Wieder gelesen : Albert Camus „Die Pest“

„Eine bewährte Art, eine Stadt kennenzulernen, besteht darin, herauszufinden, wie ihre Bewohner arbeiten, wie sie lieben und wie sie sterben. In unserem Städtchen vermengt sich dies alles und geschieht mit der gleichen Maßlosigkeit , doch ohne innere Anteilnahme.“

Albert Camus, Die Pest. Einzige vom Verfasser autorisierte Übertragung von Guido C. Meister. Reinbek bei Hamburg 1950: Rowohlt (rororo 15), S. 5

Dem Roman ist ein Zitat von Daniel Defoe vorangestellt. Darin wird das Verhältnis von Fiktion und Realität beleuchtet. Camus stellt damit die philosophische Frage, ob überhaupt „etwas“ die grundsätzlich absurde Existenz des Menschen transzendieren kann. Wie Robinson sich seine Insel immer komfortabler einrichtet und von nichts anderem träumt, als sie zu verlassen, so sehnen die Einwohner von Oran, der wegen der Pest abgeriegelten Hafenstadt am Mittelmeer, das Ende der Quarantäne herbei, um in ihre eingefahrenen Gewohnheiten des Arbeitens, Liebens und Sterbens zurückzukehren. Das ist jetzt erst einmal eine Deutungshypothese. Vielleicht werde ich durch die erneute Lektüre des Romans ja eines Anderen belehrt. Oder die Zeit nach Corona bewahrheitet die Prophezeiungen, dass von jetzt an alles anders wird. Das Defoe-Zitat lautet:

Es ist ebenso vernünftig, eine Art Gefangenschaft durch eine andere darzustellen, wie irgend etwas wirklich Vorhandenes durch etwas, das es nicht gibt.

Mitteilung aus der Kronen-Gruft 2

Leo Läufer

Sich locker machen…

Wir fürchten den Tod, weil wir nichts anderes als das Leben kennen, und sobald man einmal unter den Lebenden ist, erscheint es einem am besten, dort zu bleiben.

T.C. Boyle

(Aus: Ein Tod weniger. Eine Story in „Sind wir nicht Menschen“. Hanser-Verlag  2020, p. 310)

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Zum neuen Jahr 2019 : Konfusionen, Transfusionen

Confusio – Die Verwirrung“ lautet der Titel eines Kupferstiches, der an der Wand unseres Wohnzimmers in Budapest hängt. „Babyolonia undique – Babylon ist überall“ steht über der hochmütigen Frauengestalt, die sich dem Turmbau nähert und dabei alle Finger ihrer rechten Hand abspreizt. Wenn Du mit dem Finger auf einen andern Menschen zeigst, denke daran, dass mindestens drei auf Dich zurückzeigen. Das sagte der unvergessene Bundespräsident Gustav Heinemann vor fünfzig Jahren, als in Europa die 68er auf die Straße gingen. Auch im vergangenen Jahr gab es Anlass genug, Sprachverwirrung zu beklagen. Lügen und Fake News wollen sich mit dem Kampf gegen eine angeblich herrschende PC („political correctness“) rechtfertigen; ein für seine Reportagen mehrfach ausgezeichneter Journalist wird als Meister der Fiktionen enttarnt. Am liebsten möchte man mit dem ganzen Quatsch und Gequatsche nichts mehr zu tun haben. Und wieder mahnt uns ein Bundespräsident, Walter Steinmeier, in seiner Weihnachtsansprache:

„Und mehr noch als der Lärm von manchen besorgt mich das Schweigen von vielen anderen. Immer mehr Menschen ziehen sich zurück unter ihresgleichen, zurück in die eigene Blase, wo alle immer einer Meinung sind – auch einer Meinung darüber, wer nicht dazugehört. Nur, so sehr wir uns über andere ärgern oder sie uns gleich ganz wegwünschen, eines gilt auch morgen noch: Wir alle gehören zu diesem Land – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe, von Lebensanschauung oder Lieblingsmannschaft.

Das ist das Schöne und das Anstrengende an der Demokratie zugleich. Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten. Wer Streit hat, kann sich auch wieder zusammenraufen. Das kennen wir von Weihnachten mit der Familie. Aber wer gar nicht spricht und erst recht nicht zuhört, kommt Lösungen kein Stück näher. Sprachlosigkeit heißt Stillstand.“

In diesem Sinne: Auf in ein meinungsfreudiges, gesprächsbereites neues Jahr 2019!

