„Endre Kukorelly klopft immer noch das Mark aus dem Knochen.“

In der Autorenbuchhandlung (Írók boltja) stellt der Literaturhistoriker Péter Dávidházi das neue Buch von Endre Kukorelly (links) vor.

In der Autorenbuchhandlung (Írók boltja) stellte gestern der Literaturhistoriker Péter Dávidházi das neue Buch von Endre Kukorelly (links) vor: „Porcelánbolt“ (Porzellanladen)

In einem Beitrag zur Frankfurter Buchmesse (mit dem Ungarnschwerpunkt 1999) stellte ich u. a. Endre Kukorelly vor  („Budapester Buchmesse. Jäger und Sammler der Sprache. Ungarische Bohème.“ Frankfurter Rundschau, Samstag 9. Oktober 1999 – Beilage „Zeit und Bild“). Hier ein Auszug:

„Endre Kukorelly klopft immer noch das Mark aus dem Knochen. So klopft er in seinen Gedichten die Sprachhülsen aus. Er wohnt in der Szondygasse. Seine Stimme ist heiser.

Zur Lage in der Szondy
Irgendetwas leuchtet auf der Straße immer
Flimmern von dieser Seite von dort Lärm
vergiss es das ist zwanzigstes Jahrhundert
Früher vergammelte das Gemüse schneller

und in unserer Straße war Sommergeruch
privat hat das jetzt einer besser im Griff
der packts auseinander, damit es nicht fault
vergisses das sind die achtziger Jahre
Früher johlten hier die Besoffenen
jetzt gibt es auch immer einen der brüllt
vergisses in etwas entwickeln wir uns
in etwas anderem stehen wir nur erstarrt.
(Übertragung: Barbara Köhler)

Was gefällt mir an Endre Kukorellys Gedichten? Die vibrierende Nervosität in den Texten. Die Mischung der Diskurse. Der raffinierte Gestus des unbeholfenen Herumtappens an der Sprache. Das Versagen und Neuansetzen der Stimme. Also schon: Ehrlichkeit, aber völlig unprätentiös. Wie einer mit heiserer Stimme unerhörte Wahrheiten vorbringt, und er weiß, dass alle Zuhörer wissen: Das ist nicht die Heiserkeit des kündenden Propheten, des Predigers, nein, da hat eine die Nacht in einer rauchigen Kellerbar durchgesoffen und kann, will das nicht verbergen. Seine Wahrheiten sagt er trotzdem.  Es gibt ein Gedicht von Kukorelly, das er Géza Ottlik gewidmet hat. Es endet mit den Zeilen

(…) Asyl.

Bin ich gerüstet? Rüste ich mich und lange dort an? Lass sie
zurück, klapp sie zu, deine verdammte literarische Weisheit. Treib
also ein, was dieses Reiches ist.
(Übertragung: Irene Rübberdt)

In der aktuellen Neuerscheinung klappt er sie wieder auf, die verdammte literarische Weisheit. In dem Buch mit dem beziehungsreichen Titel „Porcelánbolt“ (Porzellanladen) versammelt Kukorelly Essays über die ungarische Literatur, vor allem der Gegenwartsliteratur. Er erhebt keinen geringeren Anspruch, als den Schulkanon umzustoßen. Ein Hauptaugenmerk gilt den verborgenen Autoren der ungarischen Neo-Avantgarde der 1960er und 1970er Jahre, wie dem Konzeptkünstler, Essayisten und Filmemacher Miklós Erdély. Ich bin gespannt auf die Lektüre.

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