Russophil? Memorial „Kosmos“

Memorial „Kosmos“

Die Schachtel mit den Filterzigaretten der Marke „Kosmos“ stammt aus dem Nachlass meines Vaters. Er, von der Familie „Jupp“ genannt, wäre gestern einhundert Jahre alt geworden. Jahrgang 1922. Der im 2. Weltkrieg am stärksten dezimiert wurde (jedenfalls was die Angehörigen der Deutschen Wehrmacht angeht). 1940, mit 18 Jahren, meldete „Jupp“ sich freiwillig zur Kriegsmarine. Das hatte ihm sein Vater geraten, also mein Großvater, der im Ersten Weltkrieg ebenfalls bei der Kriegsmarine gewesen war. „Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß-Rot“.

Soll er wirklich mein Mann werden, ausgerechnet dieser fremde, schöne, gute, junge Mensch? Ja gut ist er, dachte Prinzessin Marja, und eine Angst, die sie niemals empfunden hatte, kam über sie . Sie fürchtete sich, sich umzuschauen: ihr war, als stünde dort jemand hinter dem Schirm in der dunklen Ecke. Und dieser Jemand war der Teufel oder er – der junge Mann mit der weißen Stirn, den schwarzen Augenbrauen und dem roten Mund.

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden. Vollständige Ausgabe. Aus dem Russischen übertragen von Marianne Kegel. Dritter Teil, Kapitel 5. München (Winkler) 1956, Seite 301.

Die Familie war katholisch, der Großvater ein Anhänger der Zentrumspartei. Er war Schreiner von Beruf, in der Wirtschaftskrise arbeitslos, aber nicht anfällig für Hitlers Propaganda. Obwohl der Volksschullehrer den Jungen für das Gymnasium empfohlen hatte, bestimmte der Erziehungsberechtigte ihn für eine Lehre als Maschinenschlosser. Dort, im Reichsbahnausbesserungswerk Schwerte, galt mein Vater als der „kleinste Stift“. Als Lehrling stand er sonntags in dem Zwiespalt, zum Dienst bei der Hitlerjugend oder in die katholische Messe zu gehen, wo er als Messdiener am Altar assistierte. Nachdem er sich mehrmals für den Gottesdienst entschieden hatte, wurde er von den Hitlerjugendführern vor versammelter Mannschaft gemaßregelt: Ihm wurden die Schulterstücke vom Uniformhemd gerissen. So konnte er sich ausrechnen, dass die Nazis im Heimatort ihn auf dem Kieker hatten. Mit der freiwilligen Meldung zur Marine konnte „Jupp“ sich deren Einfluss entziehen.

Er kam zur Marineschule in Kiel-Laboe. Angeblich war er sehr sportlich (Mittelstreckenläufer, Salto über den Tisch). Aber schwimmen konnte er nicht. Den Widerspruch erklärt er weg: „Wir Nichtschwimmer waren in der Marine beliebt. Weil wir immer Schwimmwesten getragen haben.“ Mein Vater ist mit seinen Söhnen niemals zum Schwimmen gegangen, weder in das Wellenbad in der Ruhr noch in das Freibad mit dem verrückten Namen „Schöne Flöte“. Von Beruf Maschinenschlossergeselle, war er für eine Mechanikerausbildung vorgesehen. Sein Rang war Marinegefreiter. Die Aufgabe, die er schließlich an Bord übernahm, war die des Sperrmixers. Den Begriff habe ich nirgendwo gefunden. Ich erkläre ihn mir aus der dem Zusammenhang mit den Minensperren. Die wurden ja gelegt, um feindlichen Schiffen die Durchfahrt durch eine Meerenge oder die Annäherung an wichtige Hafeneinfahrten zu versperren. Es gab nur einen „Sperrmixer“ auf dem Minenleger, einem Prahm. Der Prahm hatte kaum Stauraum unter Deck, sondern transportierte die Last offen an Deck. Die Minen standen in zwei Reihen auf je einer Schiene back- und steuerbords, auf denen sie nach achtern, zum Heck, geschoben wurden. Also ein ziemlich schwerfälliges Schiff ohne großen Tiefgang. Seeschlachten konnte man damit nicht gewinnen. Zur Selbstverteidigung hatten sie ein kleines Flugabwehrgeschütz, vielleicht noch ein Maschinengewehr. Mein Vater hat erzählt, dass er einen Luftangriff verschlafen hat. Obwohl er direkt hinter dem feuernden Geschütz lag, sei er nicht wachgeworden. Einmal hatten sie einen Frachter gekapert. Kisten voller Hühnereier. Tagelang Rührei, danach Hard boiled eggs, dann Sole-Eier. Eierschlachten, die Mannschaft bewarf sich damit. Das sind so Anekdoten, die man glauben kann oder auch nicht. Außerdem hatten sie Wasserbomben gegen feindliche U-Boote.

