Die Teilzeit-Tusse

Flambierte Frauen sind Geschmackssache. Hier ist eine Frau, die nichts anbrennen lässt. Ihr Verlag stellt sie u. a. mit folgenden Angaben vor: „verheiratet, 2 Töchter, arbeitet als Sozialarbeiterin im Sozialpsychiatrischen Dienst, sozialtherapeutische- und musiktherapeutische Zusatzausbildung, Sterbebegleiterin“.

coverleimbachIrene Ullrich-Leimbach hört auch nach ihrer „Zur-Ruhe-Setzung“ nicht auf, sich um Menschen am Rande der Gesellschaft zu kümmern. Bei den Suchtkranken einer mittelgroßen Hafenstadt war sie über Jahrzehnte als konsequente und kompetente Helferin bekannt. Bekannt, gefürchtet und heimlich auch geliebt, hat sie das Zuhören doch nie verlernt. Aber ihre Klienten fanden bei ihr nicht nur Verständnis. Sie wurden immer auch mit der Forderung konfrontiert, in ihrem Problemspeicher oder in ihrem Gefühlshaushalt aufzuräumen. Nach der guten, alten Hausfrauenregel: Überlege nicht lange, wo bloß anfangen? Fang irgendwo an! Zupackend sind auch Irenes Texte in dem jüngst erschienenen Band „Poetische Setzlinge” (Geest Verlag) – die nur entfernt etwas mit ihrem Beruf, viel mehr aber mit ihrer eigenen Existenz als Frau in der Arbeits- und Konsumwelt zu tun haben. Sie sieht sich umgeben von Hedonisten, die das Jammern auf hohem Niveau anstimmen: „Zeit zu klagen / Zeit zu handeln / / Michelangelo trifft sich mit Inge / in der Sixtinischen Kapelle / und wo bleibe ich?” Und sie stemmt sich gegen den Trend zur Frühverrentung: „Wie lange musst du noch, / fragen die Pensionäre, / mitleidig oder irritiert? // Dabei wäre es / viel beruhigender, / für sie, / wenn ich nun auch / Modellbaukästen reanimierte, / verreiste / und mich auf Spieleabende / vorbereitete.” Dieses Gedicht endet mit einem Posaunensolo: „Sie haben völlig recht: / Ich brauche wirkliche Probleme!” Und schon sucht sie im realen Leben nach einem Teilzeitjob, vereinbar mit dem gewöhnungsbedürftigen Rentnerdasein.

Die Probleme werden Irene Ullrich-Leimbach so schnell nicht ausgehen. Deutschland im zweiten Flüchtlingsherbst – da liegen die Themen, die sie in ihrem nächsten Textband anpacken will. Eine gute Medizin gegen das Altern – schon der Barockdichter Friedrich Freiher von Logau wusste das: „Ein Mühlstein und ein Menschenherz wird stets herumgetrieben. / Wo beides nichts zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben.“ Derweil reiben wir uns an einem Gedicht aus ihrer ersten Veröffentlichung: „Die Teilzeittusse“ – in diesem Hochgeschwindigkeits-Blog namens „Intercity Wanderjahre“ auf der Seite „Mitreisende“ zu finden.

Péter Esterházy signiert

Beim 87. Budapester Buchfestival mitten auf dem Vörösmarty Platz. In einem Zelt des Magvető Verlags sitzt Péter Esterházy und signiert seine Bücher. Das Zeitfenster ist die Stunde von 17 bis 18 Uhr. Ich stelle mich ans Ende der Schlange, in der Hand die Neuerscheinung: Bauchspeicheldrüsentagebuch. Es ist 17:30 Uhr.

Budapest_Buchfestival_2016_1

Leichter Regen. Die Reihe der Wartenden reicht um den Löwenbrunnen herum. In acht Minuten rückt die Schlange vielleicht fünf, sechs Meter weiter. Ob man wohl noch zum Zuge kommt? Die Menschen sind geduldig, sie unterhalten sich gedämpft. Es muss sehr anstrengend für ihn sein, mit dieser Art von Krankheit.

Budapest_Buchfestival_2016_2

Die Nachricht läuft den unsichtbaren Draht entlang: Er verlängert bis halb sieben. Der Brunnen wird zur Nabe eines Zifferblatts. Eine Menschenuhr: eine andere Zeitrechnung. Um 18:30 Uhr stellt sich ein Verlagsmitarbeiter ans Ende der Schlange. Es geht weiter, aber niemand darf sich neu einreihen. Manche haben vier, fünf Bücher unter dem Arm. Andere blättern, lesen sich fest. Nach hinten verliert die Reihe allmählich ihre Krümmung. 18:50 Uhr. Dann das Zelt, am schmalen Eingang Sicherheitskräfte. Zögernd treten die Menschen ein. Sand rinnt durch die Engführung des Stundenglases. Dort sitzt der Meister in einem hellen Anzug und signiert. Die langen Haare bauschen, türmen  sich weiß über einem schmalen Gesicht. Was sagen? Dank für die vielen spielerischen Wege um mein deutsches Denken herum. Er: Was soll ich schreiben?

