mund.

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden. Vollständige Ausgabe. Aus dem Russischen übertragen von Marianne Kegel. Dritter Teil, Kapitel 5. München (Winkler) 1956, Seite 301.

Die Familie war katholisch, der Großvater ein Anhänger der Zentrumspartei. Er war Schreiner von Beruf, in der Wirtschaftskrise arbeitslos, aber nicht anfällig für Hitlers Propaganda. Obwohl der Volksschullehrer den Jungen für das Gymnasium empfohlen hatte, bestimmte der Erziehungsberechtigte ihn für eine Lehre als Maschinenschlosser. Dort, im Reichsbahnausbesserungswerk Schwerte, galt mein Vater als der „kleinste Stift“. Als Lehrling stand er sonntags in dem Zwiespalt, zum Dienst bei der Hitlerjugend oder in die katholische Messe zu gehen, wo er als Messdiener am Altar assistierte. Nachdem er sich mehrmals für den Gottesdienst entschieden hatte, wurde er von den Hitlerjugendführern vor versammelter Mannschaft gemaßregelt: Ihm wurden die Schulterstücke vom Uniformhemd gerissen. So konnte er sich ausrechnen, dass die Nazis im Heimatort ihn auf dem Kieker hatten. Mit der freiwilligen Meldung zur Marine konnte „Jupp“ sich deren Einfluss entziehen.

Er kam zur Marineschule in Kiel-Laboe. Angeblich war er sehr sportlich (Mittelstreckenläufer, Salto über den Tisch). Aber schwimmen konnte er nicht. Den Widerspruch erklärt er weg: „Wir Nichtschwimmer waren in der Marine beliebt. Weil wir immer Schwimmwesten getragen haben.“ Mein Vater ist mit seinen Söhnen niemals zum Schwimmen gegangen, weder in das Wellenbad in der Ruhr noch in das Freibad mit dem verrückten Namen „Schöne Flöte“. Von Beruf Maschinenschlossergeselle, war er für eine Mechanikerausbildung vorgesehen. Sein Rang war Marinegefreiter. Die Aufgabe, die er schließlich an Bord übernahm, war die des Sperrmixers. Den Begriff habe ich nirgendwo gefunden. Ich erkläre ihn mir aus der dem Zusammenhang mit den Minensperren. Die wurden ja gelegt, um feindlichen Schiffen die Durchfahrt durch eine Meerenge oder die Annäherung an wichtige Hafeneinfahrten zu versperren. Es gab nur einen „Sperrmixer“ auf dem Minenleger, einem Prahm. Der Prahm hatte kaum Stauraum unter Deck, sondern transportierte die Last offen an Deck. Die Minen standen in zwei Reihen auf je einer Schiene back- und steuerbords, auf denen sie nach achtern, zum Heck, geschoben wurden. Also ein ziemlich schwerfälliges Schiff ohne großen Tiefgang. Seeschlachten konnte man damit nicht gewinnen. Zur Selbstverteidigung hatten sie ein kleines Flugabwehrgeschütz, vielleicht noch ein Maschinengewehr. Mein Vater hat erzählt, dass er einen Luftangriff verschlafen hat. Obwohl er direkt hinter dem feuernden Geschütz lag, sei er nicht wachgeworden. Einmal hatten sie einen Frachter gekapert. Kisten voller Hühnereier. Tagelang Rührei, danach Hard boiled eggs, dann Sole-Eier. Eierschlachten, die Mannschaft bewarf sich damit. Das sind so Anekdoten, die man glauben kann oder auch nicht. Außerdem hatten sie Wasserbomben gegen feindliche U-Boote.

„Der Sperrmixer“. Foto aus dem Nachlass meines Vaters. Als Kinder dachten wir, er selbst wäre darauf abgebildet. Wahrscheinlich ein Kriegspresse-Foto. Nr. 26 aus einer Serie.