Confusio – Die Verwirrung

Gestern haben wir Péter Litván begraben

Performance am 16. Mai 2008 in einer Galerie in Budapest, IX. Bezirk, Ráday utca – ich weiß nicht mehr, in welcher Galerie, und welche Ausstellung damit eröffnet wurde. Péter Litván spielt gegen seinen Vater, den 2014 verstorbenen Komponisten Gábor Litván, Schach. Péter kannte den „Königsmechanismus“. Der König bewegt die Figuren, ist aber auch selbst als verletzliche Figur im Spiel präsent. Als Dramenautor und Regisseur stellte Péter sich immer wieder auch selbst auf der Bühne aus. Technische Pannen waren einkalkuliert: bewusst ließ er ihnen Raum, um durch den Riss im Protokoll künstlerischer Qualität den wahren Augenblick zu ermöglichen. (Foto: XING)

 

Bei der Trauerfeier trug Andrea Nagy ihre beeindruckende Studie vor, in der die mit vielen aktuellen Tendenzen des öffentlichen Lebens in Ungarn überkreuz liegende künstlerische, widersprüchliche Persönlichkeit Péters gewürdigt wird – die Studie ist auf Ungarisch erschienen in der Online-Zeitschrift „A hetedik“: Erinnerung an Péter Litván (Link). Der Video-Künstler János Sugár führt die vielen Facetten der kulturellen Tätigkeit Péter Litváns in der Online-Zeitschrift „Exindex“ auf (Link) – wie vorher auch schon das Nationale Filmarchiv (Link).

Auch dieses Weblog „IntercityWanderjahre“ verdankt seinen Namen der Zusammenarbeit mit Péter Litván (interner Link). Dann waren es plötzlich zwei Weblogs. Meines hatte ursprünglich den Zusatz „VidámPark“ – also „IntercityWanderjahre VidámPark“, seines hieß „IntercityWanderjahre ZuglóiElágazás“. Peters Idee war, dass wir uns von Blog zu Blog die Bälle zuspielen, obwohl er einen Horror davor hatte, „in einer toten Ecke des Internets zu verdorren“. Er kommentierte bei mir als „Petitan“ – ein geniales Pseudonym, das gleichzeitig eine Version seines Namens gab und den Größenwahn einer phantasierten Weltumgestaltung durch Kultur zu karrikieren schien. Dabei glaubte er daran – jeder und jede sollte im eigenen Wirkungskreis kulturell initiativ werden. Im Streit mit mir hat er sein eigenes Blog wieder gelöscht. Damit war aber unsere Beziehung nicht zu Ende. Immer wieder regte er mich zum Schreiben an – wie ich hier in meinem Beitrag „It fades, fades, and fades“ (interner Link) dargestellt habe.

Die in Deutschland lebende Autorin Zsóka Deborah Páthy, für deren Publikation über Joseph Beuys und Auschwitz Péter Litván als Übersetzer tätig war, schickte aus Anlass seines Todes ein ungarisches Gedicht – es wurde bei der Trauerfeier von Mária Pécsi vorgetragen, die Peters Initiative der „Sonntagsschule“ übernommen hat und weiterführen wird. Meine Nachdichtung des Gedichts darf ich hier mit Genehmigung der Autorin veröffentlichen:

 

Der Schneeglöckchen Seelenglocken

riefen zu Deinem Begräbnis. Ein ins

Blau sich weitender Raum sammelt

das Licht Deiner Einkehr in

Gottes zahllose Wohnungen.

 

Gesenkten Blicks bestreut der Winter

den Rand Deiner endlosen Kämpfe.

Die Klage, hinter gepressten Lippen

zurückgehalten, lässt gleiten dahin,

was zusammenbleiben will.

 

Ungeteilt misst der Himmel Dein

Schmerzgewölbe, den kühn in die

Höhe strebenden Bogen.

Siehe, gelöst entlässt er Dich,

begnadigt Dich zu Dir selbst.

 

(Zsóka Deborah Páthy, Nachdichtung: XING)

 

(Foto: János Sugár)

 

 

Das war’s : Der Nachtzug Berlin – Budapest ist Geschichte

Keleti fények ...

