Gestern Zweitimpfung mit Moderna

Genau zwölf Wochen liegt der erste Shot mit Astra Zeneca zurück. Die Hamburger Gesundheitsämter hielten sich genau an das XING-Motto (Crossing whenever possible) und reichten eine Injektion mit einem mRNA-Impfstoff nach. Boosting nach den Empfehlungen der STIKO!

Noch ein Wort zum Hamburger Impfzentrum: Super Organisation! Tolle Kommunikation! Lauter junge Ärzte und Ärztinnen oder Freiwillige, denen trotz Wochenende ihre Arbeit Spaß zu machen schien. Alle geben Dir das Gefühl, dass sie gerade auf Dich gewartet haben und sich ganz besonders freuen, dass Du mit ihnen zusammen der Impfkampagne zum Erfolg verhilfst.

Ein angenehmer Nebeneffekt des Mund- und Nasenschutzes: Maskenhaftes Lächeln, aus Gründen der Professionalität oder des Marketings, musst Du nicht über Dich ergehen lassen. Das Lächeln siehst Du in den Augen.

Keine Menschenschlangen wegen des guten Zeitmanagements (Foto: XING)

Farbe bekennen, ohne Fahnen zu schwenken

My Fest, Berlin-Kreuzberg, 1. Mai 2019 (Foto: XING)

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Aber Bilder plappern oft nur so daher und bringen es selten auf den Punkt. Manchmal ist die Bedeutung hermetisch darin verschlossen, auch für mich selbst. Das bringt mich auf die gegenwärtige deutsche Hysterie. Wir schwenken nur noch Fahnen und tragen Symbole. Die FFP2-Maske ist zu einem solchen geworden, und heute Abend sollen die Fußballstadien deutschlandweit in Regenbogen-Farben erstrahlen.

Nachdem die UEFA-Führung diese Art der Beleuchtung als politische Aussage, die im Stadion nichts zu suchen habe, qualifiziert hat, ist nur der Schauplatz der deutsch-ungarischen Begegnung davon ausgenommen: die Allianz-Arena in München. Konsequentes Handeln sieht anders aus – der deutsche Kapitän durfte mit seiner Regenbogen-Armbinde spielen. Jetzt lässt der DFB Fähnchen verteilen… Aber keiner in der DFB-Führung hat die Eier, bei den Fans die behördlichen Corona-Auflagen durchzusetzen, unter denen das Spiel vor Zuschauern überhaupt nur erlaubt wurde. In denen die FFP-2-Maske nicht als Symbol des Mainstreams gilt, sondern als Schutz gegen die reale Gefahr einer COVID-19-Infektion eine vernünftige Rolle zugewiesen bekommt. Es wäre einer soziologischen Fallstudie wert, die Zahl der Fans im Stadion zu zählen, die ein Fähnchen schwenken u n d eine Maske tragen. Natürlich auch die Fangruppen, die weder die eine noch das andere bzw. nur eine(s) von beiden zeigen.

Bild: faz-net

1990 erzählte ich dem Freund in Amsterdam, ich würde ab dem Herbst als Deutschlehrer nach Ungarn gehen. „Dort werde ich dich nicht besuchen,“ sagte er sehr bestimmt, „dort leben nur Antisemiten und Homophobe.“ Ich bin trotzdem über die Grenze gegangen, weil ich wusste, dass es nicht so ist. Die meisten Filme von Rainer Werner Fassbinder hatte ich, in der westdeutschen Provinz lebend, während der Achtziger Jahre in Budapest gesehen. „In einem Jahr mit 13 Monden“ zum Beispiel, in dem kleinen Programmkino „Kinizsi“ im IX. Stadtbezirk (Ferencváros). Elvira, der Transsexuelle, der sich aus Liebe zu einem Mann zur Frau hatte umgestalten lassen… Elvira wird auf dem Homo-Strich von Freiern verprügelt, weil sie nicht das bekamen, was sie erwarteten…

Wie kann ich mein Gefühl beschreiben, als ich diese Szenen sah? Eine Alarmstimmung, ähnlich der, als ich mit meiner hochschwangeren Frau in ein Münchener Lesben-Café ging, um dort ihre Freundin zu treffen? Oder eine Mischung aus Furcht und Faszination in den männerbündnerischen Ritualen, an denen ich als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr beteiligt war – als Opfer und Täter? Die neuen Rekruten aus dem Tiefschlaf holen und im Schlafanzug unter die kalte Dusche stellen? Mit den Stubenkameraden nackt auf den Spinden hocken und literweise Bier aus den Stahlhelmen trinken (müssen)? In der Zwölfmannstube Eifersuchtsszenen homosexueller Paare nachspielen, nur so, Proben für einen nie gedrehten Film?