Der Sperrmixer machte die Minen scharf, bevor sie ins Meer geworfen wurden. Dazu musste er vorsichtig die Zünder einschrauben und die Sensoren spannen, so stelle ich es mir vor, die auf die Berührung mit einer Schiffswand die Explosion der Mine auslösten. Ein ziemlich gefährlicher Job, der hohe Präzision erforderte, damit die Mine wirklich auch explodieren würde. Aber nicht vor der Zeit, nicht an Deck. Nach dem Scharfmachen wurde die Mine ans Heck geschoben und von dort aus ins Wasser geworfen. Der Befehl lautete „Mine, Wurf!“ Die Mine hatte eine schwere Basis, die sich auf den Meeresgrund legte. Von der Basis aus löste sich der an einem längeren oder kürzeren Drahtseil befestigte Minenkopf mit dem Explosionsstoff und den Zündern. Wegen des Auftriebs konnten die Minen in verschiedenen Höhen unter Wasser schweben. Keine Fachexpertise, meine Phantasien.

Das Einsatzgebiet war der Finnische Meerbusen, also der östliche Arm der Ostsee („Baltic Sea“) Richtung Leningrad (heute Sankt Petersburg). Die Minensperren sollten sowjetische Kriegsschiffe und U-Boote daran hindern, aus dem Finnischen Meerbusen auszulaufen. Ob die Blockade auch der Belagerung von Leningrad durch die Deutsche Wehrmacht dienen sollte, kann ich nicht sagen. Die Blockade Leningrads ist eine der längsten Belagerungen in der Geschichte des 2. Weltkriegs. Hungersnot, eisige Winter, die meisten Bäume in den Parkanlagen gefällt, Schostakowitsch, ein Symphonie-Orchester mit klammen Fingern. Das Schiff legte zur Versorgung mit Treibstoff, Verpflegung und zur Bestückung mit neuen Minen in vielen Ostseehäfen an. Ich kann mich daran erinnern, dass „Jupp“ die Städte Danzig (heute Gdansk in Polen), Libau (Liepaja in Lettland) und Reval erwähnte (Tallin, die Hauptstadt Estlands), und natürlich Turku und Helsinki. Finnland unter Marschall Mannerheim war mit Hitlerdeutschland verbündet und führte in Karelien einen Landkrieg gegen die Sowjetunion.

Der Fürst lachte wieder in seiner kalten Art. »Bonaparte ist ein Glücksmensch«, sagte er. »Er hat prächtige Soldaten und ist zuerst über die Deutschen hergefallen. Nur ein ganz schlapper Kerl kann die Deutschen nicht besiegen. Seit die Welt steht, sind die Deutschen von ihren Feinden stets besiegt worden. Sie haben nie ihre Gegner geschlagen. Das haben sie nur untereinander fertig gebracht. Bei ihnen hat er sich seine Lorbeeren geholt.«

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden. Vollständige Ausgabe. Aus dem Russischen übertragen von Marianne Kegel. Erster Teil, Kapitel 27. München (Winkler) 1956, Seite 131.

Mein Vater war das, was man einen „guten Soldaten“ nannte. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und mit der finnischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Auf diesen Orden war er stolz, weil den nicht viele bekommen hatten. Die Urkunde mit der Unterschrift Marschall Mannerheims hing in dem Zimmer meines Vaters, eingerahmt an der Wand, zusammen mit dem Orden. Noch früher hing dort eine Kopie eines Seestücks „Der letzte Mann“ und ein Finnendolch. Ich habe Urkunde und Orden im vorigen Jahr dem ungarischen Historiker Krisztián Ungváry geschenkt, der ein Standardwerk über die Schlacht von Budapest geschrieben hat („Budapest ostroma“ 7. Auflage 2016; seit 1998 vier Ausgaben in deutscher Sprache, je zwei in den USA und UK erschienen, eine illegale russische).