„Der Sperrmixer“. Foto aus dem Nachlass meines Vaters. Als Kinder dachten wir, er selbst wäre darauf abgebildet. Wahrscheinlich ein Kriegspresse-Foto. Nr. 26 aus einer Serie.

Der Sperrmixer machte die Minen scharf, bevor sie ins Meer geworfen wurden. Dazu musste er vorsichtig die Zünder einschrauben und die Sensoren spannen, so stelle ich es mir vor, die auf die Berührung mit einer Schiffswand die Explosion der Mine auslösten. Ein ziemlich gefährlicher Job, der hohe Präzision erforderte, damit die Mine wirklich auch explodieren würde. Aber nicht vor der Zeit, nicht an Deck. Nach dem Scharfmachen wurde die Mine ans Heck geschoben und von dort aus ins Wasser geworfen. Der Befehl lautete „Mine, Wurf!“ Die Mine hatte eine schwere Basis, die sich auf den Meeresgrund legte. Von der Basis aus löste sich der an einem längeren oder kürzeren Drahtseil befestigte Minenkopf mit dem Explosionsstoff und den Zündern. Wegen des Auftriebs konnten die Minen in verschiedenen Höhen unter Wasser schweben. Keine Fachexpertise, meine Phantasien.

Das Einsatzgebiet war der Finnische Meerbusen, also der östliche Arm der Ostsee („Baltic Sea“) Richtung Leningrad (heute Sankt Petersburg). Die Minensperren sollten sowjetische Kriegsschiffe und U-Boote daran hindern, aus dem Finnischen Meerbusen auszulaufen. Ob die Blockade auch der Belagerung von Leningrad durch die Deutsche Wehrmacht dienen sollte, kann ich nicht sagen. Die Blockade Leningrads ist eine der längsten Belagerungen in der Geschichte des 2. Weltkriegs. Hungersnot, eisige Winter, die meisten Bäume in den Parkanlagen gefällt, Schostakowitsch, ein Symphonie-Orchester mit klammen Fingern. Das Schiff legte zur Versorgung mit Treibstoff, Verpflegung und zur Bestückung mit neuen Minen in vielen Ostseehäfen an. Ich kann mich daran erinnern, dass „Jupp“ die Städte Danzig (heute Gdansk in Polen), Libau (Liepaja in Lettland) und Reval erwähnte (Tallin, die Hauptstadt Estlands), und natürlich Turku und Helsinki. Finnland unter Marschall Mannerheim war mit Hitlerdeutschland verbündet und führte in Karelien einen Landkrieg gegen die Sowjetunion.

Der Fürst lachte wieder in seiner kalten Art. »Bonaparte ist ein Glücksmensch«, sagte er. »Er hat prächtige Soldaten und ist zuerst über die Deutschen hergefallen. Nur ein ganz schlapper Kerl kann die Deutschen nicht besiegen. Seit die Welt steht, sind die Deutschen von ihren Feinden stets besiegt worden. Sie haben nie ihre Gegner geschlagen. Das haben sie nur untereinander fertig gebracht. Bei ihnen hat er sich seine Lorbeeren geholt.«

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden. Vollständige Ausgabe. Aus dem Russischen übertragen von Marianne Kegel. Erster Teil, Kapitel 27. München (Winkler) 1956, Seite 131.