Wenn mich ein Schüler oder Student (und dies ist nicht nur das generative Maskulinum, sondern hier auch eine Markierung) danach fragen würde, welche Einstellung ich zum Anderssein hätte, würde ich ihm von meinen Erfahrungen erzählen. Vorausgesetzt, sie fänden ein Ohr. Ich würde versuchen zu erklären, dass die Liebe voller Zauber und voller Schrecken ist. Dass es vor allem dann schwierig wird, wenn sie körperlich werden will, dieses Begehren aber von der geliebten Person nicht erwidert wird. Dass es eine Kunst ist, nein zu sagen, ohne den anderen zu verletzen. Und dass wir nicht Elvira werden müssen, sondern Elvirus bleiben dürfen, wenn der andere uns wirklich liebt.

Die ungarische Regierung und ihre Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament irren. Mit dem Gesetz, das eine geregelte pädagogische Information über alternative Wege zum persönlichen Glück – „the pursuit of happyness“ ist nicht nur ein Film, sondern steht in der Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – verhindern soll, bleiben sie dem falschen Glauben an die Wirksamkeit von schulischen Lehrplänen verhaftet. Das persönliche Gespräch des Pädagogen mit den ihm Anvertrauten werden sie nicht verhindern können. Und ich habe die Filme von Rainer Werner Faßbinder gefunden, ohne dass ich als Schüler darüber in der Schule instruiert wurde.

Klar ist aber auch, dass die Werte von Toleranz und Vielfalt nur schwer gelebt werden können ohne unterstützende rechtliche und institutionelle Strukturen. Statt Fähnchen schwenken zu lassen, muss der DFB endlich strukturell und normierend dafür sorgen, dass ein Outing auch in den weniger prominenten Etagen des Profi- und Amateurfußballs nicht zu sozialer Ausgrenzung führt. Dass nicht Schiedsrichter*innen („endlich das Gendersternchen“, ruft Detre dem Xing ins Ohr), dass nicht die Unparteiischen von hysterischen Eltern verprügelt werden, nur weil sie Regeln zur Geltung verhelfen wollen, die zum Wohle aller vereinbart sind. Und dass er seine Pflicht als Veranstalter ernst nimmt, einer neuen Ausbreitung der Pandemie, nun in ihrer Delta-Variante, Einhalt zu gebieten.

Aber Mut brauchen wir alle.

Shelter for neurotics and realists

Váróterem neurotikusoknak és realistáknak – Wartehäuschen für Neurotiker und Realisten

Warte, warte nur im Häuschen!
Kommt Corona auch zu dir?
Corona macht jetzt nur ein Päuschen,
Trinkt vor’m Kiosk noch ein Bier.
Trifft sich dann im Stadion,
Reimt sich was auf „Million“.

Aus der freiwilligen Quarantäne mit einem Satz von Jean Paul

Pestfarben, Pestfeuer im Garten von Fehértó

Leo Läufer macht Mut in seiner lesenswerten Mitteilung aus der Kronengruft. Leo spiegelt seine Lektüre des Romans „Titan“ von Jean Paul im gegenwärtigen Pandemie-Geschehen. Der Held erkennt nach langen Irrwegen, dass die Welt nicht verändert werden kann. Aber statt uns einfach mit ihr abzufinden, sollen wir uns um ein wenig Menschlichkeit und Solidarität bemühen. In diesem Zusammenhang gewinnt ein Satz aus dem Roman an Bedeutung, die klären zu helfen Leo seine Leser aufruft. Das gibt mir, Xing, den Mut, meine Lesart hier zu unterbreiten.

Freiheit ist die frohe Ewigkeit, Unglück für den Sklaven ist Feuersbrunst im Kerker – – (Jean Paul)

Vertrackte Syntax. Die beiden Hauptsätze scheinen eine Antithese zu bilden. Aber die Parallelitäten sind verschoben. Der Effekt: Die lesenden Augen springen zwischen den beiden Sätzen hin und her. Das Fruchtbare der Sentenz könnte in dieser Bewegung liegen – wenn diese mehr als das bloße Abschreiten der Zellenmaße im „Kerker“ der Antithese sein kann. Die Dialektik kommt in Gang, weil die Antithese nicht die pure Negation der These ist.