Hans Bohrdt, Der letzte Mann (1915). http://cuxpedia.de/index.php?title=Bohrdt,_Hans

Aber so ein guter Soldat war mein Vater auch wieder nicht. Von einem Nachtausgang in einer finnischen Hafenstadt, ich glaube Turku, kehrte er zu spät auf das Schiff zurück. Der „Alte“, also der Kommandeur der Flotille, auch „Kaleu“ (Kapitänleutnant) genannt, stellte ihn zur Rede. Wegen des Disziplinarvergehens nahm er das Kommando zurück, mit dem er meinen Vater eigentlich hatte belohnen wollen. Er hätte zur Schnellbootflotte im Schwarzen Meer versetzt werden sollen, wegen des schönen Wetters und der sagenhaft schönen Halbinsel Krim ein Traumziel. Die Strafe war ein Glück für meinen Vater. Die gesamte Schnellbootflotte im Schwarzen Meer ist vom Gegner, sowjetischen Schiffen, U-Booten und vor allem Flugzeugen, vernichtet worden. Kaum jemand von den deutschen Besatzungen hat das überlebt. Ohne „Jupps“ Verstoß gegen die Regeln wären mein Bruder und ich nicht auf der Welt.

In den letzten Kriegstagen ist mein Vater an der Ostseeküste desertiert. Noch ein Regelverstoß, der vielleicht mir und meinem Bruder ans Licht der Welt verholfen hat. Er hat sich zu Fuß von Mecklenburg-Vorpommern bis in den Heimatort am Rand des Ruhrgebiets durchgeschlagen. Eines Morgens hat er sich an einem Brunnen gewaschen und dabei seine Erkennungsmarke an einem Zaun hängen gelassen. Er wurde von einer Feldpolizeistreife aufgegriffen und konnte seine Erkennungsmarke nicht zeigen, hatte aber sein Soldbuch dabei. Er wurde in eine Kaserne gebracht, wo letzte Aufgebote des sogenannten „Volkssturms“ (alte Männer und 14-, 15jährige Jungen) zusammengestellt wurden. Der befehlshabende Offizier ließ meinen Vater einsperren, aber ein Feldwebel verhalf ihm zur Flucht, indem er ein Fenster auf der Toilette öffnete. („Das ist ein ganz scharfer Hund, der will dir nichts Gutes, hau ab.“). Auf dem weiteren Weg musste mein Vater die Elbe und die Weser überqueren. An der Weser kontrollierten alliierte Truppen, genauer englische Soldaten, alle Boote, die über den Fluss setzten. „Jupp“ wollte nicht in Kriegsgefangenschaft. Er nahm zwei Melkeimer in die Hand und setze mit anderen Melkern und Melkerinnen zu den Kühen am anderen Ufer über. Ende Mai 1945 war er zurück in der Heimat.

„Jupp“ hatte zeitlebens Sympathien für russische Komponisten und russische Dichter. Kopien von Ikonen, Bernsteinschmuck für meine Mutter. Die Tolstoi-Ausgabe stammt aus seinem Nachlass, aber auch ein apokryphes Werk von Karl Marx über die russische Geheimdiplomatie, von Dostojewskij nur „Die Dämonen“, Quellenbände über die Oktoberrevolution, Solschenitzyns „Archipel Gulag“ natürlich. Im Jahre 1976 erfüllte er sich einen großen Wunsch. Mit unserer Mutter und seinen beiden Söhnen reiste er nach Moskau und Leningrad. Unbekümmert fotografierte er nicht nur Bahnhöfe und den Panzerkreuzer „Aurora“, sondern auch moderne sowjetische Kriegsschiffe auf der Newa. Gorbatschow war dann sein Held.