Mein Vater war das, was man einen „guten Soldaten“ nannte. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und mit der finnischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Auf diesen Orden war er stolz, weil den nicht viele bekommen hatten. Die Urkunde mit der Unterschrift Marschall Mannerheims hing in dem Zimmer meines Vaters, eingerahmt an der Wand, zusammen mit dem Orden. Noch früher hing dort eine Kopie eines Seestücks „Der letzte Mann“ und ein Finnendolch. Ich habe Urkunde und Orden im vorigen Jahr dem ungarischen Historiker Krisztián Ungváry geschenkt, der ein Standardwerk über die Schlacht von Budapest geschrieben hat („Budapest ostroma“ 7. Auflage 2016; seit 1998 vier Ausgaben in deutscher Sprache, je zwei in den USA und UK erschienen, eine illegale russische).

Hans Bohrdt, Der letzte Mann (1915). http://cuxpedia.de/index.php?title=Bohrdt,_Hans

Aber so ein guter Soldat war mein Vater auch wieder nicht. Von einem Nachtausgang in einer finnischen Hafenstadt, ich glaube Turku, kehrte er zu spät auf das Schiff zurück. Der „Alte“, also der Kommandeur der Flotille, auch „Kaleu“ (Kapitänleutnant) genannt, stellte ihn zur Rede. Wegen des Disziplinarvergehens nahm er das Kommando zurück, mit dem er meinen Vater eigentlich hatte belohnen wollen. Er hätte zur Schnellbootflotte im Schwarzen Meer versetzt werden sollen, wegen des schönen Wetters und der sagenhaft schönen Halbinsel Krim ein Traumziel. Die Strafe war ein Glück für meinen Vater. Die gesamte Schnellbootflotte im Schwarzen Meer ist vom Gegner, sowjetischen Schiffen, U-Booten und vor allem Flugzeugen, vernichtet worden. Kaum jemand von den deutschen Besatzungen hat das überlebt. Ohne „Jupps“ Verstoß gegen die Regeln wären mein Bruder und ich nicht auf der Welt.

In den letzten Kriegstagen ist mein Vater an der Ostseeküste desertiert. Noch ein Regelverstoß, der vielleicht mir und meinem Bruder ans Licht der Welt verholfen hat. Er hat sich zu Fuß von Mecklenburg-Vorpommern bis in den Heimatort am Rand des Ruhrgebiets durchgeschlagen. Eines Morgens hat er sich an einem Brunnen gewaschen und dabei seine Erkennungsmarke an einem Zaun hängen gelassen. Er wurde von einer Feldpolizeistreife aufgegriffen und konnte seine Erkennungsmarke nicht zeigen, hatte aber sein Soldbuch dabei. Er wurde in eine Kaserne gebracht, wo letzte Aufgebote des sogenannten „Volkssturms“ (alte Männer und 14-, 15jährige Jungen) zusammengestellt wurden. Der befehlshabende Offizier ließ meinen Vater einsperren, aber ein Feldwebel verhalf ihm zur Flucht, indem er ein Fenster auf der Toilette öffnete. („Das ist ein ganz scharfer Hund, der will dir nichts Gutes, hau ab.“). Auf dem weiteren Weg musste mein Vater die Elbe und die Weser überqueren. An der Weser kontrollierten alliierte Truppen, genauer englische Soldaten, alle Boote, die über den Fluss setzten. „Jupp“ wollte nicht in Kriegsgefangenschaft. Er nahm zwei Melkeimer in die Hand und setze mit anderen Melkern und Melkerinnen zu den Kühen am anderen Ufer über. Ende Mai 1945 war er zurück in der Heimat.

„Jupp“ hatte zeitlebens Sympathien für russische Komponisten und russische Dichter. Kopien von Ikonen, Bernsteinschmuck für meine Mutter. Die Tolstoi-Ausgabe stammt aus seinem Nachlass, aber auch ein apokryphes Werk von Karl Marx über die russische Geheimdiplomatie, von Dostojewskij nur „Die Dämonen“, Quellenbände über die Oktoberrevolution, Solschenitzyns „Archipel Gulag“ natürlich. Im Jahre 1976 erfüllte er sich einen großen Wunsch. Mit unserer Mutter und seinen beiden Söhnen reiste er nach Moskau und Leningrad. Unbekümmert fotografierte er nicht nur Bahnhöfe und den Panzerkreuzer „Aurora“, sondern auch moderne sowjetische Kriegsschiffe auf der Newa. Gorbatschow war dann sein Held.

