Patchwork

Patchwork //// Ungarn-Nachrichten im Januar 2011.  Ein geneigter Leser schickt mir – auf anderem Wege, er ist kein Blogger – folgende Zeilen:

„Was Ungarn vernäht,
will ich nicht versäumen.“

Danke, T.F., das Wortspiel hilft, dem Wettkampf zwischen Nähmaschine und Schreibmaschine aus einer dadaistischen Ecke zuzuschauen.

2 Kommentare zu “Patchwork

  1. Was denn: Ist Deine Nähmaschinen-Metapher eine Neuaufnahme der „Monster“-Debatte (unser Schlagabtausch über Goya bei „Alpträume“ im November 2010), oder willst Du auf die ungarische Auslegeware in Brüssel anspielen, den berühmt-berüchtigten Teppich mit den Grenzen von Groß-Ungarn?

    • Nein, direkt weder auf das eine noch auf das andere. Das Monster „Mediengesetz“ genauer in Augenschein zu nehmen, hatte ich wie so viele nicht die Zeit. Trotzdem reden alle und schreiben viele darüber. Aus Zeitmangel kommt es zu eher symbolischen Aktionen: Man klebt sich den Mund zu. So lud auch ich eine leere Seite in dieses Blog hoch, mit der ich meiner Sorge um die Meinungs- und Pressefreiheit Ausdruck gab. Dafür habe ich Kritik von ungarischen Freunden eingesteckt. Mich interessiert aber nicht, dass der Autor, dessen Idee ich zitierte, ein sozialistisches Parteibuch gehabt und Moliére durch seine Übersetzungen geschadet haben soll. Bezeichnend für die Doppelseite in dem Magazin „168 Stunden“, auf das ich mich bezog, war für mich die Doppelgesichtigkeit. Der Autor ließ nicht einfach zwei Seiten unbedruckt, sondern trug die Idee von der leeren Seite mit Pathos und gewaltigem rhetorischen Aufwand vor. Das Pathos dementierte die Idee. Etwas Abstand würde gut tun. Dann gäbe es ein Bild. Der ungarische Teppich in Brüssel ist ein gutes Beispiel dafür. Abbildungen von Kaisern und Urkunden, von Siegeln und Wappen sind hineingewirkt. Europäische Geschichte eben. Darüber laufen die Europa-Abgeordneten hinweg. Ah, und dort eine Karte von Ungarn, und nicht in den heutigen Grenzen!!! Sie stellt aber nicht „Groß-Ungarn“ dar, wie vielfach kolportiert wurde. Nicht die Grenzen nach dem Ausgleich von 1867 und der Gründung der K.u.K-Doppelmonarchie, sondern die Grenzen von 1848 sollen zu sehen sein. Dem Jahr der Revolution, deren Hauptforderung Meinungs- und Pressefreiheit war. Genauer hinschauen bitte! Gesehen habe ich den Teppich freilich selber nicht.
      Den Wettkampf zwischen Nähmaschine und Schreibmaschine nehme ich als Bild für den heißlaufenden Betrieb der Nachrichtenproduktion im ablaufenden Monat. Die ungarische Politik macht ein Gesetz mit der heißen Nadel – und die westliche Presse zieht eine schockfarbene Patchwork-Decke über den bisherigen weißen Fleck auf der Landkarte Europas. Ungarn hat Westeuropa kaum je richtig interessiert – außer als Projektionsfläche eigener Ängste oder Sehnsüchte („Hauptstadt der Alpträume“ vs. „Ich denke oft an Piroska“). Der Nachrichtenwert von Ereignissen oder Trends in den vergangenen Jahren, die für sich genommen erschreckend genug waren, wurde als zu gering eingeschätzt, als dass sie es als Schlagzeile auf die erste Seite oder als Mehrspalter auf die Auslandsseite einer deutschen Gazette geschafft hätten. Über die Roma-Morde wurde mit Blick auf die Ungarische Garde (Magyar Gárda) berichtet, aber von wenigen Ausnahmen abgesehen kaum im Zusammenhang mit der Lynchjustiz an einem Lehrer, der in Olaszliszka angeblich ein Roma-Mädchen angefahren hatte. Alles wurde aufgespart für den Beginn der EU-Präsidentschaft Ungarns im Januar 2011 – dann aber kam es knüppeldick. Es passte jetzt alles ins Bild. Ein Sack voll schlechter Nachrichten konnte über Ungarn ausgeschüttet werden.

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