Wieder gelesen: Krieg und Frieden #2

Pierre nach seinem Auftritt im Hause Anna Pawlownas, bei dem er Bonaparte fast schon wie Heinrich Heine als Hüter der Revolution und berittenen Weltgeist verteidigt hatte, nun im Gespräch unter vier Augen. Seinem Freund, Fürst Andrej, antwortet er auf die Frage, ob er sich schon bei der Gardekavallerie gemeldet habe: „Wir haben jetzt Krieg gegen Napoleon. Wenn das ein Kampf für die Freiheit wäre, dann könnte ich es verstehen und träte als erster in den Kriegsdienst. Aber England und Österreich gegen den größten Menschen auf der Welt zu helfen… nein, das ist nicht schön.“ Fürst Andrej, befremdet ob dieser Naivität: „‚Wenn alle Menschen nur nach ihrer Überzeugung kämpften, dann gäbe es keinen Krieg‘, sagte er. ‚Das wäre ja gerade sehr schön‘, entgegnete Pierre. Fürst Andrej lächelte. ‚Schon möglich, daß es schön wäre, aber das wird nie geschehen.‘ ‚Na, warum gehen Sie denn in den Krieg?‘ fragte Pierre. ‚Weswegen? Man muß eben. Außerdem gehe ich…‘ Er hielt inne. ‚Ich gehe deshalb, weil das Leben, das ich hier führe, weil dieses Leben – mir nicht paßt.'“

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden. Erster Teil, Kapitel 6. Übersetzung Marianne Kegel. München 1956.

Der Koloss. Francisco de Goya zugeschrieben.

Vor 12 Stunden

Budapest, XII. Bezirk. Ukrainische Botschaft. Ganz rechts der Konsulateingang mit der Schlange der Wartenden.

Gestern Mittag vor der Ukrainischen Botschaft in Budapest. Hier haben wir am Sonntag vor einer Woche Blumen niedergelegt und eine Kerze angezündet. Da waren noch keine Geflüchteten vor der Botschaft. Ich versuche es mit Englisch und Deutsch. Gespräch mit einer jungen Familie. Er Engländer, hat Frau und Kind herausgeholt. Sie wollen die Papiere in Ordnung bringen und dann mit dem Flieger nach London. Wissen sie von jemandem, der oder die weiter nach Deutschland will? Ja, da war jemand im Zug, aber… Die Aufmerksamkeit ist nicht auf dieses Gespräch gerichtet. Die Frau wartet gespannt darauf, dass die nächste Gruppe von zehn Menschen hereingerufen wird. Der Mann kümmert sich um das Kind. Sie sind bei Záhony nach Ungarn über die Grenze gegangen, weil die Übergange nach Polen hoffnungslos verstopft schienen. Der junge Mann ist voller Lobes für die Hilfsbereitschaft der Ungarn. Sie haben im Zelt übernachtet und wurden gut versorgt. Fahrten mit der Ungarischen Staatsbahn sind kostenlos. Will sonst niemand nach Deutschland? Ich treffe sonst keinen mit Deutsch- oder Englischkenntnissen, geschweige denn Ungarischsprechende. Klar, die wollen nicht weiter. Eine junge Frau kann Französisch, aber das kann ich nicht. Alle haben einen Plan und sind gestresst. Ich bin da eher lästig.