Wieder gelesen: Krieg und Frieden #2

Pierre nach seinem Auftritt im Hause Anna Pawlownas, bei dem er Bonaparte fast schon wie Heinrich Heine als Hüter der Revolution und berittenen Weltgeist verteidigt hatte, nun im Gespräch unter vier Augen. Seinem Freund, Fürst Andrej, antwortet er auf die Frage, ob er sich schon bei der Gardekavallerie gemeldet habe: „Wir haben jetzt Krieg gegen Napoleon. Wenn das ein Kampf für die Freiheit wäre, dann könnte ich es verstehen und träte als erster in den Kriegsdienst. Aber England und Österreich gegen den größten Menschen auf der Welt zu helfen… nein, das ist nicht schön.“ Fürst Andrej, befremdet ob dieser Naivität: „‚Wenn alle Menschen nur nach ihrer Überzeugung kämpften, dann gäbe es keinen Krieg‘, sagte er. ‚Das wäre ja gerade sehr schön‘, entgegnete Pierre. Fürst Andrej lächelte. ‚Schon möglich, daß es schön wäre, aber das wird nie geschehen.‘ ‚Na, warum gehen Sie denn in den Krieg?‘ fragte Pierre. ‚Weswegen? Man muß eben. Außerdem gehe ich…‘ Er hielt inne. ‚Ich gehe deshalb, weil das Leben, das ich hier führe, weil dieses Leben – mir nicht paßt.'“

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden. Erster Teil, Kapitel 6. Übersetzung Marianne Kegel. München 1956.

Der Koloss. Francisco de Goya zugeschrieben.

Ratlos in Göteborg

Heute wird Alexander Kluge 90 Jahre alt. Diese meine Grüße und guten Wünsche zum Geburtstag wird er nicht lesen. Obwohl er ja eine Unmenge liest und schreibt. Am Sonntag habe ich die letzte Stunde in der Reihe „Chronik der Gefühle“ gehört, in der Mediathek von BR 2: Der lange Marsch des Urvertrauens“. Kluge: der Sammler von Bruchstücken, Scherben, Bombensplittern und Munition, nicht nur in den Schutthaufen seines zerstörten Halberstadt. Diese wägende Bewegung: Was liegt auf der Hand? Womit passt das zusammen? Oder auch nicht? In einem Antiquariat in Göteborg zog ich ein Taschenbuch mit rotem Schnitt aus dem Regal, das mit dem Etikett „Tysk litteratur“ versehen war. „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos.“ Das war am 2. September 1970. Den Film aus dem Jahr 1968 mit der unvergleichen Hannelore Hoger hatte ich gesehen. Ihre herbe Schönheit, die rauchige Stimme. Nun lag das Büchlein in meiner Hand. Das Drehbuch.

Ratlos war auch ich. Unser Quartett, zwei junge Männer, zwei junge Frauen, war auseinander gebrochen. Das Nordkapp hatten wir nicht mehr erreicht, schon war ich mit den beiden Frauen auf dem Rückweg nach Deutschland. Ich war der Fahrer, ich hatte das Auto. In Sunne, in der Provinz Värmland, war der Wendepunkt gewesen. Auf Gut Mårbacka am Fryken, zu dem ich mich frühmorgens, als die beiden noch schliefen, Selma Lagerlöfs und Nils Holgerssons wegen aufgemacht hatte, musste ich die heftige Anwandlung niederkämpfen, die Frauen ihrem Schicksal zu überlassen und allein weiter zu fahren. „Die Sache mit Anstand zu Ende bringen.“