Also: dem Subjekt „Freiheit“ im ersten würde ein Subjekt „Unfreiheit“ im zweiten Satz entsprechen. Jean Paul setzt stattdessen der Abstraktion zwei Konkreta entgegen. Der „Kerker“ ist aber in eine präpositionale Ergänzung zu „Feuersbrunst“ gerutscht, und der „Sklave“ steht als Präpositionalobjekt zu „Unglück“.

Erste Deutung: Der Sklave könnte es sich auf einem Strohhaufen in seinem „Kerker“ einigermaßen bequem einrichten, sein Missgeschick aber will es, dass Gitter und Ketten ihn an der Flucht vor der „Feuersbrunst“ hindern. Aber ein Sklave im Kerker? Die Konkreta widersprechen sich. Der Sklave soll arbeiten, im Kerker ist er unnütz.

Der schiefe Chiasmus entsteht dadurch, dass „Unglück“ das Subjekt im zweiten Satz bildet. Dem „Unglück“ steht nicht „Glück“ oder konkret „Frohsein“ als Subjekt im ersten Satz entgegen, vielmehr entspricht ihm als Gegenspieler das Attribut „froh“ (zu „Ewigkeit“). Der Ausdruck „frohe Ewigkeit“ definiert „Freiheit“. „Ewigkeit“ hat als Ge­genspieler die „Feuersbrunst“, die schnell verlischt (vgl. die Metapher „Stroh­feuer“). Manche Gefangene zünden in ihrer Zelle selbst ein Feuer an, nur um von den Wächtern gerettet und in eine andere Zelle gesperrt zu werden. Diese Rettung bringt keine Freiheit.

Zweite Deutung: Statt ein Feuer zu legen gilt es, ein ewiges Licht der Freude anzuzünden. Dieses leuchtet demjenigen, der nicht Sklave, sondern frei in seinem Kerker ist. An dem Kerker, der Welt, ändert das frohe Schaffen nichts. Aber es leuchtet als Utopie der Freiheit hinein.

Eröffnung der Cogwheel Railway Gallery: ########### Eins greift ins andere #9)

Link zur Seite Cogwheel Railway Gallery

„Fogaskerekű!“ Das klingt wie Hahnenschrei,
wie Weckruf, das Ungarnwort bedeutet „Zahnradbahn”.
Muse, lass rumpeln die Bahn auf fest verschraubten Geleisen,
drei an der Zahl auf die Schwellen, den Schotterdamm geheftet,
die Metrik wirbelsäulengleich, und Zahn an Zahn
das führende Band. Nichts für Herumtreiber, nichts für Odysseus.
Wanderer, knie nieder, leg dein Ohr auf die Schiene:
Gesang ertönt, wie von Sirenen, beim Nähern des Zugs.
Kein Feuerross mehr, ein mählich ruckelnder Triebwagen
biegt um die Kurve. Zahn um Zahn greift in die Lücken,
der Kranz in die Führung, kreischend schleift Eisen an Eisen,
geschwollene Kämme, Hahnenkämpfe um Trojas Mauern.
Hoch trabend im Innern der Wagen die Mountain-Bike-Fahrer,
behelmt und polsterbewehrt, verschrauben sich höher hinauf.
Die Schuhe docken Pedalen an wie Viren den Zellen,
Klick! und abwärts geht’s, Frau Wahnschaff’ Corona,
die Staubmaske vor, der Niemand ist ein sterblicher Gott.

Wie eins ins andere greift # 8

Jemand aus Leo Läufers Korona (laut DUDEN ugs. für „fröhliche Runde“) stellt die Frage, warum ich mir für das Video (Wie eins ins andere greift # 7) die Haare toupiert hätte. Habe ich nicht. Sie standen mir zu Berge, wahrscheinlich irgendeiner Elektrostatik wegen (Schlurfen mit Turnschuhen über die Iso-Matte oder so). Also kein Grund, das Video zu löschen. Kein ästhetischer jedenfalls. Das wäre eher der Fall, wenn ein Konzept dahinter stecken würde. Zum Beispiel, in der Reihe ##### einmal einen Aussetzer zu produzieren.

