Megjöttek a locsolók – Hier kommen die Sprinkler

Diese Übersetzung bietet Facebook an. Eine Sprinkler-Anlage – das sagt mir etwas. An Orten mit starkem Publikumsverkehr, in Kaufhäusern, Tankstellen, Hotels usw., dient sie dem Brandschutz. Auch mit Berieselungsanlagen, im Online-Wörterbuch für „locsolófej“ angeboten, kann ich was anfangen. Italienisch: „spruzzatore‘. Neulich auf Euro-Sport die Qatar-Rundfahrt, die Spitzengruppe aus fünf sechs Radlern, dann das Peloton fließen an Baumkulissen vorbei, durch Kreisverkehre, in deren Mitte grüne Inseln und Blumenbeete durch Bewässerungsanlagen frisch gehalten werden. Zu den Bildern Dauerberieselung mit Techno im Fitness-Studio. Aber „die Sprinkler“??? Worum geht es? Um einen alten Volksbrauch in Ungarn, aber auch anderswo in Osteuropa, am Ostermontag. Also heute. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

Auf dem Lande, in früheren Zeiten, wurde man(n) durchaus handgreiflich, wie zu sehen ist, wenn nicht übergriffig. Städtisch verfeinert, versprühen die Sprinkler heutzutage  Kölnisch Wasser, sagen ihr Sprüchlein auf und werden wie früher mit rot gefärbten Eiern beschenkt, manchmal auch mit Kleingeld. Aber auch „Kölni“ ist bei den jungen Frauen nicht unbedingt beliebt: meistens wird Billigparfüm verpritzt. Trotzdem: ein netter Brauch. Alles ganz harmlos. Und die jungen unbegleiteten Migranten kriegen das ja nicht zu sehen. Die Balkanroute ist dicht.

Super- Taschenmond

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Alle Welt staunt über den Super-Mond, in weiter Ferne, so nah! Alle, die wegen des verhangenen Himmels im November nur virtuell daran teilhaben können, seien auf die Seite der NASA verwiesen: neben viel Kitsch gibt es auch ein atemberaubendes Schwarzweiß-Foto vom Transit der ISS vor unserem Trabanten (APOD: Astronomy picture of the day). Mein Taschenmond ist da bescheidener – nicht auf dem Präsentierteller, sondern in einer Hosentasche oder Bauchfalte des Internets versteckt. Aber hintergründig! Mehr auf der Seite „Taschenmond“ !

Die Teilzeit-Tusse

Flambierte Frauen sind Geschmackssache. Hier ist eine Frau, die nichts anbrennen lässt. Ihr Verlag stellt sie u. a. mit folgenden Angaben vor: „verheiratet, 2 Töchter, arbeitet als Sozialarbeiterin im Sozialpsychiatrischen Dienst, sozialtherapeutische- und musiktherapeutische Zusatzausbildung, Sterbebegleiterin“.

coverleimbachIrene Ullrich-Leimbach hört auch nach ihrer „Zur-Ruhe-Setzung“ nicht auf, sich um Menschen am Rande der Gesellschaft zu kümmern. Bei den Suchtkranken einer mittelgroßen Hafenstadt war sie über Jahrzehnte als konsequente und kompetente Helferin bekannt. Bekannt, gefürchtet und heimlich auch geliebt, hat sie das Zuhören doch nie verlernt. Aber ihre Klienten fanden bei ihr nicht nur Verständnis. Sie wurden immer auch mit der Forderung konfrontiert, in ihrem Problemspeicher oder in ihrem Gefühlshaushalt aufzuräumen. Nach der guten, alten Hausfrauenregel: Überlege nicht lange, wo bloß anfangen? Fang irgendwo an! Zupackend sind auch Irenes Texte in dem jüngst erschienenen Band „Poetische Setzlinge” (Geest Verlag) – die nur entfernt etwas mit ihrem Beruf, viel mehr aber mit ihrer eigenen Existenz als Frau in der Arbeits- und Konsumwelt zu tun haben. Sie sieht sich umgeben von Hedonisten, die das Jammern auf hohem Niveau anstimmen: „Zeit zu klagen / Zeit zu handeln / / Michelangelo trifft sich mit Inge / in der Sixtinischen Kapelle / und wo bleibe ich?” Und sie stemmt sich gegen den Trend zur Frühverrentung: „Wie lange musst du noch, / fragen die Pensionäre, / mitleidig oder irritiert? // Dabei wäre es / viel beruhigender, / für sie, / wenn ich nun auch / Modellbaukästen reanimierte, / verreiste / und mich auf Spieleabende / vorbereitete.” Dieses Gedicht endet mit einem Posaunensolo: „Sie haben völlig recht: / Ich brauche wirkliche Probleme!” Und schon sucht sie im realen Leben nach einem Teilzeitjob, vereinbar mit dem gewöhnungsbedürftigen Rentnerdasein.