Nun also Göteborg. Am Nachmittag zuvor im Kino, das war ihr Wunsch, zu dritt „The Graduate“ (1967) mit Dustin Hoffmann und der Musik von Simon & Garfunkel. „Hey Mrs. Robinson“ – das war so ganz nach ihrem Geschmack. Auch das Konzert mit Jimi Hendrix am Abend, für das es keine Karten mehr gab. Am Rand des Liseberg-Parks hingen die beiden am Zaun, kleinwüchsig, mit langen Haaren, die eine spillerig, die andere mit Rundungen. Derweil ich einem Bekannten zuhörte, auch er wie wir drei an derselben Universität. Wir waren ihm zufällig über den Weg gelaufen. Er verbreitete sich über wirkliche Bedürfnisse und die Surrogate der Kulturindustrie. Mein Kopf wiegte sich in den Wolken der Frankfurter Schule und der Theorie Wilhelm Reichs von der Funktion des Orgasmus, während mein Körper die Gitarrenriffs aufsaugte und gebremst zu den Rhythmen zucken wollte, die von Stora Scenen, der Hauptbühne, herüberwehten. „Jimi Hendrix Live in Gothenburg“ (VHS-Video 2:16 auf youtube). Siebzehn Tage später war er tot.

Alexander Kluge wird diese Zeilen nicht lesen. Dankbar für seine Filme und seine Bücher, pflanze ich diese Erinnerung in meinen kleinen Internet-Garten und widme sie ihm, dem Meister der kleinen Form und der Montage.

Der Insulaner #2

Der letzte Post vor einer Woche begann mit dem Zitat „Wir alle sind Insulaner.“ Nöö, stimmt nicht. „Kein Klang der aufgeregten Zeit / drang noch in diese Einsamkeit.“ – das Verspaar, mit dem Theodor Storm sein Gedicht „Abseits“ ausklingen lässt, ist nicht mehr als ein frommer Wunsch zum Sonntag. Nach dem Weihnachtsoratorium trinken wir noch etwas an der Bar, im Foyer der Konzerthalle. Das erlaubt es uns, die Masken vor dem Gesicht wegzunehmen, in die wir vorhin noch stumm unser „Jauchzet, frohlocket“ hinein geatmet haben. Das Gespräch kommt auf die neuen europäischen Kulturhauptstädte des Jahres 2022. Der Freund empört sich darüber, dass in der „Tagesschau“ Novi Sad als „K. u. K.-Stadt“ apostrophiert worden sei. „Das weiß doch jeder, dass Újvidék eine ungarische Stadt ist.“ Ich gebe zu, dass mein Wissen nicht ausreicht, um die Empörung zu teilen, werfe aber noch ein, dass der deutsche Name von Нови Сад „Neusatz“ lautet. Später am Abend kommt über WhatsApp von dem Freund noch ein Ausschnitt aus der der deutschen Wikipedia. Alle Namen gehen auf das Patent Maria Theresias vom 1. Januar 1748 zurück. In ihrer Eigenschaft als ungarische Königin verlieh sie der Siedlung die Rechte einer königlichen Freistadt und nannte sie neulateinisch „Neoplanta“. Nach der Entvölkerung durch die Türkenkriege hatten sich hauptsächlich Südslawen im Schatten der K. u. K.-Garnison angesiedelt, getrennt nach Konfession: in und unterhalb der Festung Peterwardein auf dem rechten Donau-Ufer durften nur Katholiken wohnen. Rund um den Brückenkopf auf dem linken Ufer entstand die Ratzenstadt (dt. Ratz, ung. Rác = Serbe) mit serbisch-orthodoxer Bevölkerung. Auf diesem Hintergrund erscheint mir die Bezeichnung „K. u. K.-Stadt“ durch die „Tagesschau“-Redaktion in aller Kürze ein gelungener Versuch, den Kopf aus der Schlinge der identitären Zuordnungen zu ziehen. Wir sind eben alle keine Insulaner.

