Der Löwe und der Pfau

Die Zwitscher-Maschine (Twittering Machine) Paul Klee: Die Zwitscher-Maschine

Kaum denkt man noch daran – aber es gab einmal eine Zeit, da schien König Nobel an einem Pfauen seinen Narren gefressen zu haben. Es hatte dem Löwen gefallen, die Gesetze und Erlasse nicht selbst in Kraft zu setzen, sondern sie in seinem Beisein vom Pfauen unterzeichnen zu lassen. „Wie soll ich sagen,” dröhnte der Löwe, „der Pfau führt die Feder mit der Eleganz eines Florettfechters.” Damals waren Mantel-und-Degen-Filme in Mode. Grund genug für den Pfauen, seine Federn ordentlich zu spreizen. Freilich hatte er Neider. Böse Stimmen verbreiteten das Gerücht, der Pfau schmücke sich mit fremden Federn. Die Höflinge forderten ihn auf, ein Rad zu schlagen. Der Pfau aber wies das von sich: „Ich sitze zur Rechten des Königs. Da habe ich anderes im Sinn als alberne Zirkusstücke.” Die Höflinge verabredeten sich zu einem nächtlichen Überfall auf seine Kammer, um sich in Besitz des Federkleids zu bringen. Aber es kam heraus, dass der Pfau seinen Platz neben dem Thron niemals verließ. Da fasste sich ein Page, ein sehr junger Kater, ein Herz und verkrallte sich in die Pfauenfedern. Der Hofhund wollte es ihm verbieten und stürzte auf ihn zu. Der Kater erschrak und suchte schnell das Weite. Natürlich ein abgekartetes Spiel. Denn der Kater auf der Flucht riss das Federkleid wie ohne Absicht mit sich. Der Pfau stand nackt da: ein mechanisches Räderwerk, ein Schreibautomat, eine Zwitscher-Maschine.

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