Wieder gelesen: Krieg und Frieden #1

Ein Monster bedroht Europa, ein Mörder, ein Bösewicht. Anna Pawlowna Scherer hustet und behauptet, die Grippe zu haben. >>> Sprung ins Jetzt: Wie, nicht Corona? Nein, Grippe<<< Ein Modewort, benutzt nur in den höchsten Kreisen. Ihre Einladung zur Abendgesellschaft wird man trotzdem nicht ausschlagen, ihr, der Vertrauten der Maria Fjodorowna, der höchsten Frau, Gattin des Zaren. Nicht nur die Einladungskarte ist französisch, auch die Konversation mit dem Gast, der vor den anderen kommt, um früher gehen zu können, ist mit französischen Floskeln durchsetzt. „Eh bien, mon prince.” Der Fürst soll bestätigen, daß es zum Krieg kommt, und nicht „alle Schandtaten und Grausamkeiten dieses Antichristen in Schutz nehmen.” Der Fürst demonstriert Kälte und Langeweile, ein scharfer Kontrast zum gespielten Enthusiasmus der Palowna. Fürst Wassilij, in lässigem Ton: „Was soll ich sagen?” Berater, Analysten, Strategen, wer auch immer, „man ist zu der Ansicht gelangt, dass Bonaparte seine Schiffe hinter sich verbrannt hat” >>> Sprung ins 21. Jahrhundert: Muß man ihm dann nicht Brücken bauen? Ihn vom Baum herunterholen, auf den er geklettert ist? Wer holt den bloß aus dieser Nummer wieder heraus? <<< „und ich glaube, wir sind im Begriff, die unsrigen ebenfalls zu verbrennen.” Machinationen, Kabinettstückchen. Die Palowna kommt in Fahrt. Er, Fürst Wassilij, soll nicht mit Österreich kommen. „Österreich wollte den Krieg niemals und will ihn auch jetzt nicht. Es verrät uns. Rußland allein muß der Retter Europas werden. Unser kaiserlicher Wohltäter kennt seine Berufung und wird ihr treu bleiben.” England versteht das nicht. Krämerseelen. Preußen? Hat schon klein beigegeben, „hat erklärt, Bonaparte sei unbesiegbar, ganz Europa könne nichts gegen ihn ausrichten…” >>> Fall ins Heute: Halt, Stopp! In welchem Monumentalfilm bin ich hier eigentlich? <<< „Cette fameuse neutralité prussienne… Ich setze all mein Vertrauen nur auf Gott und auf die hohe Bestimmung unseres lieben Kaisers. Er wird Europa retten!…”

>>> Und dann, der geniale Tolstoi, bricht das Pathos seiner Figur: „Sie hielt plötzlich inne und lächelte spöttisch über ihre eigene Erregung.” <<<

Zitate:

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden. Übersetzung Marianne Kegel. München 1956.

Ratlos in Göteborg

Heute wird Alexander Kluge 90 Jahre alt. Diese meine Grüße und guten Wünsche zum Geburtstag wird er nicht lesen. Obwohl er ja eine Unmenge liest und schreibt. Am Sonntag habe ich die letzte Stunde in der Reihe „Chronik der Gefühle“ gehört, in der Mediathek von BR 2: Der lange Marsch des Urvertrauens“. Kluge: der Sammler von Bruchstücken, Scherben, Bombensplittern und Munition, nicht nur in den Schutthaufen seines zerstörten Halberstadt. Diese wägende Bewegung: Was liegt auf der Hand? Womit passt das zusammen? Oder auch nicht? In einem Antiquariat in Göteborg zog ich ein Taschenbuch mit rotem Schnitt aus dem Regal, das mit dem Etikett „Tysk litteratur“ versehen war. „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos.“ Das war am 2. September 1970. Den Film aus dem Jahr 1968 mit der unvergleichen Hannelore Hoger hatte ich gesehen. Ihre herbe Schönheit, die rauchige Stimme. Nun lag das Büchlein in meiner Hand. Das Drehbuch.

Ratlos war auch ich. Unser Quartett, zwei junge Männer, zwei junge Frauen, war auseinander gebrochen. Das Nordkapp hatten wir nicht mehr erreicht, schon war ich mit den beiden Frauen auf dem Rückweg nach Deutschland. Ich war der Fahrer, ich hatte das Auto. In Sunne, in der Provinz Värmland, war der Wendepunkt gewesen. Auf Gut Mårbacka am Fryken, zu dem ich mich frühmorgens, als die beiden noch schliefen, Selma Lagerlöfs und Nils Holgerssons wegen aufgemacht hatte, musste ich die heftige Anwandlung niederkämpfen, die Frauen ihrem Schicksal zu überlassen und allein weiter zu fahren. „Die Sache mit Anstand zu Ende bringen.“