Die Probleme werden Irene Ullrich-Leimbach so schnell nicht ausgehen. Deutschland im zweiten Flüchtlingsherbst – da liegen die Themen, die sie in ihrem nächsten Textband anpacken will. Eine gute Medizin gegen das Altern – schon der Barockdichter Friedrich Freiher von Logau wusste das: „Ein Mühlstein und ein Menschenherz wird stets herumgetrieben. / Wo beides nichts zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben.“ Derweil reiben wir uns an einem Gedicht aus ihrer ersten Veröffentlichung: „Die Teilzeittusse“ – in diesem Hochgeschwindigkeits-Blog namens „Intercity Wanderjahre“ auf der Seite „Mitreisende“ zu finden.

Nachtzug Berlin – Budapest 13. November 2015

Drei Menschen im Liegewagen-Abteil. Wir sitzen auf den unteren Betten. Noch ist nicht die Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. In dieser Stunde wissen wir noch nichts von den Anschlägen in Paris. Kein Netzempfang, abgeschnitten vom ständigen Datenstrom. Ich lese den Roman „Der CIRCLE” von Dave Eggers. Internetzukunft, die in Teilen schon Wirklichkeit ist. Da kann man richtig froh sein, dass einen das Smartphone eine Zeitlang in Ruhe lässt. Mein Sitznachbar, der das Bett über mir belegt hat, liest den Reisebericht des Journalisten, der inkognito im Iran unterwegs war. So kann sich ein Gespräch entwickeln. Überraschende Einblicke in ein islamisches Land. Denkberührungen, sag ich, wie von außen mit der Roboterhand im hochsicheren, hermetisch verschlossenen Genlabor. Nein, nein, ist die Antwort, ich will mit meiner Freundin in den Iran reisen, da bereite ich mich ein wenig vor. Die Dritte im Abteil schweigt. Sie liest in einem deutschsprachigen Prospekt über den Balaton. Vom Schaffner erfahren wir, dass in Dresden noch jemand zusteigt. Eine junge Rumänin, wie sich herausstellt. Alle Fernzüge von Deutschland durch Österreich nach Un­garn sind aus­gefal­­len – so musste sie von Würzburg den Umweg nehmen. Die Flüchtlingskrise, alles ist durcheinander. Mein Gesprächspartner fährt nach Budapest zu einem Kampfsport-Seminar. Irgendetwas Asiatisches. Die Frau aus Rumänien kennt sich damit aus. Dresden – Aussig – Prag – Brünn – Preßburg. Er fährt die Strecke häufig, weil seine Freundin Ungarin ist. Wegen des Seminars wird er sie wohl nicht treffen. Er hat wie ich erlebt, dass wir auf der Herfahrt nach Berlin an der slowakisch-tschechischen Grenze ziemlich ruppig aus dem Schlaf gerissen wurden: Ausweiskontrolle, und das im Schen­gen-Raum. Wir sind uns alle einig, dass die Flücht­lingsfrage Europa verän­dern wird. Die ungarische Dame mir gegenüber kommt vom Deutsch-Ungarischen Forum, das dieses Jahr in Berlin stattgefun­den hat. Ach, da hat sie den Balaton-Prospekt her. Ich war auch beim Forum, hatte sie aber nicht gesehen. Steinmeier war nicht anwesend, obwohl er auf dem Programm stand. Er ist jetzt wohl im Stade de France, beim Fußballspiel Deutschland-Frankreich, natürlich auch, um mit den Franzosen nach Lösungen für die Krise zu suchen. Einer Programmänderung mochte Sijjártó nicht zustimmen. Also ein Forum ohne die Außenminister. Kann vorkommen, aber früher wäre das kein Thema gewesen. Die ungarische Dame drückt ihre Zustimmung zu dem Grenzzaun aus, den Ungarn gezogen hat. „Ich liebe Orbán nicht, aber Europa wird ihm noch mal dankbar sein.” Sie hat am Budapester Ostbahnhof die großen schwarzen Augen der Flüchtlinge bemerkt; die meisten, junge Männer, starrten die leicht bekleideten, es war ja noch sehr heiß im September, freiwilligen Helferinnen an, die den Familien Getränke, Hygieneartikel, etwas zu essen brachten. Im Ungarischen heißt der starre Blick: farkasszem – Wolfsauge. Farkasszemet nézet a halállal – sie hat dem Tod ins Auge geblickt. Man sieht, was man sehen will, sage ich, ich will nicht missverstanden werden, ich meine die Stereotypen. Der Kampfsportler lebt in einer Berliner WG. Sie hatten ein Zimmer unter der Woche frei und haben es nach langen Diskussionen an einen jungen Syrer gegeben. Nach dem Einzug dauerte es ein paar Tage, bis er sich eingerichtet hatte, die Gebetsrichtung nach Mekka war wichtig. Gemeinsame Mahlzeiten, er kocht hin und wieder für alle. Es geht schon ganz gut mit dem Deutschen. Manchmal am Tisch reicht es sogar aus, um über Religion und Moral zu sprechen. Eine feste Bindung an eine Frau, die ihn liebt, ist auch sein Traum. In Damaskus hatte er eine Freundin. Aber die Familien passten nicht zusammen. Der Zug nähert sich der tschechischen Grenze. Nur kurz streift das Gespräch noch einmal das Fußballspiel zwischen Frankreich und Deutschland und die Chancen der ungarischen Mannschaft, sich doch noch zur Europameisterschaft zu qualifizieren. Wir vier wissen nichts von dem Terror in Paris, und wir werden in dieser Nacht nicht davon erfahren. Keine Ausweiskontrolle, na klar, in unserer Richtung fährt kein Flüchtling. Gute Nacht allerseits. Wann werden wir am Ostbahnhof ankommen? Paris, das Budapest des Westens, hat mal eine Freundin im Scherz gesagt. Das Abteil, nach allen Seiten mit Metall verkleidet, saust durch die Nacht. Ein Faradayscher Käfig. Ein Thinktank. Eine Denkzelle. Eine Zeitkapsel.
Moment mal

