Was die Katze hereinschleppte

Halloween-Menü: Vorspeise "Fingerfood"

Halloween-Menü: Vorspeise „Fingerfood“

„Was die Katze hereinschleppte“ – exemplarischer Titel einer Sammlung mit Erzählungen von Patricia Highsmith. Der Einbruch des Schrecklichen und Phantastischen in die Alltagswelt, der Horror, setzte immer schon die Vorstellung von mindestens einer parallelen Welt voraus. Ein Exemplar des Romans (Taschenbuch-Ausgabe) ist seit zwei Jahren unterwegs. Am 1. November 2012 (!) wurde es im Café M (OBCZ) in Aachen „freigelassen“, kam am 16. November zurück ins Regal und kreuzt laut Notiz vom 29. September 2013 wieder über imaginäre Meere auf der Suche nach einem Ankerplatz, muss aber wie der Fliegende Holländer immer erneut zurück auf Los. (bookcrossing.com)[i]

Die Illustration auf dem Buchdeckel lässt keinen Zweifel daran, was denn die Katze hereingeschleppt hat: einen abgetrennten menschlichen Finger, daran klebt noch Blut. Remember, remember the first of november: Allerheiligen. All Hallows‘ Eve. Der Abend vor Allerheiligen geht heuer in Köln einher mit gemeinsamem Kochen: In der Backröhre schmurgeln schon zwei Teufelsfische Rücken an Rücken und müssen nur hin und wieder mit dem Sud aus Tomaten, Fenchel und Weißwein begossen werden. Das Hackmesser liegt untätig, werden wir doch das Basilikum zerzupfen und über die Fische streuen. Zur Freude des Hackmessers ist aber noch Zeit für eine Halloween-Vorspeise: Brühwürstchen in Fingerlänge halbieren, die Stücke auf einem Teller arrangieren, die Schnittflächen mit einem Schuss Tomatenketchup bestreichen, die knackige innere Schale einer Zwiebel zu fingernagelgroßen Stücken schneiden und damit die abgerundeten Enden der Würstchenhälften garnieren: fertig! Jetzt mit dem Smartphone fotografieren und mit aller Welt „teilen“.

Obwohl man eher den Kürbis (Jack O‘ Lantern) mit Halloween assoziiert, ist das Fest selbst wie eine Zwiebel: nach älterer Auffassung, die den Brauch kontinuierlich auf keltische Wurzeln zurückführt, „eine dünne christliche Hülle um einen heidnischen Kern“ [ii], nach neueren ethnographischen Forschungen eher eine über den Kern gezogene Hülle, auf die eine weitere Schale aufklärerisch-atavistisch reagiert. In den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde der Brauch aus den USA nach Europa re-importiert, hauptsächlich wohl aus kommerziellen Gründen – in Köln sprang der Funke vom anarchischen „Jeisterzoch“ , der den wegen des ersten Irak-Kriegs verbotenen offiziellen Karnevalsumzug ersetzte, hinüber in den Herbst desselben Jahres, als Vorspiel zu der Fünften Jahreszeit, die offiziell am 11. 11. um 11 Uhr 11 beginnt und erst wieder am Aschermittwoch endet.[iii]

Während draußen in der Gegend am Ring zwischen Rudolfplatz und Friesenplatz, im Belgischen Viertel und längs des Friesenwalls die Unruhe wächst, die Geister vor den Bars und Diskotheken Schlange stehen oder sich in Hauseingängen und auf Schaufensterbalustraden ins Koma trinken, geben wir uns nach Wurstfingern und Teufelsfisch Süßes statt Saures. Draußen werden bald Flaschen an Brandwänden und graffitösen Fassaden zerschellen. Was schert uns die Welt! Irisch-katholisch ist Halloween, rheinisch- oder alemannisch-katholisch Karneval und Fasching. Und der orthodoxe Standpunkt? Ich habe keine Beziehung zu den Toten, aber an Halloween will man Tote lebendig machen. Wenn ich tot wäre, würde ich mich freuen, wenn man mich zu einem solchen Festmahl einlüde.

[i] http://www.bookcrossing.com/journal/11503860/

[ii] Sir John Frazer, The Golden Bough (1922)

[iii] http://www.geisterzug.de/ Hier „1991: Die Null-Nummer“

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