Vor und während Corona : Tage der deutschen Einheit im Várkért Bazár und in Zugliget

Am 3. Oktober 2019 lud die Deutsche Botschaft in Budapest zum letzten Mal vor Corona zur Feier der deutschen Einheit ein. Dieses Mal im Várkért Bazár. Während der letzten drei Jahrzehnte war der Tag immer mit einer nahezu rituellen Danksagung an das Gastland verbunden gewesen, das durch hochrangige Politiker vertreten war. Den Tenor hatte Bundeskanzler Helmut Kohl bei seinem Besuch im Dezember 1989 vorgegeben. Vor Studenten der Eötvös Lóránt Universität (ELTE) in Budapest hatte er den ewigen Dank des deutschen Volkes beschworen: „Ungarn hat den ersten Stein aus der Mauer geschlagen.“ Für den aufmerksamen Beobachter war nun (2019, als ungarische Politiker durch Abwesenheit glänzten) die Absicht spürbar, die damaligen Ereignisse aus der aktuellen Politik herauszuhalten und sie mit einem Augenzwinkern zu historisieren. Eine Ausstellung mit Objekten aus DDR-Produktion modellierten ein Wohnzimmer. Mit den Gegenständen, die in den Wohnungen zurückgelassen wurden.

Oder einen Camping-Platz. Für Zeitzeugen mögen Erinnerungen an die Zeltlager in Zugliget oder am Balaton aufgestiegen sein, in denen die Ausreisewilligen aus der DDR eine große Hilfsbereitschaft der ungarischen Menschen erfuhren. Und dann talkte Kai Pflaume mit dem Botschafter. Eine Schuhplattler-Gruppe rhythmisierte ihre Tänze mit dem Öffnen und Schließen von Werkzeugkästen und Biergartenstühlen. Die Gäste konnten sich am Steuer eines Trabants fotografieren lassen und die Polaroids mit nach Hause nehmen.

2020 am 3. Oktober fand dann coronabedingt keine offizielle Feier mehr statt. Eine Wanderung durch die Budaer Berge führte meine Frau und mich nach Zugliget zur Kirchengemeinde von Pfarrer Kozma, wo die Malteser die Betreuung der DDR-Bürger, die ausreisen wollten, übernommen hatten. Im Garten zwei Betonteile der Berliner Mauer und ein mit Schlagzeilen bedruckter Trabi – Monumente der jüngsten Geschichte.

Stand einfach an der Straße in Zugliget herum, ein restaurierter ZiL 110, die sowjetische Staatskarosse. Nur 2200 Stück waren davon produziert worden. Auf dem polierten Lack die Schalen von Rosskastanien wie kleine Igel.

Das war’s : Der Nachtzug Berlin – Budapest ist Geschichte

Keleti fények ...

Foto: Németh Tibor (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Kurz nach acht Uhr morgens kam man an. Nirgendwo konntest du Europa besser kennenlernen, als in diesem Kleine-Welt-Abteil. Zwei dieser Reisen durch Raum und Zeit habe ich hier dokumentiert: die Nacht, als Harry Mulisch starb, und die Nacht des islamistischen Attentats auf das Bataclan in Paris.

Eine unverständliche Konzernpolitik der Deutschen Bahn hat zum Aus des Nachtzugs Berlin – Budapest geführt. Die Streckengebühren wurden für den Betreiber, die ungarischen Staatsbahnen MÁV, erneut erhöht; Verhandlungsangebote zur gemeinsamen Finanzierung ignorierte die DB (Tagesspiegel, 9. Dez. 2017), obwohl sie seit Jahren in der Kritik steht, durch systematisches Jeopardizing der Nachtzüge Low-Budget-Reisende in die Holzklasse der Billigflieger zu drängen.

Am Samstag vor zwei Wochen fuhr der „Metropol“ zum letzten Mal auf der alten Strecke. In Zukunft verbindet er nur noch Budapest mit Prag. Mittelosteuropa koppelt sich ab? Oder wird es abgehängt?

Hajó! Bateau! Hajó! Bateau!