Auf NDR-Kultur laufen gerade in „Am Morgen vorgelesen“ neue Erzählungen von Murakami Haruki (Titel der Sammlung: „Erste Person Singular“, übersetzt von Ursula Graefe, sieben Tage online). In „With the Beatles“ gibt es einen zentralen Hinweis auf den posthum erschienenen Text

„Die Zahnräder“ von 芥川 龍之介 (Akutagawa Ryūnosuke)

Eigentlich geht es um das Album „With the Beatles“. Erinnerungen eines alten Mannes. Im dunklen Gang seiner Schule in Kobe war mit schwingendem Rock ein gleichaltriges Mädchen an ihm vorbeigelaufen, die LP „With the Beatles“ an die Brust gedrückt. Er hatte sie nicht angesprochen und nicht wiedergesehen. Jahre später entdeckt er die LP in einem New Yorker Plattenladen, mit einem Cover, das er nicht kennt. Er kann sich nicht entschließen, dafür 35 Dollar zu zahlen. Der Ich-Erzähler versucht die Mädchengestalt zu imaginieren und bedauert dann doch, so geizig gewesen zu sein. Am nächsten Tag sucht er das Antiquariat wieder auf. Er findet die LP nicht wieder, und der Inhaber behauptet, diese sei nie durch seine Hände gegangen (Aussetzer # 1). Aufgewühlt erinnert sich der Erzähler an die Klangtapete der Beatles-Songs in jenen Jahren und an seine erste Freundin, eine Mitschülerin aus seiner Klasse. Er ist mit ihr an einem Sonntagvormittag verabredet, wie er meinte, aber sie ist nicht zu Hause. Später behauptet sie, er habe sich eine Woche zu früh eingestellt (Aussetzer # 2). An ihrer Stelle öffnet der ältere Bruder, zerzaust und wohl gerade erst aufgestanden, der den Erzähler ins Wohnzimmer bittet. Sie werde wohl bald kommen. Der Erzähler nimmt den angebotenen Kaffee nicht an, kann sich aber der stockenden Konversation nicht entziehen. Der Bruder fragt den Erzähler, ob er das kenne: eine Diskontinuität im Zeitablauf, ohne dass Alkohol oder andere Drogen im Spiel sind. Er habe hin und wieder solche Erscheinungen (Aussetzer # 3). Er nutzt nicht das Wort „Filmriss“ oder ähnlich, sondern vergleicht seine Erfahrung mit einer Mozart-Symphonie, die unvermittelt aus dem zweiten Satz an eine Stelle des dritten Satzes springt, ohne dass der Sprung selbst durch einen Misston, ein jaulendes Geräusch von der Nadel auf der Platte oder so, markiert würde. Der Bruder befürchtet manchmal, in diesen geistigen Abwesenheiten die Selbstkontrolle zu verlieren und vielleicht jemandem mit einem Hammer den Schädel einzuschlagen. Er war auch schon in Behandlung deswegen. Unserem Ich-Erzähler wird es unbehaglich, er will nun wirklich gehen, aber der Bruder beschwichtigt ihn und stellt das baldige Erscheinen der Familie in Aussicht, mit der die Schwester unterwegs ist. Er lässt den Besucher allein warten. Dem wird klar, warum seine Freundin so wenig über ihren älteren Bruder sprechen wollte. Er wühlt in seinem Rucksack nach Lesbarem, um sich die Zeit zu vertreiben, und findet nur das Schullesebuch mit japanischer Literatur. Schulbücher sind immer dabei, um gemeinsames Lernen für das Treffen mit seiner Freundin vorschützen zu können. Der Bruder taucht mit einer frisch gebrühten Tasse Kaffee wieder auf, unser Freund lehnt wieder ab. Da greift wirklich nicht eins ins andere. Überraschend bittet der Bruder darum, sein Gegenüber möge ihm etwas vorlesen. Der wählt nach einigem Zögern einen Ausschnitt aus den Zahnrädern. Lob für den Vorleser. Der Bruder lässt sich über den begabten Akutagawa aus, der seinem Leben unter dem Druck seiner Halluzinationen ein Ende gesetzt hatte. Zu denen die Bilder von Zahnrädern gehörten, die sich ihm fortwährend ins Blickfeld schoben. Die Prosaskizze endet mit den Sätzen: „Ich habe nicht mehr die Kraft weiterzuschreiben. Es ist eine unsägliche Qual, mit diesem Gefühl zu leben. Findet sich denn niemand, der mich im Schlaf sacht erdrosselt?“

So zitiert bei Murakami. Die beiden jungen Männer lauschen diesem Satz nach. Jahrzehnte später wird der Ich-Erzähler in Tokyo auf der Straße von einem Fremden angesprochen. Er erkennt in ihm den älteren Bruder seiner ersten Freundin. Na, und hier bricht die Nacherzählung ab (Aussetzer # 4). Selber lesen oder hören!