Foto: Németh Tibor (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Kurz nach acht Uhr morgens kam man an. Nirgendwo konntest du Europa besser kennenlernen, als in diesem Kleine-Welt-Abteil. Zwei dieser Reisen durch Raum und Zeit habe ich hier dokumentiert: die Nacht, als Harry Mulisch starb, und die Nacht des islamistischen Attentats auf das Bataclan in Paris.

Eine unverständliche Konzernpolitik der Deutschen Bahn hat zum Aus des Nachtzugs Berlin – Budapest geführt. Die Streckengebühren wurden für den Betreiber, die ungarischen Staatsbahnen MÁV, erneut erhöht; Verhandlungsangebote zur gemeinsamen Finanzierung ignorierte die DB (Tagesspiegel, 9. Dez. 2017), obwohl sie seit Jahren in der Kritik steht, durch systematisches Jeopardizing der Nachtzüge Low-Budget-Reisende in die Holzklasse der Billigflieger zu drängen.

Am Samstag vor zwei Wochen fuhr der „Metropol“ zum letzten Mal auf der alten Strecke. In Zukunft verbindet er nur noch Budapest mit Prag. Mittelosteuropa koppelt sich ab? Oder wird es abgehängt?

Emotionaler Transnationalismus

Rezension (erschienen in Budapester Zeitung 2017 Nr. 44)

„Im goldnen Monat Oktober war’s / transparenter wurden die Tage” – Elegisch im Ton kommt es daher: Wilhelm Drostes neuestes – ja – Buch, das es nur als E-Book gibt. Vor einem Monat ist es erschienen. Droste, schon seit fast vierzig Jahren im freiwilligen Exil, schreibt kein weiteres Wintermärchen, Deutschland ist nicht das Thema. „Ungarische Zustände” ist der Titel.

Heinrich Heine – der Schmerzensmann in der „Matratzengruft” seines Pariser Exils – geißelte in bitterböser Satire die politisch-literarischen Zustände im Deutschland des Vormärz. Deutsche Themen gäbe es ja auch heute zuhauf. Der Aufstieg der AfD zum Beispiel. Die Führungsrolle Deutschlands in Europa, die so gar nicht gewollte, und wenn, natürlich nur gemeinsam mit dem neuen Napoleon in Frankreich. Da aber in Ungarn „Europe’s New Strongman” die europäische Agenda dominieren will, klingt der Titel wie ein Weck- oder Ordnungsruf. Nicht mit einer kolonialistischen Attitüde? Einige Beispiele gefällig? Man findet sie in Heinz Küppers „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“: „Zustände wie am oberen Nil” heißt es nach 1900 im Gefolge von Reiseberichten aus Oberägypten und dem oberen Sudan, um äußerst primitive Verhältnisse zu etikettieren. Es herrschen „Zustände wie im alten Rom“, wo nach den Annalen des Tacitus „alle Sünden und Laster zusammenfließen und verherrlicht werden“.

Ist das nur ein mehr oder weniger geschickter Griff des deutschen Verlags in die Marketing-Kiste? Nein. Der Titel stammt von Droste selbst. Im Herbst 2008 kündigte er in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Drei Raben” (Heft 14, Editorial) eine Veranstaltung an, die dann am 3. Dezember 2009 in seinem Café Eckermann über die Bühne ging. Ungarische Lyrik des 19. und 20. Jahrhunderts, in deutschen Übersetzungen und Nachdichtungen von Meister Wilhelm selbst, gelesen von Michael Grosse. Im Programmheft heißt es zurückhaltend: „Ungari­sche Zustände beleuchtet die vorliegende Gedichtsauswahl aus unterschiedlichen historischen und in­dividuellen Perspektiven, gleichzeitig aber richtet sich der Fokus auf europäische Zustände.” In der Ankündigung über ein Jahr zuvor klang es noch martialischer: „Ungarische Zustände, das ist der bedrohliche Arbeitstitel dieser poetischen Attacke.” Was ist von diesem Kampfesgeist geblieben?