Nun also Göteborg. Am Nachmittag zuvor im Kino, das war ihr Wunsch, zu dritt „The Graduate“ (1967) mit Dustin Hoffmann und der Musik von Simon & Garfunkel. „Hey Mrs. Robinson“ – das war so ganz nach ihrem Geschmack. Auch das Konzert mit Jimi Hendrix am Abend, für das es keine Karten mehr gab. Am Rand des Liseberg-Parks hingen die beiden am Zaun, kleinwüchsig, mit langen Haaren, die eine spillerig, die andere mit Rundungen. Derweil ich einem Bekannten zuhörte, auch er wie wir drei an derselben Universität. Wir waren ihm zufällig über den Weg gelaufen. Er verbreitete sich über wirkliche Bedürfnisse und die Surrogate der Kulturindustrie. Mein Kopf wiegte sich in den Wolken der Frankfurter Schule und der Theorie Wilhelm Reichs von der Funktion des Orgasmus, während mein Körper die Gitarrenriffs aufsaugte und gebremst zu den Rhythmen zucken wollte, die von Stora Scenen, der Hauptbühne, herüberwehten. „Jimi Hendrix Live in Gothenburg“ (VHS-Video 2:16 auf youtube). Siebzehn Tage später war er tot.

Alexander Kluge wird diese Zeilen nicht lesen. Dankbar für seine Filme und seine Bücher, pflanze ich diese Erinnerung in meinen kleinen Internet-Garten und widme sie ihm, dem Meister der kleinen Form und der Montage.

Der Insulaner #2

Der letzte Post vor einer Woche begann mit dem Zitat „Wir alle sind Insulaner.“ Nöö, stimmt nicht. „Kein Klang der aufgeregten Zeit / drang noch in diese Einsamkeit.“ – das Verspaar, mit dem Theodor Storm sein Gedicht „Abseits“ ausklingen lässt, ist nicht mehr als ein frommer Wunsch zum Sonntag. Nach dem Weihnachtsoratorium trinken wir noch etwas an der Bar, im Foyer der Konzerthalle. Das erlaubt es uns, die Masken vor dem Gesicht wegzunehmen, in die wir vorhin noch stumm unser „Jauchzet, frohlocket“ hinein geatmet haben. Das Gespräch kommt auf die neuen europäischen Kulturhauptstädte des Jahres 2022. Der Freund empört sich darüber, dass in der „Tagesschau“ Novi Sad als „K. u. K.-Stadt“ apostrophiert worden sei. „Das weiß doch jeder, dass Újvidék eine ungarische Stadt ist.“ Ich gebe zu, dass mein Wissen nicht ausreicht, um die Empörung zu teilen, werfe aber noch ein, dass der deutsche Name von Нови Сад „Neusatz“ lautet. Später am Abend kommt über WhatsApp von dem Freund noch ein Ausschnitt aus der der deutschen Wikipedia. Alle Namen gehen auf das Patent Maria Theresias vom 1. Januar 1748 zurück. In ihrer Eigenschaft als ungarische Königin verlieh sie der Siedlung die Rechte einer königlichen Freistadt und nannte sie neulateinisch „Neoplanta“. Nach der Entvölkerung durch die Türkenkriege hatten sich hauptsächlich Südslawen im Schatten der K. u. K.-Garnison angesiedelt, getrennt nach Konfession: in und unterhalb der Festung Peterwardein auf dem rechten Donau-Ufer durften nur Katholiken wohnen. Rund um den Brückenkopf auf dem linken Ufer entstand die Ratzenstadt (dt. Ratz, ung. Rác = Serbe) mit serbisch-orthodoxer Bevölkerung. Auf diesem Hintergrund erscheint mir die Bezeichnung „K. u. K.-Stadt“ durch die „Tagesschau“-Redaktion in aller Kürze ein gelungener Versuch, den Kopf aus der Schlinge der identitären Zuordnungen zu ziehen. Wir sind eben alle keine Insulaner.

