Wahlen in Ungarn

Fotografiert in der Tompa utcaIn der Franzensstadt erschienen in den vergangenen Wochen Schablonen-Graffiti mit dem Porträt Attila Józsefs, des nach verbreitetem Urteil (neben Endre Ady) bedeutendsten ungarischen Lyrikers im 20. Jahrhundert. Auf den  Plakatwänden für die  politischen Parteien, die sich am heutigen Sonntag um die Stimmen von mehr als 8 Millionen Wahlberechtigten bewerben,  klebte das  Porträt mit dem Slogan, für Europäer sei Attila József die einzig wählbare Alternative am 11. April. Heute vor 105 Jahren wurde der Dichter als Sohn einer Wäscherin geboren – in der Gát utca [Deichgasse], ebenfalls in der Franzensstadt.  Im Innenhof findet heute eine Lesung mit allen seinen Gedichten statt – aus einer Wahlkabine heraus.  Meine Wahl ist schon lange auf Attila József gefallen, ihn, der wegen eines Gedichts vom Lehrerstudium an der Universität Szeged ausgeschlossen wurde und den man 1936 nicht zu Thomas Mann vorließ, als dieser Budapest besuchte.

Der Dichter im Abseits

Bronzen, überlebensgroß
Eine umgeschmolzene Glocke:
Aus der Form gestürzt
Ans Ufer erzwungenen Müßiggangs.
Die Hände zwischen den Knien
Mögen auch den Hut nicht mehr dreh′n.

Geschweige denn… Und Schweigen.
Haltloser Blick auf den
Strom, drin treibt die
Sprache in Schollen, türmt
Sich zu Eisgebirgen
Auf:  So leer das alles.

Augenstümpfe, Stammelohren, wund
Die von Apollo gehäutete Zunge…
Aber golden, golden
Zwischen Braue und Wange
Golden im Licht der Bogenlampen
Webt eine Spinne ihr schütteres Netz.

(1. Dezember 1995)

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