In der aktuellen Publikation geht nicht in erster Linie um das aktuelle Ungarn. Oder nur in dem Sinne, wie es der Ausruf „Es ist, um Zu­stände zu kriegen!” ausdrücken würde. Es geht vor allem um den Autor selbst und seinen Seelenzustand. Nicht zufällig hat er seine Dissertation über den Einfluss des Ortes auf den Dichter geschrieben und dies an Rainer Maria Rilke und Endre Ady und ihren zahlreichen Aufenthaltsorten belegt. Durchaus anrührend, wenn auch manchmal ein wenig sentimental, gibt Droste seiner verzweifelten Liebe zu Ungarn Ausdruck. Verzweifelt ist sie, weil am Anfang ein ganz großer Wille steht, und am Ende das Leiden an der Wahlheimat. In unseren Tagen, in denen so viel von „Fluchtursachen” die Rede ist, ist vor allem der Anfang, die freiwillige Migration und die tiefe emotio­nale Bindungswilligkeit interessant. Der Leser erfährt, wie jemand den Lehm des Sauerlandes von den Sohlen streift und sich in den Jahren vor 1989 in Ungarn heimisch zu machen versucht, in diesem unbekannten Land mit einer ganz eigenen Exotik. Die verqualmten Kaffeehäuser, eine weitere Leidenschaft Drostes, in der Metropole an der Donau, dem „Paris des Ostens”, bersten von bärtigen, langhaarigen Intellektuellen und attraktiven jungen Frauen. Die lässige Diktatur unter Kádár verleiht der Budapester Boheme ein übersteigertes Bewusstsein der eigenen Bedeutung – ein Blütentraum, der in den fünfundzwanzig Jahren nach der Wende im eiskalten Hauch des Marktes erfrieren und im Gluthauch der Parteipolitik verdorren wird. Ein öffentlicher Diskurs, der den Namen verdiente, findet spätestens unter der populistischen Orbán-Regierung nicht mehr statt. Im Gegenteil: Oppositionelle Zeitungen, Online-Portale und Sender werden mundtot gemacht.

Angesichts solcher Enttäuschungen braucht die Liebe ein starkes Fundament. Für Droste ist dies vor allem die ungarische Sprache, in der er sich den Menschen, vor allem dem Schwieger­vater György Enyedi nähern kann. (Die Tochter, Ildikó Enyedi, Drostes Ehefrau und Mutter der beiden gemeinsamen Kinder, hat in diesem Jahr den „Goldenen Bären” gewonnen – mit ihrem Film „Körper und Seele”.) Ihr Vater, der viele Sprachen beherrschte, beschwieg das Deutsche, als hätte er es vergessen wollen. „Jahrzehnte hat es gedauert, bis es mir irgendwann wie Schuppen von den Augen fiel, dass meine Liebe zu Budapest und Ungarn ganz entscheidend darauf basiert, dass hier jüdisches Leben, jüdisches Denken, jüdische Geselligkeit präsent geblieben sind.” Sagt Droste. György Enyedi konnte als mittelloser, aber begabter Junge halb­jüdischer Herkunft – sein Vater ist in Bergen-Belsen umge­kommen – dank eines Stipendiums am Gymnasium der Piaristen lernen. Dieser Status bedeutete unter dem Horthy-Regime zunächst auch einen Schutz vor antisemitischer Verfolgung, bis die Greiftrupps der ungarischen Pfeilkreuzler durch die Stadt schwärmten und er in den Untergrund gehen musste.

Das Gebäude der Piaristen unweit der Elisabethbrücke ist – neben der ungarischen Sprache – die zweite Konstante in der Erzählung von Wilhelm Droste. Eine Konstante in Bewegung: über die Jahre präsentiert sich dieser Bau dem Ich-Erzähler in vielfältigen Funktionen, zunächst als Sitz der geistes­wissenschaftlichen Fakultät, also als erträumter und dann wirklicher Arbeitsplatz für ihn, den Dozenten der Germanistik, bis der Bau an den Piaristenorden zurückgegeben wurde. Und bald als Unterschlupf für das neue Kaffeehaus, das Droste noch in diesem November eröffnen will. Der Name: „Három holló – Drei Raben”. So hieß das Stammcafé von Endre Ady. Der katholische Sauerländer und ausgebildete Lehrer unter der Ägide des Schulordens der Piaristen! Es gibt also noch eine Zukunft für die Liebe. Man kann nur Glück zu dem Unternehmen wünschen.

Wilhelm Droste, Ungarische Zustände : Ein Schauplatz erzählt Geschichte. Verlag: Rowohlt E-Book. Originalausgabe. Erscheinungstermin: 06.10.2017. 40 Seiten. 2,99 EUR. ISBN: 978-3-644-00078-0