Gestern Zweitimpfung mit Moderna

Genau zwölf Wochen liegt der erste Shot mit Astra Zeneca zurück. Die Hamburger Gesundheitsämter hielten sich genau an das XING-Motto (Crossing whenever possible) und reichten eine Injektion mit einem mRNA-Impfstoff nach. Boosting nach den Empfehlungen der STIKO!

Noch ein Wort zum Hamburger Impfzentrum: Super Organisation! Tolle Kommunikation! Lauter junge Ärzte und Ärztinnen oder Freiwillige, denen trotz Wochenende ihre Arbeit Spaß zu machen schien. Alle geben Dir das Gefühl, dass sie gerade auf Dich gewartet haben und sich ganz besonders freuen, dass Du mit ihnen zusammen der Impfkampagne zum Erfolg verhilfst.

Ein angenehmer Nebeneffekt des Mund- und Nasenschutzes: Maskenhaftes Lächeln, aus Gründen der Professionalität oder des Marketings, musst Du nicht über Dich ergehen lassen. Das Lächeln siehst Du in den Augen.

Keine Menschenschlangen wegen des guten Zeitmanagements (Foto: XING)

Farbe bekennen, ohne Fahnen zu schwenken

My Fest, Berlin-Kreuzberg, 1. Mai 2019 (Foto: XING)

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Aber Bilder plappern oft nur so daher und bringen es selten auf den Punkt. Manchmal ist die Bedeutung hermetisch darin verschlossen, auch für mich selbst. Das bringt mich auf die gegenwärtige deutsche Hysterie. Wir schwenken nur noch Fahnen und tragen Symbole. Die FFP2-Maske ist zu einem solchen geworden, und heute Abend sollen die Fußballstadien deutschlandweit in Regenbogen-Farben erstrahlen.

Nachdem die UEFA-Führung diese Art der Beleuchtung als politische Aussage, die im Stadion nichts zu suchen habe, qualifiziert hat, ist nur der Schauplatz der deutsch-ungarischen Begegnung davon ausgenommen: die Allianz-Arena in München. Konsequentes Handeln sieht anders aus – der deutsche Kapitän durfte mit seiner Regenbogen-Armbinde spielen. Jetzt lässt der DFB Fähnchen verteilen… Aber keiner in der DFB-Führung hat die Eier, bei den Fans die behördlichen Corona-Auflagen durchzusetzen, unter denen das Spiel vor Zuschauern überhaupt nur erlaubt wurde. In denen die FFP-2-Maske nicht als Symbol des Mainstreams gilt, sondern als Schutz gegen die reale Gefahr einer COVID-19-Infektion eine vernünftige Rolle zugewiesen bekommt. Es wäre einer soziologischen Fallstudie wert, die Zahl der Fans im Stadion zu zählen, die ein Fähnchen schwenken u n d eine Maske tragen. Natürlich auch die Fangruppen, die weder die eine noch das andere bzw. nur eine(s) von beiden zeigen.

Bild: faz-net

1990 erzählte ich dem Freund in Amsterdam, ich würde ab dem Herbst als Deutschlehrer nach Ungarn gehen. „Dort werde ich dich nicht besuchen,“ sagte er sehr bestimmt, „dort leben nur Antisemiten und Homophobe.“ Ich bin trotzdem über die Grenze gegangen, weil ich wusste, dass es nicht so ist. Die meisten Filme von Rainer Werner Fassbinder hatte ich, in der westdeutschen Provinz lebend, während der Achtziger Jahre in Budapest gesehen. „In einem Jahr mit 13 Monden“ zum Beispiel, in dem kleinen Programmkino „Kinizsi“ im IX. Stadtbezirk (Ferencváros). Elvira, der Transsexuelle, der sich aus Liebe zu einem Mann zur Frau hatte umgestalten lassen… Elvira wird auf dem Homo-Strich von Freiern verprügelt, weil sie nicht das bekamen, was sie erwarteten…