Denk-mal

Budapest, Stadtwäldchen, 4. November 2015: Eine Statue wird enthüllt

Budapest, Stadtwäldchen, 4. November 2015: Eine Statue wird enthüllt


Budapest ist voller Denkmäler. Das war nicht immer so. Angeblich soll der deutsche Kaiser Wilhelm II. bei seinem Budapest-Besuch 1897 dem österreichischen Kaiser und ungarischen König gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben, dass so wenig Denkmäler zu sehen seien. Daraufhin schenkte Franz Joseph der Stadt aus seiner Privatschatulle 400 000 Kronen, damit zehn Statuen von historischem Gewicht geschaffen und aufgestellt würden. Und so geschah es. Heute, am 4. November 2015, wurde im Budapester Stadtwäldchen eine weitere Bronzebüste enthüllt. Das Foto zeigt sie noch in der Hülle. Die beiden Trikolorenbändchen, Schwarz-Rot-Gold und Rot-Weiß-Grün, weisen auf den deutsch-ungarischen Kontext der Statue hin. Frage: Wen stellt die Büste dar? Weitere Frage: Wer hatte die Idee? Wer möchte, kann darüber abstimmen.

Empfindliches Gleichgewicht

A béke szigete - Bien calé -Island of peace - Insel des Friedens (Paris 1985)  © Bruno Bourel http://www.brunobourel.com

A béke szigete – Bien calé -Island of peace – Insel des Friedens (Paris 1985) © Bruno Bourel http://www.brunobourel.com

Selbstversunken ins Lesen, aber nur scheinbar weltvergessen. Denn alle Antennen sind ausgefahren. Ein Windstoß würde genügen, der Fahrtwind eines knapp vorbeifahrenden 2 CV, um ihn ins Schwanken zu bringen. Ihn, den Verkäufer (?), den Ingenieur (?), den Arzt oder Apotheker (?). Der Mann macht Pause, oder er posiert für den Photographen. Wie ein Faultier klammert er sich mit den Beinen in die Lianen des Großstadtdschungels. Das Pausenbrot hat er, eingesackt in der Plastiktüte, auf seinem Bauch liegen: seinen Lunch, seinen Brunch, das petit dejeuner. Hunger hätte er, aber leerer Bauch studiert ganz gern. Der Schwerpunkt des Mannes läge tiefer, hätte er sich die Mahlzeit schon einverleibt. Die Lage wäre stabiler. So ist er bedroht vom Absturz in den Alltag, oder er schwebt darüber – ein moderner Ikarus.