Sich ausstellen

Mutig, der Ansatz. Die Familienmitglieder der zweiten Generation leben noch – und schon kommen Erinnerungsstücke an die erste ins Museum. Die Doppelausstellung von Katharina Roters und József Szolnoki greift tief in die Familienarchive und in das kollektive Vergessen, dessen Larven und Lemuren an die Oberfläche drängen. „HACK The PaST!” ist das Motto, „HACKeLD a MÚLTaT” lautet es auf Ungarisch. Die Künst­lerin gibt etwas von sich preis, sie stellt sich aus: Ihren kühl-analytischen Blick auf „Mein[en] Opa” – das ist der Vater des deutschen Vaters – und auf „Nagypapa” – dabei handelt es sich um den Vater der Mutter. Katharina Roters geht aber auch dahin, wo es weh tut. Und so wird etwas wie „nachgetragene Liebe” daraus (der Titel eines Romans von Peter Härtling, in dem er seinem Vater ein Denkmal setzte). Die fotorealistischen Gemälde von Opas Hochzeitsreise (Klick hier), in einem verblassenden Rosa-Sepia-Ton gehalten, werden ergänzt von Objekten aus dem Familienbesitz: das Exemplar von „Mein Kampf”, das jedes deutsche Paar zur Hochzeit geschenkt bekam, aus dem das Hitler-Porträt herausgerissen wurde, wird mit einem unversehrten Exemplar konfrontiert. Dazu passt die Konfrontation zweier Porträtfotos, das den alterslosen Bräutigam zeigt: Einmal mit dem NS-Fliegerabzeichen aus den 30er Jahren, dann das gleiche Foto vom Ende der 40er Jahre, das gleiche Gesicht, die gleiche Krawatte, nur auf dem Anzugrevers ist das Abzeichen wegretuschiert. Unter die Haut geht die Porträt­zeichnung von Nagypapa, der mit einem halben Schnurrbart dargestellt wird. Als einer der obersten Richter des Komitats hatte er im Juni 1946 noch die Exhumierung eines Massengrabes beaufsichtigt, in dem auch die sterblichen Überreste des Dichters Miklós Radnóti gefunden wurden. Radnóti war mit anderen jüdischen Zwangsarbeitern auf dem Todesmarsch von Bor in Serbien Richtung Österreich per Genick­schuss exekutiert worden; die Schergen hatten ihn am Rand der Landstraße von Győr / Raab nach Abda verscharrt. Sein Notizbuch mit seinen letzten Gedichten trug er bei sich. Später unter den Stalinisten verlor Nagypapa sein Amt, das juristische Diplom wurde ihm aberkannt. Als Buchhalter in der Lebensmittelindustrie konnte er den Lebensunterhalt seiner Familie sichern. Eines Tages trieben die Genossen ihren Scherz mit ihm und rasierten ihm den halben Schnurrbart ab. Jószef Szolnoki ergänzt diesen sehr persönlichen Ansatz seiner Frau Katharina Roters und zeichnet in die Säle des Museums Reflexionslinien ein, die den Blick von der Familiengeschichte in die europäische Erinnerungskultur verlängern. Als Filmemacher dokumentiert er zum Beispiel die Arbeit mit einer Jugendgruppe, welche die Figuren eines Reliefs aus der Rákosi-Ära mit der Standbild-Methode analysiert. Das Relief am Komitatshaus war vor einiger Zeit plötzlich wieder im Stadtbild Salgotarjáns erschienen, nachdem eine Reihe Bäume gefällt werden musste… Aleida Assmann spricht in ihrem Buch „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur” von einer „nach­hal­tigen Spaltung Euro­pas”. Die „Opfer­konkurrenz” zwi­schen Holocaust und Gulag ist noch nicht durch ein gesamt­eu­ro­pä­i­sches, symme­trisch den stalinisti­schen und den nationalsozialistischen, auf Vernichtung ab­zie­lenden staatlichen Terror verknüpfendes Gedenken zum Stillstand gekommen. Die Ausstellung im Rómer Flóris Műveszeti és Történeti Múzeum, das im Eszterházy-Palais mitten in Győr / Raab untergebracht ist, kann diese Unwucht mindestens für die Dauer eines Besuchs aufheben. Die Ausstellung ist bis Ende Februar geöffnet.

Hack meghivo_2016