Wie kann ich mein Gefühl beschreiben, als ich diese Szenen sah? Eine Alarmstimmung, ähnlich der, als ich mit meiner hochschwangeren Frau in ein Münchener Lesben-Café ging, um dort ihre Freundin zu treffen? Oder eine Mischung aus Furcht und Faszination in den männerbündnerischen Ritualen, an denen ich als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr beteiligt war – als Opfer und Täter? Die neuen Rekruten aus dem Tiefschlaf holen und im Schlafanzug unter die kalte Dusche stellen? Mit den Stubenkameraden nackt auf den Spinden hocken und literweise Bier aus den Stahlhelmen trinken (müssen)? In der Zwölfmannstube Eifersuchtsszenen homosexueller Paare nachspielen, nur so, Proben für einen nie gedrehten Film?

Wenn mich ein Schüler oder Student (und dies ist nicht nur das generative Maskulinum, sondern hier auch eine Markierung) danach fragen würde, welche Einstellung ich zum Anderssein hätte, würde ich ihm von meinen Erfahrungen erzählen. Vorausgesetzt, sie fänden ein Ohr. Ich würde versuchen zu erklären, dass die Liebe voller Zauber und voller Schrecken ist. Dass es vor allem dann schwierig wird, wenn sie körperlich werden will, dieses Begehren aber von der geliebten Person nicht erwidert wird. Dass es eine Kunst ist, nein zu sagen, ohne den anderen zu verletzen. Und dass wir nicht Elvira werden müssen, sondern Elvirus bleiben dürfen, wenn der andere uns wirklich liebt.

Die ungarische Regierung und ihre Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament irren. Mit dem Gesetz, das eine geregelte pädagogische Information über alternative Wege zum persönlichen Glück – „the pursuit of happyness“ ist nicht nur ein Film, sondern steht in der Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – verhindern soll, bleiben sie dem falschen Glauben an die Wirksamkeit von schulischen Lehrplänen verhaftet. Das persönliche Gespräch des Pädagogen mit den ihm Anvertrauten werden sie nicht verhindern können. Und ich habe die Filme von Rainer Werner Faßbinder gefunden, ohne dass ich als Schüler darüber in der Schule instruiert wurde.

Klar ist aber auch, dass die Werte von Toleranz und Vielfalt nur schwer gelebt werden können ohne unterstützende rechtliche und institutionelle Strukturen. Statt Fähnchen schwenken zu lassen, muss der DFB endlich strukturell und normierend dafür sorgen, dass ein Outing auch in den weniger prominenten Etagen des Profi- und Amateurfußballs nicht zu sozialer Ausgrenzung führt. Dass nicht Schiedsrichter*innen („endlich das Gendersternchen“, ruft Detre dem Xing ins Ohr), dass nicht die Unparteiischen von hysterischen Eltern verprügelt werden, nur weil sie Regeln zur Geltung verhelfen wollen, die zum Wohle aller vereinbart sind. Und dass er seine Pflicht als Veranstalter ernst nimmt, einer neuen Ausbreitung der Pandemie, nun in ihrer Delta-Variante, Einhalt zu gebieten.

Aber Mut brauchen wir alle.

Shelter for neurotics and realists

Váróterem neurotikusoknak és realistáknak – Wartehäuschen für Neurotiker und Realisten

Warte, warte nur im Häuschen!
Kommt Corona auch zu dir?
Corona macht jetzt nur ein Päuschen,
Trinkt vor’m Kiosk noch ein Bier.
Trifft sich dann im Stadion,
Reimt sich was auf „Million“.