Péter Nádas erklärt in der Deutschen Schule Budapest, wie man sich erinnert. (Foto: XING)

Was war das erste Erlebnis als Kind, an das er sich erinnert? Péter Nádas holt weit aus: Sind die Bilder, die vom Grunde des Gedächtnisses emporsteigen, wirklich unsere eigenen? Wieviel Anteil daran haben die Erzählungen der Eltern und ihrer Generation? Was ist kollektives Gedächtnis, was Trauminhalt, Hineinfühlen, Phantasmagorie? Der Autor, vielleicht der subtilste Erinnerer seit Marcel Proust, gibt uns, seinen Zuhörern und Lesern, eine Kostprobe von der mit Erfahrung gesättigten Sinnlichkeit, die ihn bei der Rekonstruktion der Vergangenheit leitet. Aus der Kindheit bleibt ihm die ungeheure Erfahrung: Ich kann fliegen!!! Bombenalarm in Budapest, die Mutter eilt mit ihm die Treppen hinunter zum Luftschutzkeller, Blitzkrachbumm, das Haus wankt, der Vorhang zerreißt, die Erde bricht auf – und das Kind fliegt. Dann Umnachtung, Augenaufschlag: Die Bäume im Garten brennen.

Deutsche Schule Budapest. Es ist der 25. April 2017. Mein Vater wäre heute 95 Jahre alt geworden. Zeit seines Lebens war er stolz darauf, dass er sich – achtzehn Jahre alt – freiwillig zur deutschen Kriegsmarine meldete. So wollte er sich den Nachstellungen entziehen, die ihm von der Führung der Hitlerjugend drohten. Er hatte das Sonntagsgebot und den Dienst als Ministrant über die HJ-Befehle gestellt. Sportlich zwar, der Salto über den Tisch war Eingangsvoraussetzung für die Aufnahme in die Kriegsmarine, aber er konnte nicht schwimmen. „Wir Nichtschwimmer waren hoch angesehen, weil wir immer eine Schwimmweste angelegt haben.”

Die Signatur (Foto: XING)

Péter Nádas liest eine Erzählung aus seiner neuesten Veröffentlichung „Az  élet sója” (Das Salz des Lebens). Ein Icherzähler verliebt sich in eine kleine Französin, Yvette, ungarisch: Ivett, die es – weiß der Teufel warum – in die wunderbare Flusslandschaft des Donauknies verschlagen hat. Sie ist süchtig nach den Wirbeln und Strudeln des Flusses, die unser Erzähler, ein guter und ausdauernder Schwimmer, ängstlich meidet. Wenn sich Schiffe nähern, brechen beide in besorgte, begeisterte Schreie aus: „Hajó! Bateau! Hajó! Bateau!”. Péter Nádas singt diese Wörter aus den beiden verschiedenen Sprachen, lässt ihre Vokalharmonie erklingen. Der französische Akzent auf der zweiten Silbe infiziert das ungarische Wort, das auf der ersten Silbe betont werden und in einer langen unbetonten zweiten Silbe auslaufen müsste. „Hajó” – die Artikulation schwebt in einem durchsichtigen Blau. Die Strudel dagegen scheinen schmutzig gelb, sie wirbeln den Grund auf. Gemeinsam mit Ivett lässt sich unser Ich-Erzähler hinabziehen auf den Grund des Flusses, wo alles in milchiger Transparenz eine lockende Ewigkeit der Lust verspricht, die ein Auftauchen und Luftholen als wenig wünschenswert erscheinen lässt.

Mein Vater, im Jahre 1940 mit gerade abgeschlossener Ausbildung als Maschinenschlosser, war der Sperrmixer auf einem kleinen Prahm im Finnischen Meerbusen. Er machte als einziger an Bord die Minen scharf, indem er die Zünder einschraubte, bevor sie ins Wasser dieser erotischen Zone der Ostsee geworfen wurden und  – zu unsichtbaren Teppichen gewebt – den sowjetischen Verbänden den Zugang nach Danzig, Stettin und Lübeck versperrten. In jeder Hafenstadt, Helsinki, Libau, Reval, Riga, Turku, ein Mädchen, das auf ihn wartet. Auf einem Foto trägt er eine Sonnenbrille und Kopfhörer. Ich höre den Soundtrack, den er im Ohr gehabt haben mag: „Hajó! Bateau! Hajó! Bateau!”